Das Handwerk über seinen Nachwuchs "Bin ich der Einzige?" – DHZ-Leser antworten auf Azubi-Frust

Immer krank und nur am Fordern – sind die Azubis von heute unmotivierter als früher? Eine Diskussion in der DHZ-Community offenbart tiefe Gräben bei den Betrieben, aber auch Lösungsansätze. Von Resignation bis zum Ruf nach mehr Geduld ist alles dabei.

Auf Social Media beklagen immer mehr Handwerksbetriebe die Arbeitseinstellung der jungen Generation. Die DHZ-Community ist aber sehr gespalten bei der Bewertung des Nachwuchses. - © triocean - stock.adobe.com

Das Handwerk hat Nachwuchssorgen. Dabei geht es nicht nur um die Anzahl der Lehrlinge, Betriebe berichten immer öfter von Problemen mit der jungen Generation: Fehlzeiten, geringe Motivation, mangelnder Respekt – Themen, die viele Ausbilder bewegen. Unter einem Facebook-Beitrag der Deutschen Handwerks Zeitung schilderte Malermeister Jens Hardt seine Frustration mit heutigen Auszubildenden. Er wolle junge Menschen motivieren und Chancen geben, bekomme aber immer häufiger das Gefühl, dass Engagement und Einsatzbereitschaft schwinden. "Andauernd Krankmeldungen, andauernd Ausreden, mehr Geld, weniger arbeiten: fordern, fordern, fordern", schrieb Hardt in seinem Kommentar unter einem Facebook-Beitrag der DHZ zum Azubi-Report 2025 – und traf damit einen Nerv.

Die DHZ griff den Kommentar auf und gab auf Facebook und Instagram eine Frage von Jens Hardt an die Community weiter: "Bin ich der Einzige, der das so erlebt?"

Die klare Antwort: Er ist nicht allein. In lebhaften Diskussionen meldeten sich Dutzende Handwerkerinnen und Handwerker zu Wort – viele mit eigenen Erfahrungen aus dem Ausbildungsalltag, manche pflichteten bei, andere widersprachen und wieder andere zeigten Verständnis für die Jugend und sahen die Probleme vielschichtiger.

"Ich bin müde davon" – Frust über unzuverlässige Azubis

Hardt selbst präzisiert in den Kommentaren, dass er durchaus engagierte junge Menschen kenne, diese aber "an einer Hand abzählbar" geworden seien. Häufig höre er Ausreden wie "Ich habe gekotzt, ich kann nicht kommen" oder "Mein Wecker hat nicht geklingelt". Wenn er solche Dinge anspreche, stünden am nächsten Tag die Eltern im Büro. "Respekt? Fehlanzeige. Für mich persönlich ist das Thema Ausbildung fast erledigt."

Ähnlich äußert sich Friseurmeisterin Dagmar Kiefer: "Wir haben 30 Jahre erfolgreich ausgebildet, sogar mit Auszeichnungen. Die letzten drei Auszubildenden waren eine Katastrophe. Die Erziehungsberechtigten dazu nicht besser. Eine war im Schnitt ein Vierteljahr krank, die nächste unzuverlässig, die dritte kam nach vier Wochen einfach nicht mehr." Auch sie hat beschlossen, keine Lehrlinge mehr einzustellen.

Daniel Kolacki, ebenfalls Handwerksmeister, schreibt: "Unser aktueller Azubi meldet sich wegen Schnupfen krank oder kommt 15 Minuten nach Arbeitsbeginn und will gleich wieder zum Arzt. Nach eineinhalb Monaten Ausbildung schon mehrere Krankheitstage – das ist der Alltag." Noch schlimmer war die Erfahrung mit der vorherigen Auszubildenden gewesen. Kolacki schreibt, dass diese nach vier Tagen meinte, sie habe jetzt genug gearbeitet und mache erst einmal ein Sabbatjahr.

Auch Bauunternehmer Thomas Böke kritisiert dazu die Sichtweise, dass sich Betriebe bei den Auszubildenden bewerben müssten: "Ich soll mich bei Jugendlichen bewerben, um sie als Lehrlinge zu gewinnen. Dann bilde ich eben gar nicht mehr aus. 99 Prozent würden mir eh den Vogel zeigen, bevor sie Maurer lernen."

Instagram-Nutzer pellinger_innenausbau vermutet, dass die Problematik bereits vor dem Ausbildungsstart entsteht: "Häufig liegt das Problem eher darin, dass Auszubildende sich zu wenig Gedanken über ihre Berufswahl machen und daher abbrechen."

Wir haben 30 Jahre erfolgreich ausgebildet, sogar mit Auszeichnungen.
Die letzten drei Auszubildenden waren eine Katastrophe. Die Erziehungsberechtigten dazu nicht besser.

Dagmar Kiefer, Friseurmeisterin, auf Facebook

"Es geht auch anders" – Viele Betriebe berichten von guten Erfahrungen

Doch die Kommentare blieben nicht einseitig. Dirk Fechner etwa widerspricht: "Ich bin mit der Ausbildung meiner Jugendlichen sehr zufrieden und konnte sie alle zu einer Festanstellung bewegen. So sind es heute wertvolle Mitarbeiter und darauf bin ich stolz."

Ähnlich äußert sich Corina Hahn, die in ihrem Betrieb nach eigenen Angaben gleich elf junge Menschen in drei Lehrjahren betreut. Sie erlebt zwar auch "Wehwehchen" und Herausforderungen, aber eben auch viel Engagement: "Ich wehre mich gegen das Generalisieren der jungen Generation. Auch wir Ausbilder müssen wandelbar sein. Es braucht Vertrauen und Grenzen." Man müsse sich mit den Generationen und deren Bedürfnissen auseinandersetzen.

Dennis Kübler sieht das ähnlich: "Ich habe vier Azubis und bin wirklich sehr zufrieden. Natürlich gibt es Ausreißer – das gehört dazu. Aber pauschalisieren bringt nichts."

"Es wird nicht schlimmer, sondern anders" – Plädoyer für mehr Verständnis

Nicht alle wollen den Stab über die Jugend brechen. Hans-Georg Ehekircher, der seit 40 Jahren ausbildet, schreibt: "Etwa 30 Prozent unserer Lehrlinge haben tatsächlich den Willen, eine ordentliche Gesellenprüfung abzulegen. Die anderen sind tatsächlich ein großes Problem."

Ein ähnliches Bild zeichnet Alexander Eder: "Man darf halt nicht jeden nehmen, im Zweifelsfall keinen. Dieses Jahr habe ich zwei fähige Azubis, einer davon sogar mit Einser-Schnitt."

Andere Stimmen rufen zu mehr Gelassenheit auf. MB Malerbetrieb, selbst seit Jahrzehnten ausbildend, schreibt: "Nein, es wird nicht immer schlimmer – sondern nur anders. Früher war’s auch nicht einfach. Heute ist eine andere Zeit, und wir müssen sie annehmen, sonst überholt sie uns."

Zugleich erinnert der Betrieb daran, dass Phasen von Unlust und Orientierungslosigkeit zur Entwicklung junger Menschen dazugehören: "Wenn die Basis stimmt und die Jugendlichen spüren, dass man sie ernst nimmt, finden sie auch wieder in die Spur. Geduld ist das Zauberwort."

Nein, es wird nicht immer schlimmer – sondern nur anders. Früher war’s auch nicht einfach.
Heute ist eine andere Zeit, und wir müssen sie annehmen, sonst überholt sie uns.

MB Malerbetrieb auf Facebook

"Die Probleme liegen tiefer" – Eltern, Schule und Gesellschaft im Blick

Mehrere Nutzer verorten die Ursachen für die Schwierigkeiten nicht bei den Jugendlichen selbst, sondern in ihrer Erziehung und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Petra Arafat beobachtet: "Vielen Kindern und Jugendlichen wird alles abgenommen. Wenn es Probleme gibt, sind die Eltern sofort da" – aber nicht, um eine Lösung zu finden, sondern um das Verhalten ihrer Kinder zu rechtfertigen.

Roli Hinterleitner sieht den Wandel bei der Einstellung auch im Elternhaus begründet: "Früher haben Eltern körperlich vorgelebt, was Arbeit bedeutet. Heute sehen viele Kinder den Papa mit Kaffee im Homeoffice am Laptop. Da ist es schwer nachvollziehbar, warum körperliche Arbeit anstrengend ist." Entsprechend fehle das früher selbstverständliche Vorbild körperlicher Arbeit, was vor allem beim Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ein Problem sei.

Jörg Liebold blickt über die Ausbildung hinaus: "Dieses Phänomen betrifft nicht nur Lehrlinge. Die Herausforderung zieht sich eigentlich durch die Gesellschaft. Immer weniger wollen Leistung liefern, aber immer mehr Lohn."

Nutzer klv.bsee erinnert die Firmen an die Verantwortung als Ausbildungsbetrieb: "Unser Junior macht eine Ausbildung als Bauzeichner und sitzt tagelang am Schreibtisch. Kein Ausbilder da, keiner der ihm helfen darf, da angeblich keiner Zeit hat, bzw. sich nehmen darf."

Eine ausgewogene Sicht bringt Nutzer meisterhener, selbst Maler-, Lackierer- und Stuckateurmeister, in die Diskussion ein. Er kennt beide Seiten – die engagierten wie auch die schwierigen Fälle. "Fehlende Motivation ist leider keine Seltenheit. Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn es zu einseitig wird, muss man Konsequenzen ziehen", schreibt er. Trotz mancher Enttäuschungen bleibt er überzeugt, dass Ausbildung der einzige Weg ist, um Fachkräfte zu sichern: "Wir hatten wirklich tolle Azubis, aber auch etliche Nullnummern." Sein Fazit fällt pragmatisch aus: "Nicht mehr ausbilden macht es auch nicht besser. Dann würden auch die Guten hinten runterfallen. Wer nicht will, kann gehen. Wer Bock hat, bekommt eine gute Ausbildung."

Fazit: Von guten Lehrlingen bis "Horror-Azubis" alles dabei

Am Ende bleibt eine ambivalente Bilanz: Während einige Betriebe das Handtuch werfen und von "Horror-Azubis" berichten, schildern andere Erfahrungen von motivierten, respektvollen Lehrlingen.

In der DHZ-Community scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass Ausbilder heute mehr pädagogisches Fingerspitzengefühl und Geduld benötigen. Und dass das Spannungsfeld zwischen Jugendlichen, Eltern, Schulen und Betrieben schwieriger geworden ist.

Auch Jens Hardt, der die DHZ-Diskussion ins Laufen brachte, findet noch positive Beispiele. In einem auf seinem Kanal veröffentlichten Video-Beitrag lobte er Ende September zwei seiner Azubis für ihren extremen Arbeitseifer. "Es gibt sie noch, die Azubis, die nicht jeden Tag kotzen. Respekt davor, dass ich jetzt zwei habe, die sich täglich den Hintern aufreißen, ein solides Handwerk erlernen wollen und zeigen wollen: wir können es schaffen, wir sind Handwerker".

* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurden die Zitate der Kommentierenden in Rechtschreibung und Grammatik teilweise angepasst.