"Alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg", heißt es im Lukas-Evangelium. Seit dem 15. Mai finden wieder die Passionssspiele in Oberammergau statt. Von Christine Heilmannseder, Oberammergau
Gekreuzigt, gestorben und begraben
Das war auch der Wunsch von Spielleiter Christian Stückl, der für die 41. Oberammergauer Passionsspiele fast Unmenschliches geleistet hat. Es ist unglaublich zu sehen, wie der Profi-Regisseur über 2.000 Menschen dirigiert, so dass man im Publikum total vergisst, dass es sich eigentlich um ein Laientheater handelt. Besonders intensiv hat sich Stückl mit der Rolle von Jesus befasst, der für ihn kein leidender Gottesknecht und kein Opferlamm sein sollte. Für ihn ist Jesus ein streitbarer junger Jude, der für seine Botschaft, die bis heute Gültigkeit hat, ans Kreuz geschlagen wurde. Und genau so hat Frederik Mayet diesen Jesus in der Premiere dargestellt. Da alle Hauptrollen gleichwertig doppelt besetzt sind, entscheidet jeweils das Los, wer an der Premiere spielt. In der Abschlussvorstellung am 3. Oktober 2010 wird Jesus deshalb von Andreas Richter dargestellt.
Treffsicher wurden die Kostüme von Stefan Hageneier ausgewählt, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist. So präsentiert er die lebenden Bilder, die traditionell nach einem Vorspiel analoge Szenen aus dem Alten Testament zeigen, in einer starken Farbigkeit, die gegen die monochrome Farbgebung der Spielszenen steht. Besonders beeindruckend ist es, wenn ein überdimensionales Zelt über der Abendmahlsszene aufgespannt wird.
Die Musik von Rochus Dedler (1779 – 1822), einem gebürtigen Oberammergauer, wurde im Laufe der Zeit immer wieder umgearbeitet und erweitert. Auch die ursprünglich eher kammermusikalische Besetzung wurde dem großen Rahmen der jetzigen Passionsbühne angepasst. Hervorragend ist auch der Chor mit seinen Gesangssolisten, der jede der elf Szenen musikalisch einleitet. Sowohl gesanglich als auch als Gesamtbild, wenn die etwa 60 Sänger wie eine homogene Masse zurückschweben und den Blick frei geben auf die "Lebenden Bilder".
Das Spiel von Leben und Tod - erstmals erfüllten die Oberammergauer ihr Gelübde an Pfingsten 1634 – beeindruckt auch Nichtchristen. Und es gab wirklich nur einen einzigen Kritikpunkt während der Premieren-Veranstaltung: das Wetter. Das Publikum war bei wenigen Grad über Null eingewickelt in Decken – für die spärlich bekleideten Darsteller war die Kälte eine zusätzliche Herausforderung und sie hatten das Bedauern aller Zuschauer.
Die Aufführungen beginnen jeweils um 14.30 Uhr. Zwischen ca. 17 und 20 Uhr ist eine große Pause (Tischreservierung für ein Abendessen wird angeraten), danach geht es weiter bis etwa 23.00 Uhr. Gespielt wird jeweils Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag. Grundsätzlich ist es auch angebracht, sich eine Decke mitzubringen (Freilichttheater). Der Zuschauerraum ist überdacht, es kann aber sehr zugig werden.
Karten gibt es laut Spielleiter Christian Stückl für Kurzentschlossene auch noch im Internet. Dort werden zwei Tage vor einer Aufführung jeweils die freien Plätze bekannt gegeben
Weitere Infos über Geschäftsstelle der Passionsspiele, Tel. 08822/92310.