Die Gruppe der Handwerker im Bundestag ist gewachsen. Bäckermeister Jörg von Polheim und Elektroinstallateurmeister Manfred Todtenhausen sitzen seit kurzem für die FDP im Parlament. Dennoch ist der Anteil des Handwerks an den 620 Abgesordneten mit 25 sehr gering. Umso wichtiger sei es, handwerklichen Pragmatismus in die Debatten einzubringen, sagen die Neulinge. Lena Strothmann – seit 2003 für die CDU im Bundestag – denkt ähnlich, setzt aber auch auf die Möglichkeit, mal quer zu denken.
Frank Muck
Jörg von Polheim ist sich sicher: "Auf keinen Fall möchte ich zurück in die Backstube." Seit Januar ist der Bäckermeister aus dem nordrhein-westfälischen Hückeswagen Mitglied des Deutschen Bundestags und kann sich nichts Schöneres vorstellen als diese "einmalige Chance, fürs Handwerk etwas zu bewegen".
Als Unternehmer denken
Von Polheim ist einer von nur wenigen Handwerkern im Parlament. 25 von 620 Abgeordneten haben eine handwerkliche Ausbildung (siehe Kasten). Nur zehn davon sind Handwerksmeister. Damit kommen gerade einmal vier Prozent der Volksvertreter aus dem Handwerk, obwohl der Wirtschaftsbereich 5,15 Millionen Menschen beschäftigt und 417.000 Jugendliche ausbildet. Damit sind 12,5 Prozent aller Erwerbstätigen und 28 Prozent aller Auszubildenden im Handwerk tätig.
Als von Polheim Anfang des Jahres die Gelegenheit bekam, für einen Kollegen aus der FDP nachzurücken, war die Entscheidung von vornherein klar, obwohl die FDP zu diesem Zeitpunkt mehr als turbulente Zeiten erlebte. Nach kurzer Abstimmung mit seiner Familie waren die Koffer für Berlin gepackt.
Die Umstellung von der Arbeit in der Backstube zur Schreibtischtätigkeit in Ausschüssen, im Abgeordnetenbüro und Plenum war kein Problem. Einzig mit dem späten Arbeitsbeginn kam der Frühaufsteher anfangs nicht zurecht. Von Polheim würde sein Büro lieber schon zu einer für Bäcker moderaten Uhrzeit, nämlich um fünf Uhr, aufschließen. Doch davon konnte er seine Parlamentsmitarbeiter nicht überzeugen. Die Tätigkeit als Unternehmer sieht von Polheim als gute Voraussetzung für die parlamentarische Arbeit. "Man durchdenkt die Dinge vom Ende her", sagt er. Als Praktiker sei man geneigt, zu fragen, was ein Gesetz konkret für die alltägliche Arbeit bedeutet. Während andere noch diskutierten, seien Selbstständige schneller geneigt, Nägel mit Köpfen zu machen.
Blick des Praktikers
Den Blick des Praktikers bewahrt sich auch Manfred Todtenhausen. Der Elektroinstallateurmeister aus Wuppertal ist seit Mai im Bundestag, ebenfalls als Nachrücker in der FDP-Fraktion. Todtenhausen lässt sich in den sitzungsfreien Wochen daheim seine morgendliche Handwerkerrunde nicht entgehen. Selbstständige aus verschiedenen Gewerken treffen sich in der Innenstadt täglich im Stehcafé. Bei Kaffee und Brötchen kommen Sorgen und Nöte der Chefs zur Sprache. Todtenhausen nimmt die Themen mit nach Berlin, um sie etwa im Wirtschaftsausschuss zur Sprache zu bringen.
Für beide "Jungparlamentarier" wird es eventuell ein kurzes Gastspiel im Bundestag von anderthalb Jahren. Sie wissen nicht, wie es weitergeht, weil ihr Wiedereinzug bei der Bundestagswahl im September 2013 über die Landesliste unsicher ist.
Präsidentin an Bord
Deutlich länger dabei ist Lena Strothmann. Die Meisterin im Damenmaßschneiderhandwerk ist seit 2003 für die CDU in Berlin. Als einzige im Bundestag vertretene Präsidentin einer Handwerkskammer und Berichterstatterin für das Handwerk im Wirtschaftsausschuss nimmt sie eine besondere Stellung ein. Auch sie spricht viel von Pragmatismus, den sie in die parlamentarische Arbeit einzubringen versucht. Dennoch: Die politische Arbeit sei auch deshalb vielfältig und interessant, weil viel diskutiert und auch quergedacht werde. Das passiere insgesamt noch zu wenig.
Als langjähriges Mitglied weiß Strothmann aber auch, wie mühsam es sein kann, ihre Themen über Debattenbeiträge, Anfragen oder einfach nur durch Präsenz in Gremien zu platzieren. Und ganz ohne Blessuren bleibe die politische Arbeit nicht. Man wisse zwar, was einen erwartet, aber man müsse eben erst lernen, sich – auch in innerparteilichen Kämpfen – ein dickes Fell zuzulegen. "Das hat den Nachteil, dass man insgesamt härter wird", bedauert Strothmann. Sie selbst sei ein eher sensibler Mensch.
Allen drei geht es in jedem Fall um eine vernehmbare, parlamentarische Stimme des Handwerks und der kleinen und mittleren Unternehmen. Denn immer noch sind Handwerker oder gar Handwerksunternehmer unterrepräsentiert im Bundestag. Anscheinend üben Werkstatt oder Backstube noch immer die größere Anziehungskraft aus.
| Unsere Handwerker im Bundestag |
|---|
| CDU/CSU: Ilse Aigner, Radio- und Fernsehtechnikerin Manfred Behrens, Kfz-Mechaniker Wolfgang Börnsen, Maurerlehre Klaus Peter Brähmig, Elektroinstallateurmeister Thomas Feist, Facharbeiter Heizungsinstallateur Axel E. Fischer, Elektroinstallateur Michael Glos, Müllermeister Ernst Hinsken, Bäckermeister Jens Koeppen, Elektrotechnikermeister Michael Kretschmer, Büroinformationselektriker Günter Lach, Werkzeugmacher Andreas Lämmel, Konditor Eckhard Pols, Glasermeister Peter Ramsauer, Müllermeister Lena Strothmann, Meisterin im Damenmaßschneiderhandwerk |
| FDP: Nicole Bracht-Bendt, Tischlerin Heinz-Peter Haustein, Elektroinstallateurmeister Manfred Todtenhausen, Elektroinstallateurmeister Jörg von Polheim, Bäckermeister |
| SPD: Lothar Binding, Starkstromelektriker Bettina Hagedorn, Goldschmiedin Josip Juratovic, Kfz-Mechaniker Holger Ortel, Tischler |
| Bündnis 90 /Die Grünen: Monika Lazar, Bäckerin |