Interview mit Hadije Zeka von der Arbeitsagentur Stuttgart Generation Z: "Wir brauchen sie mehr als sie uns"

Sie stellen selbstbewusst Forderungen, sind kritikunfähig und sprunghaft. Mit diesen Eigenschaften wird die Generation Z häufig beschrieben. Ein Team in der Arbeitsagentur Stuttgart bietet auch für sie eine Beratung an. Teamleiterin Hadije Zeka verrät, wie die neuen Azubis wirklich ticken, was sie von Arbeitgebern aus dem Handwerk erwarten und mit welchen Benefits man die jungen Leute langfristig an sich binden kann.

Illustration Generation Z.
Die Generation Z ist ständig online und daran gewöhnt, unmittelbares Feedback über die Sozialen Medien zu erhalten. Das wünschen sich die jungen Menschen auch von ihrem Arbeitgeber. - © The img - stock.adobe.com

Frau Zeka, Sie bieten bei der Arbeitsagentur Stuttgart eine spezielle Beratung für junge Menschen, also auch für die Generation Z, an. Was sind das für Menschen, die typischerweise zu Ihnen kommen?

Hadije Zeka: In meinem Team beraten wir meist Jugendliche und junge Erwachsene, die nach der Schule keine Ausbildung abgeschlossen, in den allermeisten Fällen aber schon erste Berufserfahrung gesammelt haben. In der Regel haben sie schon über zwölf Monate gearbeitet. Sprich: Es handelt sich dabei um klassische Leistungsempfänger, die Arbeitslosengeld beziehen und gleichzeitig die Verpflichtung haben, sich schnell wieder einen Job zu suchen.

Wie kommt es, dass so viele junge Menschen ohne eine Ausbildung ins Berufsleben einsteigen?

Das liegt zum Beispiel daran, dass sie auch ohne Ausbildung gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Zum Teil werden sie schon im Helferbereich von Arbeitgeber zu Arbeitgeber abgeworben. Diese locken mit gut bezahlten Stellen, zumindest im Vergleich zum Verdienst in einer Ausbildung. Oft haben die jungen Menschen schon während der Schulzeit mit einer Nebentätigkeit begonnen und nach dem Ende der Schule dort einfach weitergearbeitet. Auch das Elternhaus kann eine Rolle spielen: Die Jugendlichen wohnen vielleicht schon alleine und müssen ihr eigenes Geld verdienen. Darunter sind aber auch junge Menschen, die durchaus nach einer Ausbildung gesucht, aber keine passende Stelle bekommen haben. Oder Ausbildungsabbrecher und -abbrecherinnen, die dann, direkt in den Beruf einzusteigen. Wir versuchen dann, diese Menschen an den Ausbildungsmarkt heranzuführen und sie von der Notwendigkeit einer Ausbildung zu überzeugen.

Haben Sie damit Erfolg?

Das ist gar nicht so einfach. Denn für sie ist eine Ausbildung vorübergehend mit weniger Gehalt und mit mehr Lernstress verbunden. Haben sie erst einmal gearbeitet, fällt es ihnen schwer, wieder zur Schule zu gehen. Mithilfe verschiedener Programme, einer engen Begleitung mit vielen Gesprächsterminen und Kontakten zu potenziellen Arbeitgebern versuchen wir, Überzeugungsarbeit bei den Jugendlichen zu leisten. Im Allgemeinem haben wir die Erfahrung gemacht, dass diese Generation sehr beratungsintensiv ist. Einerseits gehen wir mit viel Fingerspitzengefühl an die Gespräche. Andererseits ist es natürlich auch wichtig, dass wir klare Verbindlichkeiten herstellen. Aber: Die Jugendlichen wissen ganz genau, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Und für sie steht fest, dass sie nicht zu viele Kompromisse eingehen, nur weil man das immer so gemacht hat oder es erwartet wird. Schließlich brauchen wir sie mehr als sie uns.

"Die Generation Z ist immer informiert, weiß ganz genau Bescheid, was gefragt und gebraucht wird und dementsprechend, wie hoch ihr Marktwert ist. Hieraus ergeben sich Ansprüche."

Damit sprechen Sie eine Eigenschaft an, die der Generation Z häufig unterstellt wird. Es heißt, sie weiß um ihren Wert für die Arbeitswelt und stellt dementsprechend Forderungen. Woher kommt dieses Selbstbewusstsein?

Die Generation Z führt im Grunde die Werte ihrer Vorgängergeneration – den Millenials – fort. Nur lebt sie diese noch viel intensiver. Sie wächst schon mit der Geburt digital auf, ist immer online. Das bedeutet, diese Generation ist immer informiert, weiß ganz genau Bescheid, was gefragt und gebraucht wird und dementsprechend, wie hoch ihr Marktwert ist. Hieraus ergeben sich Ansprüche. Einerseits ist den jungen Menschen ein gut bezahlter Job wichtig, denn sie möchten sich gewisse Dinge leisten können. Andererseits wollen sie den Job nicht über alles andere im Leben stellen, wie das häufig vorherige Generationen vorgelebt haben.

Portraitbild Hadije Zeka.
Hadije Zeka ist Teamleiterin bei der Arbeitsvermittlung der Agentur für Arbeit Stuttgart. - © Agentur für Arbeit Stuttgart

Was ist der Generation Z bei der Jobauswahl noch wichtig?

Der Generation Z wird oft nachgesagt, dass sie länger arbeiten muss als die vorherigen Generationen und sie dennoch kaum Rente bekommt. Deshalb sind die jungen Menschen besonders achtsam bei der Jobauswahl und betrachten Arbeitszeit als Lebenszeit. Das heißt, wenn diese Generation schon länger arbeiten muss, soll ihr die Arbeit auch besonders viel Spaß machen und Erfüllung bringen. Die Jugendlichen wollen einerseits als Teil des Unternehmens gesehen werden, das heißt sie möchten mitreden, mitbestimmen und mitmachen können. Auf der anderen Seite wollen sie aber auch als Individuum wahrgenommen werden. Wertschätzung ist ihnen enorm wichtig. Und das nicht nur in Form eines hohen Gehaltes.

Wie sollte diese besondere Wertschätzung gegenüber den neuen Azubis aussehen?

Die Generation Z verlangt von ihren Arbeitgebern ständiges Feedback. Weil es ihnen so wichtig ist, sich selbst zu verwirklichen, wollen sie Handlungs- und Lernfelder aufgezeigt bekommen, mithilfe derer sie sich entwickeln und auch mit anderen messen können. Im Idealfall sollte ein Arbeitgeber mehrmals die Woche beziehungsweise situationsangemessen Feedback geben. Tut er das nicht, sind die jungen Menschen schnell verunsichert, denn sie sind das aus ihrem Privatleben nicht gewohnt. Sie leben ja quasi in der digitalen Welt, wo sie sich ständig mitteilen. Durch die sozialen Medien sind sie es gewohnt, unmittelbar Feedback zu erhalten.

Wie kann ein Handwerkschef richtig Feedback an seine Azubis geben?

Offenheit und Ehrlichkeit ist der Generation Z wichtig. Gleichzeitig sollte die Kritik nicht zu harsch und nicht persönlich angreifend sein. Ein falsch verstandenes Feedback kann im Extremfall dazu führen, dass sie kurzerhand vom Job abspringen. Dieses Verhalten kann dann von der Gesellschaft oder den älteren Generationen schlecht nachvollzogen werden. Der Generation Z wird häufig pauschal nachgesagt, sie schmeiße zu früh das Handtuch oder sei unmotiviert. Dabei ist sie diesen Umgang lediglich weniger gewohnt. Und die jungen Leute wissen genau, dass es da draußen noch viele Stellen gibt, auf die sie sich bewerben können.

Können Sie das anhand eines Beispiels erklären? Ein Handwerkschef lässt seinen Azubi der Generation Z ein Werkstück herstellen: Wie kann er den Prozess begleiten?

Im Idealfall ist es so, dass der Arbeitgeber währenddessen immer wieder ein kurzes Feedback gibt. Dieses sollte lösungsorientiert sein. Was kann der Azubi noch verbessern? Ist er immer noch auf dem richtigen Weg? Solch ein Feedback fordern die jungen Menschen regelrecht ein. Denn auch in diesem Fall spüren die Jugendlichen Druck und Verunsicherung – weil sie ihr Können vergleichen, zum Beispiel mit dem ihrer Mitschüler aus der Berufsschule. Auch Sätze wie 'Ich sehe, dass Du Dir Gedanken gemacht hast' hört die Generation Z gern. Es kommt aber auch gut an, wenn Führungskräfte sich selbstkritisch und reflektiert zeigen. Wenn sie vielleicht solche Dinge sagen wie: 'Das habe ich Dir vielleicht nicht richtig erklärt' oder 'Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit für Dich nehmen sollen.'

"Die Generation Z verlangt von ihren Arbeitgebern ständiges Feedback. Offenheit und Ehrlichkeit ist ihr wichtig. Gleichzeitig sollte die Kritik nicht zu harsch sein."

Warum ist es wichtig, dass Führungskräfte sich gegenüber den Azubis auch selbstkritisch geben?

Diese Generation will nicht nur bewertet werden, sie sieht sich auf Augenhöhe mit allen Mitarbeitern im Unternehmen und nimmt auch die Führungskraft genau unter die Lupe. Dementsprechend will auch sie Feedback geben. Und das, ohne dafür Repressalien befürchten zu müssen.

All das klingt so, als ob die Betreuung dieser Azubis sehr zeitintensiv für Arbeitgeber ist ...

Ich finde schon. Aber in die Beziehung zu seinen Auszubildenden zu investieren, ist ein guter Rat an ausbildende Unternehmen. Die Arbeitgeber müssen sich hier vielleicht auch neu mit ihrer Führungskultur auseinandersetzen. Es geht ja nicht nur um das Feedback. Die Azubis wünschen sich, dass man sie als Mensch wahrnimmt. Dass man sie morgens beispielsweise regelmäßig begrüßt, sie nach ihrem Urlaub fragt, sich nach ihrem Befinden erkundigt, ob sie etwas beschäftigt, in der Berufsschule, aber unter Umständen auch privat. Sie müssen – oder dürfen – sich aber auch ein stückweit am Leben ihrer Azubis beteiligen.

Steht die Generation Z dem Arbeitsleben also eher negativ gegenüber?

Die Generation Z sieht das Arbeitsverhältnis als eine übereinstimmende Vereinbarung zwischen zwei Parteien. In diese Vereinbarung bringen sich junge Menschen dann auch voll ein. Warum sollten sie mit Sorge ihre Arbeit verrichten und sich dabei nicht wohlfühlen? Für viele Arbeitgeber besteht die Chance, durch die Gestaltung eines passenden Rahmens für beide Seiten, junge Menschen an sich zu binden und so geeignete Fachkräfte für morgen zu gewinnen. 

Wie kann gerade die Branche Handwerk bei den jungen Leuten punkten?

Zunächst finde ich es sehr schade, dass das Handwerk mit so vielen Klischees zu kämpfen hat. In der Arbeitsagentur Stuttgart beobachten wir aber, dass immer mehr Betriebe aktiv gegen diese Vorurteile angehen. Sie öffnen sich zum Beispiel für verschiedene Personengruppen, etwa für Frauen, für Menschen mit Sprachbarrieren und generell für mehr Vielfalt. Das kommt bei den Jugendlichen gut an.

Und natürlich kann die Branche die Jugendlichen für sich gewinnen, indem sie ihnen zeigt, was man mit den eigenen Händen alles schaffen kann. Im Handwerk können die Jugendlichen aktiv mitgestalten. Sie empfinden Stolz und Erfüllung, wenn sie sehen, was sie selbst hergestellt haben. Egal, ob sie eine Straße bauen, Fenster einbauen oder Brötchen backen.  

Womit das Handwerk aber auch werben kann, ist die Zusammenarbeit mit Menschen. Es gibt kaum eine Branche, in der man mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu tun hat. Handwerkerinnen und Handwerker bringen nicht nur die Produkte an den Mann oder an die Frau, sondern arbeiten auch im Team. Beim gemeinsamen Schaffen entsteht ein starkes Wir-Gefühl. Attraktiv für die jungen Leute ist es auch, dass viel draußen an der frischen Luft gearbeitet wird. Ein weiteres Argument: Ein Handwerk kann überall ausgeübt werden. Die Jugendlichen können überall ihre Erfahrung sammeln, sei es innerhalb des Landes, des Kontinents oder auch weltweit.

Abseits von diesen Vorteilen: Welche Benefits könnten Arbeitgeber aus dem Handwerk aktiv anbieten, um die jungen Menschen für sich zu gewinnen?

Die Generation Z reagiert nicht nur auf einzelne 'Goodies'. Das ganze Paket muss stimmen. Wichtig ist den jungen Leuten die Frage, ob sie sich gut identifizieren können mit dem Unternehmen. Denn anders als viele denken, ist diese Generation alles andere als unpolitisch. Ist dem künftigen Arbeitgeber Nachhaltigkeit wichtig, wie ist das Unternehmen vernetzt und wie steht es zum Thema Diversity oder zur modernen Personalführung? Das alles muss passen und dies sollte das Unternehmen auch nach außen tragen.

"Arbeitgeber können Partnerschaften abschließen mit Reisebüros, mit Fitnessstudios, mit Restaurants, mit Hotelketten. Wichtig ist, dass Arbeitgeber sich hier immer wieder etwas Neues einfallen lassen."

Zudem ist der Generation eine gewisse Flexibilität wichtig. Dürfen Sie sich zum Beispiel auch mal längere Zeit für die Familie nehmen? Das ist etwas, was sich sicherlich auch mehr junge Männer aus dem Handwerk wünschen. Oder dürfen sie auch mal einen größeren Urlaub machen, weil der Chef ihnen erlaubt, Überstunden anzusparen? Attraktiv für die jungen Leute können auch Modelle wie die Vier-Tage-Woche sein oder Zuschüsse zur Miete, zur Fahrkarte oder zum Sprit.

Aber auch situativ können Handwerker viel tun, um junge Menschen anzusprechen und zu binden. Hat das Unternehmen zum Beispiel einen größeren Auftrag geschafft, kann man das als Team mit einem Hoffest, einem gemeinsamen Pizzaessen oder einem kleinen Päckchen mit Aufmerksamkeiten feiern. Arbeitgeber können Partnerschaften abschließen mit Reisebüros, mit Fitnessstudios, mit Restaurants, mit Hotelketten – also allem möglichen, wo Mitarbeiter einen Nachlass bekommen. Wichtig ist, dass Arbeitgeber sich hier immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Hierzu berät bei Bedarf auch gerne die Agentur für Arbeit.