„Freie Tankstellen sollten gestärkt werden“

DHZ-Gespräch mit Professor Ulrich Schwalbe über den mangelnden Wettbewerb am Benzinmarkt

Ulrich Schwalbe ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wettbewerbs- und Industrieökonomik. +#x21e5;Foto: privat

„Freie Tankstellen sollten gestärkt werden“

DHZ: Herr Professor Schwalbe, vor Feiertagen und Ferien ziehen die Preise an Tankstellen regelmäßig an. Das
ist nun auch in einer Studie des Bundeskartellamtes schwarz auf weiß nachzulesen. Geht es da mit rechten Dingen zu?

Schwalbe: Legal ist es. Auch das Kartellamt hat in seiner Studie keine illegalen Preisabsprachen festgestellt. Ob das Verhalten legitim ist, ist eine andere Frage. Die Mineralölkonzerne wissen, dass vor Feiertagen mit einer deutlichen Erhöhung der Nachfrage zu rechnen ist und die Verbraucher keine Möglichkeit haben, auszuweichen. Deshalb setzen sie die Preise auf ein Niveau, das nicht durch die höhere Nachfrage gerechtfertigt werden kann.

DHZ: Also sprechen sie sich doch über den Preis ab?

Schwalbe: Das ist gar nicht nötig. Der Markt ist transparent, so dass die Konkurrenten leicht nachziehen können. Wenn ein Konzern die Preise erhöht, sehen es die anderen und setzen ähnlich hohe Preise fest. Und jeder Anbieter, der durch ein günstigeres Angebot mehr Nachfrage auf sich ziehen wollte, würde von den Konkurrenten mit niedrigen Preisen ganz schnell in seine Schranken gewiesen. Dieser Sanktionsmechanismus lässt erst gar niemanden einen solchen Schritt wagen. Es ergeben sich dann Preise, die deutlich oberhalb dessen liegen, was man bei wirksamem Wettbewerb erwarten würde.

DHZ: Gibt es zu wenige Anbieter?

Schwalbe: Ja, es gibt zu wenige Wettbewerber auf dem Tankstellenmarkt. Derzeit beherrschen fünf Konzerne rund 70 Prozent des Marktes. Darunter sind BP/Aral und Shell mit Marktanteilen von rund 23 und 22 Prozent, gefolgt von Jet mit 10 Prozent sowie Esso und Total mit jeweils 7,5 Prozent. Der Rest verteilt sich auf kleinere Ketten und freie Tankstellen. Aufgrund dieser oligopolistischen Struktur und den spezifischen Bedingungen des Benzinmarktes kann es sogar zu Preisen kommen, wie sie ein Monopolist durchsetzen könnte.

DHZ: Das Bundeskartellamt hat im Kampf gegen die überhöhten Benzinpreise die Politik um Unterstützung gebeten. Wie stufen Sie die Vorschläge der Minister Ramsauer und Rösler ein?

Schwalbe: Beide Vorschläge können zwar die häufigen Preisschwankungen reduzieren, ändern aber nichts am Preisniveau selbst. Ramsauers Vorschlag lehnt sich an ein Modell an, wie es in Westaustralien praktiziert wird. Dort müssen Preiserhöhungen mit einem Vorlauf von 24 Stunden angekündigt werden. Röslers Vorstoß orientiert sich an der österreichischen Praxis, bei der die Preise generell nur einmal am Tag erhöht werden dürfen. Beides hilft aber nicht, das koordinierte Verhalten der Großen zu verhindern.

DHZ: Wie könnte der Gesetzgeber die Marktmacht der Großen am Tankstellenmarkt beschränken?

Schwalbe: Man müsste die Marktstruktur ändern, um eine größere Chance zu bekommen, mehr Wettbewerb zu erreichen. Deshalb sollten die freien Tankstellen gestärkt werden. Das könnte im Extremfall so weit gehen, dass größere Anbieter gezwungen werden, Teile ihres Netzes an kleinere Tankstellen zu verkaufen. Allerdings gibt es für eine solche Entflechtung derzeit keine gesetzliche Grundlage. Und da die großen Mineralölkonzerne gegen eines solche Entflechtung klagen würden, könnten darüber Jahre vergehen. Erfreulich wäre es natürlich auch, wenn weitere Wettbewerber wie große Handelsketten in den Markt eintreten würden.

DHZ: Inwiefern kann der Verbraucher selbst für günstigere Preise sorgen?

Schwalbe: Die Verbraucher sollten stärker nach den günstigsten Anbietern und besten Zeiten zum Tanken Ausschau halten. Sie zeigen damit, dass sie sehr wohl preisbewusst sind, die Nachfrage gar nicht so starr ist und die Konzerne nicht jeden Preis durchdrücken können.