Unternehmensnachfolge, Fachkräftemangel & Preiskampf Genossenschaft: Eine Rechtsform für das Handwerk

"Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele" – ein Satz, der die Vorteile und Funktionsweise einer Genossenschaft vereinfacht auf den Punkt bringt. Für das Handwerk kann die Rechtsform ein Modell sein, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig liefert sie Lösungsansätze für künftige Herausforderungen im Handwerk, wie beispielsweise die Unternehmensnachfolge oder den Fachkräftemangel.

Gemeinsam stark: Die Rechtsform der Genossenschaft bietet verschiedene Modelle, wie Handwerksbetriebe miteinander kooperieren und Erfolg haben können. - © Robert Kneschke/Fotolia.com

Die "Zentraleinkauf Holz + Kunststoff eG (ZEG)" ist eine von über 1.300 gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften in Deutschland. Erst vor wenigen Monaten ist das Unternehmen mit etwa 900 Mitarbeitern und deutschlandweiten Niederlassungen in das neue und größere Stammhaus in Kornwestheim bei Stuttgart eingezogen. Auf mehr als 128.000 Quadratmetern Lagerfläche hält die ZEG unterschiedlichste Waren für das holzverarbeitende Handwerk bereit.

Mitgliedschaft in einer Genossenschaft bringt Preis- und Wettbewerbsvorteile

Das Angebot der ZEG steht nicht nur Mitgliedern der Genossenschaft offen. Auch andere Betriebe können sich aus dem Sortiment bedienen, das von Holzplatten über HPL Kunststoffplatten bis hin zu Türen, Baubeschlägen und Werkzeugen reicht. Dennoch: "Rund 55 Prozent der Umsätze werden mit unseren Mitgliedern gemacht", sagt Christian Kössler, Vorstandsmitglied der ZEG. Über 4.000 Schreiner, Tischler und sonstige holzverarbeitende Betriebe engagieren sich mittlerweile als Genossen in der ZEG.

Das dürfte vor allem an den Vorteilen liegen, die die ZEG für ihre Mitglieder bereithält. Bessere Zahlungskonditionen, eine jährliche Dividende und Warenrückvergütung sowie geringere Fracht- und Logistikkosten bescheren den Mitgliedern Preisvorteile gegenüber ihren Konkurrenten. Des Weiteren profitieren in der Genossenschaft organisierte Betriebe von Serviceleistungen. So werden die Betriebe bei Marketingmaßnahmen oder Rechtsstreitigkeiten unterstützt. Weitere Sonderkonditionen bei Partnerunternehmen wie zum Beispiel den Aral Tankstellen runden das Paket ab.

Die ZEG ist als Genossenschaft nicht auf die Maximierung von Umsätzen fixiert, sondern bemüht sich in erster Linie um die Förderung ihrer Mitglieder. Aktive Mitglieder profitieren von günstigen Konditionen und haben ein gleichberechtigtes Stimmrecht, mit dem sie Einfluss auf Entscheidungen in der Genossenschaft nehmen können.

Handwerksgenossenschaft: Ein Zukunftsmodell?

Die Wahl der ZEG als Veranstaltungsort für die Jahrespressekonferenz des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands e.V. (bwgv) war also alles andere als ein Zufall. Deutschlands größte Genossenschaft im Holzhandwerk ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Betriebe eines Gewerks durch gemeinschaftliches Auftreten am Markt Preis- und Wettbewerbsvorteile gegenüber großen Unternehmen aus Industrie und Ausland verschaffen können.

Die ZEG ist eine klassische Einkaufsgenossenschaft. "Weitere Genossenschaftsmodelle im Handwerk sind Produktivgenossenschaften und gewerkeübergreifende Genossenschaften", erklärt BWGV-Präsident Roman Glaser. Während die Gründungsjahre von Einkaufsgenossenschaften meist viele Jahrzehnte zurückliegen, sieht die bwgv vor allem für die beiden anderen Genossenschaftsformen großes Potential für Neugründungen in der nahen Zukunft. "Die Rechtsform der Genossenschaft ist in wettbewerbsintensiven Branchen wie dem Handwerk wichtiger denn je", ist sich Glaser sicher.

Gewerkeübergreifende Kooperationen: Kräfte sinnvoll bündeln

Wie Handwerksbetriebe unterschiedlicher Gewerke sinnvoll miteinander paktieren können, macht Glaser an einem Beispiel fest: "Sinn macht eine solche Genossenschaft beispielsweise im Bau- und Ausbauhandwerk. Hier können sich mehrere Handwerksbetriebe sinnvoll zusammenschließen und die gesamte Wertschöpfungskette anbieten." Kunden müssten keine separaten Angebote mehr für Maler, Maurer und Elektriker einholen, sondern hätten einen zentralen Ansprechpartner, der den Kundenauftrag an die Genossenschaftsmitglieder verteilt. Komplettangebote wie diese können in einem umkämpften Segment wie dem Handwerk entscheidend bei der Auftragsvergabe sein.

Durch die meist geringe Mitarbeiterzahl ist es Handwerksbetrieben oftmals nicht möglich, derartige gewerkeübergreifende Angebote zu machen. Der Bedarf an Dienstleistungen aus einer Hand ist jedoch gegeben. Eine Genossenschaft kann dieses Problem lösen. Zusätzlich können Betriebe durch den genossenschaftlichen Verbund neue Absatzmärkte erschließen. Da die Genossenschaft die Auftragsakquise sowie die Abrechnung der einzelnen Handwerksleistungen übernimmt, bleibt den Betrieben zudem mehr Zeit für das Kerngeschäft .

Problem der Unternehmensnachfolge: Produktivgenossenschaft eine Lösung

Die Rechtsform der Produktivgenossenschaft könne laut Aussagen des bwgv zu einem Erfolgsmodell bei der Lösung eines drängenden Themas im Handwerk sein. Aus einer Umfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT) im Jahr 2015 ging hervor, dass bis zum Jahr 2020 allein im Südwesten Deutschlands rund 18.000 Handwerksbetriebe vor der Nachfolge-Thematik stehen. "Hier können Genossenschaften in vielen Fällen eine Lösung sein", betont Glaser.

Findet sich innerhalb der Familie kein geeigneter Nachfolger, sind die Handwerksbetriebe auf Mitarbeiter oder externe Interessenten angewiesen. Andernfalls droht mit dem Ruhestand des Inhabers die Schließung des Handwerkbetriebs. Ein häufiges Problem: Mitarbeiter fühlen sich mit der alleinigen Last der Nachfolge überfordert oder sind finanziell nicht dazu in der Lage, den Betrieb weiterzuführen.

Bei Produktivgenossenschaften werden Mitarbeiter eines Handwerksbetriebs gleichzeitig auch Mitglieder der eG und somit zum Mitunternehmer. "Bereits drei gute Mitarbeiter genügen, um eine eG zu gründen und so den Handwerksbetrieb gemeinsam als Produktivgenossenschaft fortzuführen", erklärt Glaser. Die Last der Unternehmensnachfolge würde sich so nicht nur auf eine, sondern auf mehrere Schultern verteilen. Gleichzeitig bietet das Modell den Vorteil, dass die Mitarbeiter als Mitglieder der Genossenschaft über die Dividende auch am Erfolg ihres Unternehmens teilhaben können. Das sieht Glaser als Motivationsschub für die Belegschaft .

Individuelle Konzepte zur Bekämpfung des Fachkräftemangels

Auch eine Studie der DZ Bank, der genossenschaftlichen Zentralbank in Deutschland, kommt zum Schluss, dass Handwerker ihre Kräfte vermehrt in Genossenschaften bündeln sollten. "Aktuell ist die Branche sehr gut ausgelastet, doch es wird auch wieder andere Zeiten geben. Dann ist es gut, wenn man auf eine starke Gemeinschaft zurückgreifen kann", prognostiziert Glaser. Gemeinsam ließen sich die anstehenden Herausforderungen wie der Fachkräftemangel, Nachfolgeprobleme, aber auch die zunehmende Konkurrenz durch Industriebetriebe und ausländische Anbieter besser bewältigen.

Gerade der Fachkräftemangel ist ein akutes Problem. Doch wie können Genossenschaften helfen, diesem Problem begegnen? "Wir haben übergreifend in allen Genossenschaften eine Ausbildungsquote von etwa acht bis zehn Prozent", schätzt Glaser. An der hauseigenen Akademie werden von Seiten der bwgv zudem a ttraktive Fort- und Weiterbildungen angeboten.

Damit Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt auf Ausbildungsberufe im Handwerk aufmerksam werden, kooperieren Betriebe bereits jetzt in Genossenschaften, um gemeinsames Marketing zu betreiben. Für die Zukunft sieht Glaser zudem Chancen, dass eigens Ausbildungsgenossenschaften gegründet werden, um wieder mehr Fachkräfte für das Handwerk zu gewinnen.

Ähnliche Modelle gibt es in Baden Württemberg bereits in anderen Branchen. Hier weist Glaser auf eine im Jahr 2013 gegründete Ausbildungsgenossenschaft hin, die für Betriebe im Bereich der Friedhofs- und Dienstleistungsgärtner die kompletten organisatorischen und administrativen Aufgaben eines Ausbildungsbetriebes übernimmt. Die praktische Berufsbildung erfolgt in den jeweiligen Betriebsstätten der Mitgliedsunternehmen. Ähnliche Modelle ließen sich laut Glaser auch auf das Handwerk übertragen.