"Roter Hahn", "Haarpflege", "Meisterland Schönbuch": Drei von knapp 170 Handwerksgenossenschaften in Deutschland zeigen, wie Betriebe sinnvoll zusammen arbeiten.
Karin Birk

Uwe Drieselmann ist ein Unternehmer wie er im Buche steht. 1994 hat er einen SHK-Betrieb in Holzgerlingen bei Stuttgart gegründet. Heute beschäftigt er 40 Mitarbeiter. Er installiert Heizungen und Sanitäranlagen. Und er tut es oft in genauer Abstimmung mit seinen Kollegen aus der Genossenschaft "Meisterland Schönbuch eG". 2003 haben sich in ihr verschiedene Bauhandwerker zusammengeschlossen. "Wir wollten gemeinsam am Markt auftreten und unseren Kunden zeitlich gut abgestimmte Leistungen anbieten", sagt der gelernte Heizungsbauer. Mittlerweile gehören rund 25 Firmen dazu. Sie stehen für Qualität und empfehlen sich gegenseitig. Viele von ihnen haben in der Zwischenzeit Personal und Umsatz mehr als verdoppelt .

"Meisterland Schönbuch eG" ist eine der knapp 170 Handwerksgenossenschaften in Deutschland. Vor gut zehn Jahren waren es noch 255. "Der Rückgang hängt vor allem mit Fusionen zusammen", sagt Andreas Wieg, Sprecher des Deutschen Genosssenschafts- und Raiffeisenverbandes (DGRV) in Berlin. Beim Umsatz haben die Handwerksgenossenschaften zwischen 2005 und 2015 dagegen kräftig zugelegt. Im Nahrungsmittelhandwerk, zu dem so traditionsreiche Genossenschaften wie Bäko für die Bäcker und Konditoren und Zentrag für das Fleischerhandwerk zählen, hat sich der Umsatz von 2,85 Milliarden auf 3,49 Milliarden Euro erhöht.
Günstigere Konditionen beim Einkauf
Ein noch stärkeres Wachstum beim Umsatz verzeichnen die Genossenschaften der übrigen Handwerkszweige. Ihr Umsatz ist im gleichen Zeitraum von 1,76 auf 3,02 Milliarden Euro gewachsen. Zu ihnen gehören etwa die Zedach-Zentralgenossenschaft für die Dachdecker oder die Mega für Maler, Bodenleger und Stuckateure oder die 2001 von Zahntechnikern gegründete Dentagen eG: "Unsere Mitglieder bekommen nicht nur günstigere Einkaufskonditionen. Wir unterstützen sie auch bei der Abrechnung, beim Marketing oder der Fortbildung", sagt Vorstandsvorsitzende Karin Schulz. Das Motto sei klar: "Wer kooperiert profitiert." Die rund 900 Mitglieder sollen sich auf ihr ureigenes Geschäft konzentrieren können.
Andere wie die knapp 40 Ofenbauer, die sich 2004 in der Genossenschaft der "Roter Hahn eG" zusammengeschlossen haben, übergeben das gesamte Marketing an die Genossenschaft. "Unser Ziel war es, eine eigenständige Marke der handwerklichen Kachelofenbauer zu schaffen", sagt Ofenbaumeister und Genossenschaftsvorsitzender Hendrik Schütze aus dem sächsischen Großenhain. Damit wollte man vor allem großen industriellen Anbietern von Bausätzen für Kaminöfen Paroli bieten. Anfangs waren die Ofenbauer nur ein loser Zusammenschluss, dann gründeten sie eine Genossenschaft. "Wir hatten uns damals gut überlegt, ob wir uns den bürokratischen Aufwand antun", erinnert er sich. Ausschlaggebend waren für ihn vor allem die klaren Strukturen der Genossenschaft, die regelmäßige Prüfung und damit die Sicherheit für die Mitglieder, dass mit ihrem Geld vernünftig gewirtschaftet wird.

Arbeitsplätze und Einlagen geschützt
Neu ist der Genossenschaftsgedanke in den neuen Bundesländern nicht. Schon zu DDR-Zeiten gab es zahlreiche Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH). Einige von ihnen wurden nach der Wende in eingetragene Genossenschaften umgewandelt. Zu ihnen gehört die "Haarpflege eG" in Dresden. Sie beschäftigt an 14 Standorten rund 90 Mitarbeiter. Fast jeder Mitarbeiter ist Genosse und hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Für Vorstandsvorsitzende Annett Dietze ist das ein Vorteil: "Es ist für uns alle ein Motivator, für das eigene Unternehmen zu arbeiten und damit unsere Arbeitsplätze zu sichern." Weniger gut findet sie die regelmäßige Prüfung durch den Genossenschaftsverband. Die könnte ihrer Meinung nach seltener ausfallen und günstiger sein. Doch sie kennt auch die Vorteile: Wenn externe Prüfer auf die Zahlen schauen, werden mögliche Schieflagen schneller erkannt. "Das schützt Arbeitsplätze und Einlagen", sagt sie.
Vielleicht wird die Genossenschaft künftig weniger geprüft. Die Große Koalition will noch in dieser Legislaturperiode das Genossenschaftsrecht novellieren. Dabei soll je nach Größe der Genossenschaft die Prüfung weniger häufig und weniger aufwendig sein. Neben anderen Änderungen will die Politik so die Genossenschaftsidee unterstützen. Nach Ansicht von Wieg ist das nicht immer der geeignete Weg: "Bürokratische Erleichterungen sind sehr wichtig. Aber es ist auch im ureigenen Interesse der Mitglieder, dass ihre Genossenschaften ordentlich wirtschaften", betont er. Die Prüfung und Beratung durch Genossenschaftsverbände trägt eben mit dazu bei, dass eine Genossenschaft nicht in Schieflage gerät.
Aufwendige Prüfung durch den Genossenschaftsverband
Theresia Theurl, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster, hält die genaue Prüfung der Genossenschaften in der Gründungsphase und später durch die Genossenschaftsverbände für sinnvoll: "Jeder Gründer sollte froh sein, wenn Experten einen Businessplan genau prüfen", meint sie. Damit würde nicht nur Anfangsfehler vermieden. Wer diese Hürde schaffe, habe auch bei Banken bessere Karten.
Den Berliner Städteplanern aus der "Planergemeinschaft für Stadt und Raum eG" ist die Prüfung kein Dorn im Auge. "Ich habe das immer als Chance gesehen", sagt Christel Weller, die im Vorstand für das Kaufmännische zuständig ist. Auch in der Gründungsphase sei die Beratung hilfreich gewesen. Das war vor gut sieben Jahren. Der alte Chef hatte sich aus Altersgründen zurückgezogen. Und weil keiner der Mitarbeiter allein das Büro übernehmen, alle aber ihre Arbeit behalten wollten, entschieden sich die 17 Mitarbeiter, 2011 eine Genossenschaft zu gründen. Bereut haben sie es nicht. "Ich habe noch keine Nachteile gefunden", sagt Weller.
Fließender Übergang bei der Unternehmensnachfolge
Für das Handwerk kann dies ebenfalls ein Modell sein. "Hier gibt es noch viel Potenzial", sagt Michael Stappel von der DZ-Bank mit Blick auf seine Branchenanalyse zum Handwerk. Dies gelte umso mehr, da bei vielen Handwerksunternehmen die Übergabe anstehe und längst nicht alle eine zufriedenstellende Nachfolgeregelung gefunden hätten. "Nicht immer liegt es am fehlenden Eigenkapital der Nachfolger", sagt der Ökonom. "Aber wenn es darum geht, das Risiko und die Geschäftsführung auf mehreren Schultern zu verteilen, bietet sich auch die Genossenschaft an." Außerdem ermögliche es einen fließenden Übergang, wenn der Altinhaber ebenfalls der Genossenschaft beitrete.