In München bekommen Gehörlose und Hörgeschädigte wie Michelle durch Berufsbildungswerk und Friseurinnung die Chance auf eine Ausbildung. Auch Friseurmeisterin Dilek Sahin engagiert sich in dem Projekt.
Mirabell Schmidt

Sie fällt auf. Lippen-Piercing, blau-grün-türkise Strähnchen im asymmetrisch geschnittenem Haar, türkise Fingernägel, türkiser Lidschatten. Behutsam fährt sie einer Kundin durchs kurze Haar, bevor sie das Wasser anmacht, um die Haare zu waschen. "Ist die Temperatur so angenehm?", fragt sie die Kundin freundlich. "Ein kleines bisschen wärmer", antwortet die deutlich. Michelle ist 17 Jahre alt und macht im Salon von Dilek Sahin "Dilek Hair Couture" in München eine Ausbildung zur Friseurin. Michelle ist gehörlos.
Sie kam taub zur Welt. Mit zwei Jahren wurde ihr links ein "Cochlea-Implantat" eingesetzt – eine Hörprothese, mit der sie auf einem Ohr hören kann. Was sie nicht versteht, liest sie von den Lippen ab. Mit der Prothese schränkt sie die Gehörlosigkeit im Beruf kaum ein. "Nur wenn der Föhn an ist und der Baustellenlärm von draußen kommt, wird es schwierig", sagt sie lächelnd.
Ausbilder werden von Sozialpädagogen begleitet
Vor knapp zwei Jahren ist Michelle nach München gezogen, um eine Ausbildung als Friseurin zu beginnen. Denn hier gibt es von Berufsbildungswerk und Friseurinnung ein außergewöhnliches Projekt, das Gehörlose und Ausbildungsbetriebe zusammenbringt. Das erste Ausbildungsjahr absolvieren die Azubis im Berufsbildungswerk, erst ab dem zweiten Lehrjahr arbeiten sie in Salons. Einmal pro Woche haben sie im Berufsbildungswerk Schule – eine Berufsschule, in der nur Gehörlose unterrichtet werden und die Lehrer besonders auf die jeweiligen Bedürfnisse der Azubis eingehen können. Die Ausbilder in den Friseursalons werden von Sozialpädagogen begleitet.
Michelle ist jetzt im zweiten Ausbildungsjahr. Seit vier Monaten arbeitet sie bei Sahin. Zuvor war die 17-Jährige in einem anderen Salon in München beschäftigt. Doch dort haben die Kollegen keine Rücksicht auf sie genommen. "Ich musste ans Telefon gehen, wenn die Föhne an waren und Musik laut lief." Bis dahin hatte sie nie derartige Probleme mit ihrer Behinderung. Sie war in einem Kindergarten mit gehörlosen und hörenden Kindern, und auch in der Schule waren die Jugendlichen bunt durchgemischt. Michelles Bruder ist ebenfalls schwerhörig. "Für mich sind alle gleich", sagt sie und zuckt mit den Schultern.
Michelle: Ich wollte schon immer Friseurin werden
Obwohl ihre Chefin nicht genau wusste, wie es sein wird, hat sie gleich zugestimmt, als Jeanette Meringer von der Friseurinnung auf sie zukam, um für Michelle einen neuen Ausbildungsplatz zu finden. Und es klappt gut, Sahin ist sehr zufrieden mit Michelle: "Sie schneidet teilweise besser als manche Meisterprüflinge." Auch der Umgang mit Kunden ist kein Problem. "Man vergisst sehr schnell, dass sie gehörlos ist", erzählt die Friseur-Meisterin. "Nur wenn sie merkt, dass die Batterie am Hörgerät ausgeht, rennt sie panisch nach hinten, um sie auszutauschen", ergänzt sie lachend. Denn ist die Hörprothese aus, hört Michelle nichts.
Michelle fühlt sich an ihrem neuen Ausbildungsplatz wohl und ist glücklich. "Ich wollte schon immer Friseurin werden", erzählt sie mit strahlenden Augen. "Schneiden macht mir am meisten Spaß." Doch Kunden die Haare schneiden dürfen Azubis erst im dritten Lehrjahr. Die 17-Jährige kann es kaum erwarten, bis es endlich soweit ist. Bis dahin wechselt sie einfach selbst Frisur und Haarfarbe, so oft wie es geht.