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Edelmetalle Neuer Aufschwung: Für Gold ist jetzt der Weg nach oben frei

Heimlich, still und leise: So stieg der Goldpreis zunächst auf 1.700 Dollar an. Bis er im Juli regelrecht explodierte. Unabhängige Vermögensprofis sind sicher, dass ein mehrjähriger Gold-Aufschwung gestartet ist: Fundamental gibt es gute Gründe für einen Anstieg auf 2.500 oder 3.000 Dollar.

Es ist schon bemerkenswert: Den jüngsten Anstieg des Goldpreises in den vergangenen zwei Jahren haben die meisten Anleger nur am Rande mitbekommen. Dabei hat das Edelmetall seit Juli 2018 in Dollar um sage und schreibe 60 Prozent zugelegt. Auch in Euro gerechnet stieg sein Wert um 60 Prozent. Das entspricht, auf ein Jahr gesehen, einem Plus von 26 Prozent. Das ist deutlich mehr, als der starke US-Aktienmarkt in dieser Zeit aufgesattelt hat. Doch gehört hat man davon wenig.

Psychologie ist ein wichtiger Faktor an der Börse

Aus Sicht von Stephan Albrech gab es psychologische Gründe, warum das Interesse der Anleger und damit der Medien erlahmt war: "Nach dem Hoch bei rund 1.900 Dollar im Jahr 2011 brach der Goldpreis zwei Jahre lang bis auf 1.200 Dollar ein und sackte dann noch bis auf 1.000 Dollar ab", erinnert der Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung in Köln. Danach bewegte sich der Preis drei lange Jahre zwischen 1.200 und 1.400 Dollar hin und her. Das Ergebnis: "Bis auf überzeugte Goldfreunde hatten viele Anleger das Interesse an dem Edelmetall verloren", so Albrech.

Bei 1.400 Dollar lag die entscheidende Marke

Daher bekam auch kaum jemand mit, dass Gold im Juni 2019 die Marke von 1.400 Dollar knackte. "Das war ein sehr bedeutender Moment", erklärt Rainer Beckmann von ficon Vermögensmanagement aus Düsseldorf. Der Grund: "Charttechnisch beendete der Goldpreis einen mehrjährigen Boden." Tatsächlich geht es mit dem Goldpreis seit Mitte 2019 steil bergauf: In nur 13 Monaten legte das Edelmetall um 600 auf knapp 2.000 Dollar zu – das entspricht einem Plus von über 40 Prozent in gut einem Jahr.

Neuer mehrjähriger Aufschwung hat begonnen

Die beiden unabhängigen Vermögensverwalter sind überzeugt: Spätestens jetzt müsste jedem Anleger klar werden, dass Gold sich in einer neuen Hausse befindet, die sich über mehrere Jahre erstrecken kann. "Dieser Aufschwung könnte den Goldpreis in den nächsten drei Jahren durchaus in den Bereich von 2.500 Dollar und höher führen", schätzt Stephan Albrech. Den fundamentalen Treibstoff für die Gold-Hausse liefert die Politik, allen voran die Notenbanken. So hat die Federal Reserve die Geldmenge M1, die das umlaufende Bargeld und sofort verfügbare Ersparnisse enthält, im Corona-Crash von vier auf fünf Billionen Dollar erhöht. "Das ist ein Zuwachs von 25 Prozent in wenigen Monaten. Zuvor war die Geldmenge viel langsamer gewachsen, selbst in der Finanzkrise 2008", so der Kölner Vermögensverwalter. Ein ähnliches Bild bietet sich in der Eurozone, wo die EZB ihre Anleihekäufe drastisch gesteigert hat.

Negativer Realzins ist gut für Gold

Diese Geldschwemme sorgt für weiteren Druck auf die nominalen Zinsen – und damit auf den für den Goldpreis entscheidenden Realzins. Die zehnjährige Bundesanleihe "rentiert" derzeit mit minus 0,6 Prozent, sodass Anleger rund fünf Prozent ihres Kapitals verlieren, wenn sie dem deutschen Staat für zehn Jahre Geld leihen. Dass der Goldpreis jüngst nach oben schoss, hat aber vor allem mit den US-Staatsanleihen zu tun. Dort drittelte sich die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe von 1,8 Prozent auf jetzt 0,6 Prozent. Und die einjährige Anleihe krachte von 1,5 auf 0,15 Prozent herunter.

Silber als preisgünstige Alternative

Angesichts einer Inflationsrate von vermutlich einem Prozent in diesem Jahr bedeutet das: "Selbst in den USA, dem größten Rentenmarkt der Welt, kommen die Anleger jetzt auf einen negativen Realzins. Dadurch sind Gold, Silber und andere Sachwerte noch attraktiver geworden", erklärt Rainer Beckmann. Die Europäer sind diesen Zustand schon länger gewohnt, weshalb der Goldpreis in Euro bereits früher ein neues Allzeithoch erreicht hatte.

Für Beckmann ist angesichts des starken Goldpreisanstiegs Silber weiter eine preisgünstige Alternative: "Corona wird gehen, die industrielle Nachfrage wird wieder steigen. Silber bietet daher langfristig eine hochinteressante Perspektive." In der Tat steht Silber charttechnisch offenbar dort, wo sich Gold Mitte 2019 befand. Danach legte der große Gold-Bruder, wie geschildert, um 40 Prozent zu. Ob der kleine nun dem großen Bruder folgt?

Interview mit Stephan Albrech, Vorstand der Albrech & Cie. Vermögensverwaltung

"Gold hat mehr Facetten, als die meisten glauben"

DHZ: Herr Albrech, Gold gilt als Inflationsschutz par excellence. Bedeutet der starke Anstieg, dass wir bald eine Güterpreis-Inflation erleben werden?

Albrech: Das ist nicht auszuschließen, doch ich halte es für wenig wahrscheinlich. Das wirtschaftliche Umfeld wirkt durch den weltweiten massiven Konjunktureinbruch eher deflationär.

DHZ: Wie kann es dann sein, dass der Goldpreis so stark gestiegen ist und Sie einen weiteren deutlichen Anstieg erwarten?

Albrech: Ich glaube, Gold ist das am wenigsten verstandene Investment überhaupt. Dieses Edelmetall hat mehr Facetten, als die meisten glauben. Es ist so etwas wie eine Jekyll-und-Hyde-Anlageklasse. Soll heißen: Je nach der wirtschaftlichen Situation übernimmt Gold jeweils andere Funktionen.

DHZ: Können Sie bitte konkreter werden?

Albrech: Denken Sie an die Phase von 2003 bis 2008. In dieser leicht inflationären Phase erholten sich die Aktienmärkte deutlich. Parallel dazu stieg der Goldpreis von 350 auf 1.000 Dollar – ein Anstieg um fast 200 Prozent. Gold reagierte damals wie ein Wachstums-Asset. Anders sah die Situation in der Finanzkrise aus.

DHZ: Wie denn?

Albrech: Während der Aktienmarkt in der ersten Jahreshälfte 2008 unter Druck kam, hielt sich der Goldpreis unter Schwankungen wacker. Es war ja vieles unklar, auch was die Finanzkrise für die Staatsfinanzen bedeutet. Gold wirkte in dieser Phase wie eine nicht verzinste Anleihe, die nie ausfällt, weil sie von keinem Schuldner abhängt. Jeder wollte sie.

DHZ: Und dann?

Albrech: In der zweiten Jahreshälfte 2008 geriet auch der Goldpreis unter Druck. Warum? Rund um die Lehman-Pleite kam es zu einer Liquiditätskrise, in der alles Mögliche versilbert wurde, weil weltweit die Angst grassierte. Gold erholte sich schneller von diesem Ausverkauf als der Aktienmarkt. So ähnlich lief es auch in diesem Frühjahr in der Hochzeit der Corona-Krise.

DHZ: Welche Konsequenzen ziehen Sie als Vermögensverwalter?

Albrech: Meines Erachtens gehört Gold in jedes ausgewogene Depot – und das nicht nur in homöopathischen Dosen. Vor allem deshalb, weil es nur wenig mit anderen Anlageklassen wie Aktien und Anleihen korreliert. Diese geringe Korrelation stabilisiert ein Depot insbesondere auch in Krisenzeiten, wie unsere Erfahrung zeigt.

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