Frauen: Mehr als Lückenbüßer

Gegen verkrustete Strukturen

Prof. Jutta Allemendinger ist Leiterin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).Foto: WZB

Frauen: Mehr als Lückenbüßer

Beim Stichwort Fachkräftemangel geht der Blick ins Ausland. Wem wollen wir den Zugang nach Deutschland erleichtern? Wer bietet welche Ausbildung, was brauchen wir dringlich? Wie können wir die 600.000 meist gut Gebildeten halten, die Deutschland Jahr für Jahr verlassen?

Der Blick über die Grenzen, die Frage, ob unsere Arbeitsbedingungen attraktiv sind, ist wichtig. Aber wir müssen viel breiter ansetzen. Ein großes Potenzial bleibt ungenutzt: das der heute noch bildungsarmen Kinder. Fast jeder Vierte der heute 15-jährigen jungen Männer gilt als bildungsarm, hat allein schon Probleme mit der deutschen Sprache. Doch das sollte uns nicht schrecken. Hier kann man ansetzen - früh, hartnäckig und mit Weitblick. Gleiches gilt für Weiterbildung und Umschulung, hier müssen wir neu denken.

Und dann die Frauen. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin und des Familienministeriums zeigt, dass 5,6 Millionen Frauen im erwerbsfähigen Alter nicht erwerbstätig sind, die allermeisten von ihnen wären es aber gerne. Viele sind gut gebildet. Hinzu kommen Millionen Frauen, die in Teilzeit mit geringer Stundenzahl arbeiten, oft geringfügig beschäftigt. Gäbe man ihnen die Chance, ihre Arbeitszeit zu erhöhen, wäre schon ein beachtlicher Bedarf gedeckt.

Wir alle wissen, was zu tun ist. Wir brauchen den Mut, verkrustete Kulturen hinter uns zu lassen und neue Strukturen aufzubauen. Manches andere Land macht uns vor, wie das geht. Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren wollen, brauchen passende Rahmenbedingungen. Sie brauchen gute Kinderbetreuung und Ganztagsschulen. Sie brauchen Öffnungszeiten von Kitas, Kindergärten und Schulen, die sich mit ihren Arbeitszeiten verbinden lassen. Sie brauchen Vertrauen, die Arbeit auch mal zu Hause oder am Wochenende erledigen zu können; Produktivität ist etwas anderes, als im Büro anwesend zu sein. Und sie brauchen Männer, die sich der Pflicht stellen, Kinder zu erziehen und Eltern zu betreuen.

Frauen sind mehr als Lückenbüßer. Sie sind kompetent, motiviert und haben Wissen, das oft fehlt. Selbst wenn es am Arbeitsmarkt keinen Mangel gäbe, könnten wir auf sie nicht verzichten.