Geld ist immer Vereinbarungssache, das kann man im Casino genauso erleben wie beim Monopoly. Seit den neunziger Jahren greifen regionale Initiativen verstärkt die Ideen von Silvio Gesell und anderen Vordenkern auf, die bereits vor Jahrzehnten ein "gesundes" Geld erfanden. Inzwischen scheint auch die EZB auf den Geschmack zu kommen.
Alexander Glück
Freigeld funktioniert so: Ein Verein druckt seine eigenen Geldscheine, hinterlegt den Gegenwert in Euro und gibt die Scheine in Umlauf. Angeschlossene Betriebe, Handwerker und Geschäfte akzeptieren sie wie Geld. Benutzer können dieses Geld aber nur regional verwenden. Horten sie es, so müssen sie eine Gebühr bezahlen, die regionalen Projekten zugutekommt. Während Waren mit der Zeit verderben, so die Grundidee, muss auch das Tauschmittel an Wert verlieren. Das so konzipierte “Schwundgeld” verliert im Quartal 2–3 Prozent seines Wertes, durch ein Märkchen wird es wieder aufgeladen. Wenn man Geld als Infrastruktur ansieht, fällt für seine Benutzung eben eine Gebühr an.
Diejenigen, die sich an solchen Freigeldprojekten beteiligen, finden dieses System ganz gut und richtig, denn sie wissen, dass Geld umlaufen muss, um die Dienstleistungs- und Warenkreisläufe in Schwung zu halten. Normales Geld, wie wir es kennen, war bisher untrennbar mit der Zinswirtschaft verbunden. Geld auszugeben, das man nicht hat, brachte Verlust. Geld, das man hat, nicht auszugeben, brachte Gewinn. Die Leute, die Geld benutzen wollten, mussten deshalb eine Mehrleistung zugunsten derjenigen erwirtschaften, die Geld nicht gemäß seinem ursprünglichen Zweck benutzen wollten. Dies führte dazu, dass herkömmliches Geld dazu neigte, sich irgendwo anzuhäufen, während es woanders fehlte.
2.700 Ortswährungen weltweit
Regionale Währungsvereine wollen seit rund zwanzig Jahren zurück zum "gesunden Geld". Sie drucken Gutscheine, die im regionalen Kontext die Funktion eines Zahlungsmittels erfüllen sollen. Und damit dieses "Freigeld" schön im Umlauf bleibt, schmelzen gehortete Beträge spürbar zusammen: Am meisten hat man von diesem Geld, wenn man es bald wieder ausgibt. Dies führt dazu, dass diejenigen, die sich damit bezahlen lassen, sich beeilen, sich damit zügig wieder etwas anderes zu kaufen. Das Geld bleibt im Fluss, wechselt viel häufiger seinen Besitzer und setzt dadurch ein Vielfaches an Kaufkraft frei. Und es fließt nicht ab. Weltweit gibt es derzeit gut 2.700 solcher Ortswährungen und Verrechnungssysteme, sie heißen "Kirschblüten", "Triestingtaler", "Rheingold" oder "Hansemark". Mit ihnen kauft man beim Bäcker ein, der geht damit zum Müller und der Müller zum Schuster. Der Geldumlauf wird stets mit einem eingebauten Negativzins (Demurrage) gesichert.
Schon um 1900 gab es in Bielefeld freies Geld. Seit es den Euro gibt, hat man in Bielefeld den "Bethel-Euro". Seit 70 Jahren gibt es in der Schweiz das WIR-System, zu dem etwa sechzigtausend Firmen gehören, die ihre Geschäfte untereinander mit dem Buchgeld "WIR" verrechnen. Das bedeutendste historische Beispiel ist die österreichische Erfolgsgeschichte von Wörgl. 1932 wurde in dem kleinen Tiroler Städtchen ein Freigeldprojekt begonnen – mit gewaltigem Erfolg. Das Freigeld bestand in "Arbeitsbestätigungen" zu 1, 5 und 10 Schilling. Während der Wirtschaftskrise senkte man damit die Arbeitslosigkeit um 16 Prozent, während sie in Österreich um 19 Prozent stieg. In den 13 ½ Monaten bis zum Verbot setzte jeder Freischilling das 73fache seines Werts an Waren und Dienstleistungen um. Der "richtige" Schilling bewegte im selben Zeitraum nicht einmal das 9fache seines Werts. Während die Nationalwirtschaft aufgrund der Krise gelähmt war, sprang das Freigeld von einem Projekt zum nächsten, über der Gemeinde ging ein warmer Regen aus Steueraußenständen nieder. Dies sind historische Fakten, die belegt und nachprüfbar sind. Zumindest die Beflügelung des örtlichen Wirtschaftstreibens dürfte auch heute noch funktionieren. In den USA führten zwischen 1932 und 1937 mehrere hundert Gemeinden und Städte Freigeldvarianten ein, sogenannte "Scips". Diesmal war es Franklin D. Roosevelt, der auf Druck großer Finanzinstitute die erfolgreichen Projekte untersagte. In Deutschland wurden zwischen 1929 und 1931 diverse Freigeldprojekte begonnen, unter anderem in Berlin, Gera, Schwanenkirchen und Ulm. Alle wurden nach kurzer Frist durch die Reichsregierung untersagt. Die Gegenwart, ebenfalls krisengebeugt, sieht allerorten neue Freigeldprojekte entstehen.
Örtliche Unternehmer, Handwerker, Händler und Dienstleister haben sich schnell an dieses System gewöhnt und machen mit – wo sie dabei sind, bekommen sie praktisch automatisch zusätzliche Kundschaft, weil ja jeder immer auf dem Sprung ist, sein Freigeld gleich wieder auszugeben. Ganz unbemerkt hat sich die Idee mit dem Negativzins bis in die EZB herumgesprochen, wo sie sich inzwischen etabliert hat.
25 Regiowährungen in Deutschland
Denn auch anerkannte Kapazitäten sprechen bereits offen davon, dass "einige Funktionen des heutigen Geldsystems dazu neigen, sich zu widersprechen", wie es der frühere belgische Zentralbankmanager Bernard Lietaer formuliert hat. An eine Reform des Euro nach Gesell-Muster glaubte noch vor einigen Jahren niemand, auch nicht bei den regionalen Initiativen. Doch nur dann könnte das Freigeld-Konzept wirklich greifen, behauptete Friedrich Baumann, der für den Westallgäuthaler eine Machbarkeitsstudie durchgeführt hat. "Eine natürliche Wirtschaftsordnung mit zinsfreiem Geld, wie sie von Silvio Gesell vorgeschlagen wurde, funktioniert nur als offizielle Währung", sagt Baumann. Schön und gut, aber seit Basel II bekommt man bei einer Bank fast überhaupt keinen Kredit mehr.
Allein in der Bundesrepublik sind derzeit 25 Regiowährungen in Betrieb, in anderen Ländern gibt es weitere. Interessant ist vor allem, dass das, was die EZB seit einiger Zeit mit den Zinsen veranstaltet, zahlreiche Merkmale der Freigeldprojekte aufweist – nur mit dem Unterschied, dass man es da nicht mehr als löbliche Errungenschaft einer örtlichen Wirtschaftsinitiative ansieht, sondern als eine die Massen enteignende Maßnahme des obskuren früheren Goldman-Sachs-Mitarbeiters Mario Draghi.
Vergleichen wir einmal: Gemeinsames Ziel der Freigeldprojekte ist es, geschlossene Wirtschaftskreisläufe zu etablieren und die Wirtschaft vor Ort zu fördern, um nicht zuletzt zur Sicherung der Arbeitsplätze beizutragen. Hierfür belegt man das Geld mit einer Benutzungssteuer, also einem Negativzins. Ziel der EZB-Geldpolitik ist es, die Wirtschaft zu beleben, indem Geldumlaufgeschwindigkeit und Inflation erhöht werden. Um das zu erzwingen, belegt die Zentralbank das Geld mit Negativzinsen als Strafe für alle, die es nicht ausgeben. Der einzige Unterschied ist, dass das System der EZB momentan noch keine Früchte trägt, weil das Geld nicht in die Wirtschaftskreisläufe vordringt: Es bleibt bei den Banken hängen oder sammelt sich in den Assets an.
Der Nebeneffekt der Freigeldprojekte lag sicher darin, breitere Bevölkerungskreise auf die Art und Funktionsfähigkeit desjenigen Geldsystems einzustimmen, das die gegenwärtigen Probleme lösen könnte. Wie wahrscheinlich das ist, zeigt sich beispielsweise an dem Beschluss der japanischen Regierung, Barvermögen zu besteuern, sowie an den Negativzinsen im Euroraum, die bereits von den ersten Banken an die Sparer weitergegeben werden. Doch weder in Japan noch im Euroraum hatten diese Maßnahmen bisher die gewünschten Effekte.
