Falsche Zahlen und Fakten in den Tagesthemen? Das Friseurhandwerk hat die Nase voll davon, immer als Negativbeispiel für zu geringe Azubi-Löhne und eine fehlgeschlagene Tarifpolitik hinhalten zu müssen. Aktueller Fall: ein TV-Bericht zur besten Sendezeit in der ARD.

Azubis in Sachsen-Anhalt bekommen angeblich nur einen Euro pro Stunde. Die Ausbildungsvergütung sei so gering, dass die Gewerkschaft verdi nun mit der Forderung von mindestens 200 Euro mehr in die anstehenden Tarifverhandlungen geht. Das berichten die Tagesthemen und bringen damit aus Sicht des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks die ganze Branche in Verruf. Mit einem öffentlichen Statement hat sich der Verband nun gegen den Bericht zur Wehr gesetzt und spricht von einer unsauberen Recherche und von falsch dargestellten Fakten.
Pauschal verurteilt durch TV-Bericht
Die Tagesthemen hätten sich in ihrem Bericht ausschließlich auf die Zahlen der Gewerkschaft verdi berufen und dabei nicht einmal die aktuellsten verwendet, beklagt der Verband. So wird berichtet, dass die Friseurbranche als "dumpingverdächtig" gilt und dass Friseur-Azubis zu den am schlechtesten bezahlten Lehrlingen in Deutschland gehören. Als Beispiele für die Vergütungen werden Monatslöhne aus verschiedenen Bundesländern jeweils im ersten Lehrjahr genannt: Nordrhein-Westfalen mit 480 Euro, Berlin mit 265 Euro und eben das Schlusslicht Sachsen-Anhalt mit 153 Euro. Die beklagten Missstände beziehen sich dann aber nur auf das Bundesland mit den niedrigsten Löhnen.
In Sachsen-Anhalt würden Tarifverträge aus den 90er Jahren gelten, die erst jetzt auf den Verhandlungstisch kommen. Lange hätte es keine organisierten Verhandlungspartner auf der Arbeitgeberseite gegeben. Dass sich dies künftig ändern soll, wird aus Sicht des Verbands zu kurz erwähnt. Dagegen kommt die Gewerkschaft mit ihrer Forderung nach einer Mindestvergütung für Azubis von mehr als 200 Euro mehr im Monat ausführlich zu Wort.
Friseure schicken Protestbrief an die ARD
Als "unreflektiert" und zu stark auf landläufige Vorurteile fokussiert bewertet der Zentralverband nun die Berichterstattung, in deren Recherche er gerne mit einbezogen worden wäre. "Gerade von einer öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung erwarten wir eine faire Recherche und die Chance zur Stellungnahme", kritisiert ZV-Hauptgeschäftsführer Jörg Müller die Tagesthemen nun öffentlich. Der Beitrag hätte dem Friseurhandwerk und dem Handwerk allgemein schweren Schaden zugefügt.
Der Verband hat einen Protestbrief an die ARD geschickt. Darin heißt es: "Hätten Sie bei uns einmal nachgefragt, wären Sie über berufliche Aufstiegsfortbildungen, einen betriebswirtschaftlichen Bachelorstudiengang "Beauty Management" und über die mit anderen Ausbildungsberufen durchaus vergleichbaren Ausbildungsvergütungen informiert worden. In NRW sind es so zum Beispiel 2018 nicht 480 Euro, sondern 510 Euro im ersten Lehrjahr. Ähnlich ist die Entwicklung in fast allen anderen Tarifgebieten."
Zudem erklärt das Friseurhandwerk, dass es sich derzeit sowohl für einen neuen Branchenmindestlohn und eine bundesweit höhere Ausbildungsvergütung einsetzt. Die Vorstellungen der Innungsfriseure würden vielerorts klar über denen von verdi liegen. jtw
Wie genau sich die Friseurbranche die Zukunft der Tariflöhne vorstellt und warum es bei den Ausbildungsvergütungen so große Unterschiede zwischen Ost und West gibt, erklärt Hauptgeschäftsführer Jörg Müller im Interview.
Gleiche Ausbildungsvergütungen in Ost und West
Hauptgeschäftsführer Jörg Müller zu Tariflöhnen und Karrierechancen der Friseure
Interview: Barbara Oberst
DHZ: Herr Müller, der Zentralverband des Friseurhandwerks will mit der Gewerkschaft ver.di über einen neuen Mindestentgelttarifvertrag verhandeln. Was ist Ihr Ziel?
Müller: Wir wollen raus der tarifpolitischen Schmuddelecke. Gerade erst haben TV-Beiträge wieder versucht, am Beispiel der Friseurazubis in Sachsen-Anhalt Missstände aufzuzeigen. Das kann uns als Branche nicht gefallen!
DHZ: Sie wollen die Ausbildungsvergütungen in Ost und West angleichen. Mit wie viel könnten die Azubis nach einer Tarifeinigung rechnen?
Müller: Wir als Verband möchten eine Angleichung der Ausbildungsvergütungen in Ost und West von mindestens 325 Euro im ersten Lehrjahr, wie von Ver.di gefordert. Im Westen liegen die Tarife ohnehin meist über diesem Wert.
DHZ: Warum klaffen die Azubilöhne so extrem auseinander – zwischen 153 Euro in Sachsen-Anhalt und über 465 Euro in Bayern?
Müller: In manchen Regionen ist die Bezahlung nicht verbindlich geregelt. In Sachsen-Anhalt beispielsweise gehören nur sehr wenige Friseure Innungen oder Gewerkschaften an. Wo Betriebe organisiert sind – das sind im Bundesdurchschnitt etwa ein Viertel – liegen die Gehälter auch in einem vernünftigen Bereich, deutlich über dem Mindestlohn.
DHZ: Wie wollen Sie bei den anderen, nicht organisierten Betrieben durchgreifen?
Müller: Wir streben einen allgemeinverbindlichen Friseurtariflohn an. Dazu müssen wir 50 Prozent aller Beschäftigen im Friseurhandwerk vertreten – das wird eine große Herausforderung, aber wir haben es schon 2014 geschafft und wer-den es auch diesmal wieder versuchen.
DHZ: Geht es bei den Tariflöhnen nur ums Geld?
Müller: Nein. Es geht um viel mehr. Unsere Branche hat enormen Bedarf an Azubis. Also müssen wir uns auch entsprechend positionieren: über die Bezahlung, aber auch über Karrierechancen im Laufe des weiteren Berufswegs. Da erhoffen wir uns viel von unseren Aufstiegsfortbildungen, beispielsweise zum Salonmanager.
DHZ: Ab kommendem Frühjahr können Friseure auch „Beauty Management“ studieren. Was erwarten Sie sich von diesem Studiengang?
Müller: Wir wollen Friseurmeistern, ehrgeizigen Gesellen, aber auch Studienabbrechern Karrierewege aufzeigen. In Deutschland wurde das Thema Beauty immer etwas belächelt, anders als in Frankreich oder Italien. Aber das ändert sich gerade. Immer mehr wird Schönheit als Wettbewerbsvorteil im Privaten wie Beruflichen erkannt. Davon profitieren auch die Friseure. Mit dem Bachelor können Sie eine Karriere im Handwerk, in der haarkosmetischen Industrie und der Beautybranche anstreben.