Mittenwald, Minneapolis, Oslo und Hamburg: Wolfram Ries hat schon an vielen Orten gearbeitet. Vor 25 Jahren machte sich der Geigenbaumeister nach einer Standortanalyse in Halle selbstständig. Er restaurierte Geigen im Millionenwert und lobt die chinesische Qualität.

Es knarzt, wenn man im Haus von Wolfram Ries die Treppen hochgeht. Es liegt ein angenehmer Duft in der Luft und das alte Gebäude erinnert an eine andere Zeit. Betritt man die Werkstatt im ersten Stock, ist man umgeben von hängenden Geigen und Werkzeugen. Auf die lange Werkbank unter den Fenstern strahlt das Tageslicht. Hier arbeitet der in Norddeutschland aufgewachsene Geigenbaumeister seit genau 25 Jahren. Gerade restauriert er eine Geige aus dem Jahr 1790. Franz Knitl, Hof-Geigen- und Lautenmacher Freising ist im Korpus in altdeutscher Schrift vermerkt.
Im Sommer viele Generalüberholungen
Seine Arbeit richte sich zumeist nach Saison, erklärt Wolfram Ries: "Eigene Instrumente baue ich oft im Februar und im März. Ich fertige Violinen, Bratschen und Celli. Im Sommer habe ich viele Aufträge zur Generalüberholung von Instrumenten, zum Beispiel die der Musiker der Staatskapelle Halle. Im August und September, aber auch um die Weihnachtszeit herum werden zahlreiche Mietinstrumente angefragt, die ich dann mit den Kunden teste und auswähle."
Neben diesen klassischen Tätigkeiten eines Geigenbauers handelt Wolfram Ries auch mit Instrumenten. Dafür hat er sich mit anderen Händlern vernetzt und flog vor der Corona-Pandemie zudem oft zu Auktionen nach London. Die Bandbreite seiner Leistungen erlaube es ihm, entspannt und ohne Geldsorgen zu arbeiten, obwohl es in Halle vergleichsweise wenig Menschen gebe, die Instrumente spielen, und das Interesse an Kultur geringer sei als an anderen Orten.
Eltern wenig begeistert
Wolfram Ries selbst spielt Cello. "Cello zu erlernen war mein erster Bezugspunkt zu dem abseitigen Beruf, den ich heute ausübe", erzählt der heute 56-Jährige. Als er sich dazu entschließt, Geigenbauer zu werden, sind seine Eltern nicht begeistert. Doch Wolfram Ries bewirbt sich trotzdem an der Geigenbauschule im bayerischen Mittenwald. "Dort gab es 600 bis 800 Bewerber auf zwölf Plätze", erinnert er sich. Im ersten Jahr schaffte ich es nicht, aber beim zweiten Versuch wurde ich aufgenommen und begann 1988 meine Ausbildung."
Als Geselle geht Wolfram Ries 1991 in die USA. Dort gibt es keine duale Ausbildung, seine Qualifikationen sind deswegen sehr gefragt. "Ich war zwei Jahre lang bei Givens Violins in Minneapolis. In den USA öffneten sich für mich Tür und Tor. Man hat sich dort sehr um große Kunden bemüht. So konnte ich High-End-Restaurationen an Geigen durchführen, die eine oder zwei Millionen Euro wert waren. Ich habe dort sehr, sehr viel gelernt und es gab auch mehr Geld als in Deutschland."
Mit viel neuem Wissen verlässt der Geigenbaugeselle die USA und zieht weiter nach Norwegen. Ein Jahr bleibt Wolfram Ries in Oslo, dann zieht er weiter nach Lübeck und später nach Hamburg, wo er sich Kenntnisse über historische Streichinstrumente aneignet. In der Hansestadt absolviert der Geselle seine Meisterausbildung und beendet sie 1997 erfolgreich. Sein Meisterstück reicht er anschließend beim Internationalen Geigenbauwettbewerb der Geigenbauschule Mittenwald ein und erreicht die beste Platzierung.
Lehrmeister für Geigenbauerin
Dass er sich als Geigenbaumeister selbstständig machen will, ist Wolfram Ries damals klar. Aber wo? "Ich habe eine richtige Standortanalyse gemacht und entschied mich dann für Halle", erzählt er. Über Mund-zu-Mund-Propaganda wird er in der Stadt bekannt und hat gut zu tun. "Am Anfang habe ich in zwei Schichten gearbeitet", erinnert er sich. Über die Jahre baut er sich einen Kundenstamm in und um Halle auf, bildet in seinem Betrieb sogar eine Geigenbauerin aus, die mehrere Jahre bleibt, bis sie sich selbstständig macht.
"Der Begriff Geigenbauer trifft es generell übrigens nicht ganz", erklärt Wolfram Ries. "Der Beruf umfasst alle Instrumente, die gestrichen sind." Und der Beruf hat sich über die Jahre verändert. Eine selbst gebaute "Ries-Geige", in der etwa 100 bis 150 Arbeitsstunden stecken, ist ab einem Preis von 12.000 Euro erhältlich. Wer auf preiswertere Modelle zurückgreifen will oder muss, findet bei Wolfram Ries heutzutage jedoch Alternativen. "Ich bestelle den Korpus aus China und alles andere baue ich selbst an", sagt er. "Die Produkte aus China haben eine gute Qualität und sind auch handwerklich gefertigt. Teilweise werden die Chinesen sogar in Deutschland ausgebildet."
Hobby: Cello spielen
Wolfram Ries hat ein Geschäftsmodell gefunden, das für ihn und seine Kunden passt. Die stressigen Jahre hat er hinter sich gelassen und hat so neben der Arbeit auch Luft für andere Aktivitäten: "Ich spiele Cello in einem kleinen Orchester, bin im Verband Deutscher Geigenbauer und Bogenmacher und stelle deutschlandweit historische Streichinstrumente aus."