Kolumne Gehalt allein reicht nicht – oder doch?  

Geld allein ist selten der wahre Grund, warum gute Mitarbeiter kündigen. Der Ruf nach mehr Gehalt ist oft nur ein Symptom – ein Hinweis darauf, dass es im Miteinander, in der Unternehmenskultur oder in der Führung hakt. Für Führungskräfte ist das ein guter Moment zur Selbstreflexion. DHZ-Kolumnistin und Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg liefert dafür den passenden Selbst-Check.

"Chef, ich will mehr Geld." – in vielen Fällen ist der Wunsch nach mehr Gehalt nur die Spitze des Eisbergs. Führungskräfte sollten genau hinsehen. - © Marco Martins - stock.adobe.com

In meinen Gesprächen mit Handwerksbetrieben und Personalabteilungen höre ich immer wieder ein Thema aufkommen: Mitarbeiter fragen nach mehr Gehalt. Man scheint überrascht, dass potenzielle oder bereits angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finanziell bessergestellt werden wollen. Geht es Ihnen auch so? 

Natürlich fragen alle nach mehr Geld! Wir gehen doch nicht zur Arbeit, weil uns langweilig ist – auch wenn das natürlich ein toller Bonus wäre. Der Hauptgrund, warum wir arbeiten, ist derselbe wie eh und je: um uns ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch zu sichern. Niemand arbeitet nur um des Arbeitens willen. Sorry, wenn ich hier eine Seifenblase platzen lasse.

Bei den steigenden Lebenshaltungskosten ist die Frage nach mehr Gehalt auch nicht so weit hergeholt. Zu selten bieten Arbeitgeber von sich aus Anpassungen an, die an Leistungen, Verantwortung oder Weiterbildungen geknüpft sind. Das Frage-Antwort-Spiel ist hier etwas unausgeglichen, wenn wir mal ganz ehrlich sind. 

Das Gehalt ist also ein elementarer Faktor. Aber ist es der einzige Grund, warum Menschen den Job wechseln oder sich für einen Arbeitgeber entscheiden? Nein, definitiv nicht.

Die wahren Gründe für einen Jobwechsel 

Laut einer Studie von hokify aus dem Dezember 2023 wechseln 43 Prozent der Arbeitnehmer ihren Job, um ein höheres Gehalt und das damit verbundene Sicherheitsgefühl zu erhalten. Doch bevor dieser Aspekt überhaupt entscheidend wird, müssen meist schon andere Faktoren nicht mehr stimmen. Das Gehalt ist oft nur das berühmte Zünglein an der Waage.

Hier sind einige Faktoren, die einen Jobwechsel wahrlich vorantreiben: 

Kathrin Post-Isenberg
Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg führte früher ihren eigenen Betrieb in Siegburg. Heute bringt sie ihre Erfahrung in Handwerksbetriebe ein und hilft ihnen, als attraktive Arbeitgebermarke sichtbar zu werden. - © Markus Zielke
  • Führungsqualität: Wie gut ist die Führung im Unternehmen? Ein respektvoller und wertschätzender Führungsstil ist das A und O. und wird immer wichtiger.

    Selbst-Check: Wann haben Sie das letzte Mal eine Weiterbildung in Sachen Führung oder Kommunikation besucht?  
  • Unternehmenskultur: Passen die Werte des Unternehmens zu denen der Beschäftigten? Niemand will in einem Umfeld arbeiten, in dem er oder sie sich nicht wohlfühlt. 

    Selbst-Check: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie Sie Ihre Unternehmenskultur in wenigen Minuten erklären könnten? 
  • Kernwerte des Unternehmens (Core Values): Wie klar und transparent lebt das Unternehmen seine Werte? Authentizität ist hier besonders wichtig. 

    Selbst-Check: Gibt es Leitlinien und eine transparente Kommunikation für den Umgang miteinander? 
  • Spannende Aufgaben: Hat der Job das Potenzial, auch langfristig motivierend zu bleiben? Langweilige Routinearbeiten bringen selten den gewünschten Antrieb mit sich. 

    Selbst-Check: Haben Sie einen Weiterbildungskatalog angelegt oder lassen Sie sich und Ihre Mitarbeitenden dazu einmal jährlich beraten? 
  • Entwicklungsmöglichkeiten: Gibt es im Betrieb Raum für Weiterentwicklung? Menschen wollen wachsen, sowohl fachlich als auch persönlich. 

    Selbst-Check: Führen Sie mindestens einmal jährlich Mitarbeitergespräche in einem strukturierten Rahmen durch? 
  • Arbeitszeiten: Kinderbetreuung wird immer paritätischer, auch Ehrenämter oder private Interessen benötigen zunehmend mehr Zeit.
     
    Selbst-Check: Hat Ihr Team die Möglichkeit, die Arbeitszeiten mitzugestalten? 

Das Zusammenspiel der Faktoren

Viele denken, dass Mitarbeitende nur gehen, weil sie woanders mehr verdienen können. Aber die Wahrheit ist: Der Hauptgrund für einen Jobwechsel ist fast nie ausschließlich das Gehalt. Es sind immer diese "anderen Dinge" – das Gesamtkonstrukt aus Führung, Unternehmenskultur, spannenden Aufgaben und Entwicklungschancen. Erst wenn diese Faktoren nicht passen, wird das Gehalt zum entscheidenden Punkt. 
 
Mitarbeitermotivation ist ein häufiges Thema in meiner täglichen Arbeit als Beraterin. Auch als Steinmetzmeisterin mit eigenem Betrieb habe ich erlebt: Die besten Kräfte zu halten, erfordert mehr als nur einen angemessenen Lohn. Es geht um das Gesamtpaket – und das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. 

Also, wenn sich jemand aus Ihrem Team nach einem neuen Job umsieht oder aktiv nach einer Gehaltserhöhung fragt, schauen Sie genau hin. Gehalt ist wichtig, aber es ist nie der alleinige Grund. Achten Sie darauf, dass die anderen Parameter stimmen – dann werden Sie nicht nur bessere Mitarbeitende finden, sondern auch langfristig halten können. Dennoch dürfen wir Gehaltsanpassungen als Betriebsinhaberin oder Inhaber durchaus auch vornehmen, nicht immer steckt etwas anderes dahinter.