Kontaktstelle Frau und Beruf Frauen im Handwerk: Hier steckt noch viel Fachkräftepotenzial drin

Marina Bergmann, die Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf Schwarzwald-Baar-Heuberg ansässig bei der Handwerkskammer Konstanz über Frauen im Handwerk und was sich ändern muss, um alte Rollenklischees aufzubrechen.

Daniela Lorenz

Marina Bergmann ist Leiterin der Kontaktstelle Frau und Beruf Schwarzwald-Baar-Heuberg, die bei der Handwerkskammer Konstanz ansässig ist. - © HWK Konstanz

DHZ: Sind Frauen in typischen Männerberufen noch Exotinnen?
Bergmann: Ich würde sagen ja. Wenn man sich eine technische Berufsschulklasse vorstellt, sind Frauen dort schon noch eine Besonderheit, was nicht bedeutet, dass sie es nicht können – eher im Gegenteil.

DHZ: Warum gibt es immer noch so wenige Frauen im Handwerk?
Bergmann: Mit dem Handwerk verbinden viele Frauen so etwas Typisches wie Bauberufe. Sie sagen dann, das sei nichts für sie. Wenn ich aber die Möglichkeit habe, ihnen mehr darüber zu erzählen, dass zum Beispiel auch eine Augenoptikerin oder eine Orthopädietechnik-Mechanikerin dazugehören oder dass man am Theater als Schreinerin, Raumausstatterin oder Schneiderin arbeiten kann, dann wird es interessant und dann kann man die Frauen schon für Berufe im Handwerk begeistern.

DHZ: Wie kann man junge Frauen heute ins Handwerk bringen und für handwerkliche Berufe begeistern?
Bergmann: Wichtig sind die Kanäle, auf denen junge Menschen heute unterwegs sind. Aber was haben wir für Influencerinnen? Da geht es viel um schön zu sein und zu gefallen und selten um Berufe. Hier können wir ansetzen und Vorbilder schaffen.

DHZ: Was muss passieren, dass sich das ändert?
Bergmann: Beim Girls’Day sehen wir ja, dass sich Mädchen auch in technischen Berufen wohlfühlen. Aber ein Tag ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es muss mehr Möglichkeiten geben, damit sich Mädchen ausprobieren können, auch mal an einem Auto schrauben können. Sie müssen diese Tätigkeiten erleben, um zu erfahren, dass sie daran Spaß haben.

DHZ: Das allein wird nicht reichen.
Bergmann: Nein, da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Oft sind es Vorurteile, dass man Frauen weniger zutraut. Unternehmerinnen erzählen mir immer noch, dass sie beim Kunden stehen und der fragt, wo der Chef ist. Es ist noch lange nicht selbstverständlich und akzeptiert, dass eine Frau ein gewerblich-technisch orientiertes Unternehmen führen kann. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Deshalb ärgere ich mich auch über die Fahrradhelm-Kampagne des Bundesverkehrsministeriums. Eine so typische Verstärkung von Rollenbildern sollte Politik an oberster Stelle vermeiden.

DHZ: Dabei steigt doch die Zahl der Existenzgründungen durch Frauen in Deutschland stetig an? Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?
Bergmann: Frauen arbeiten gerne selbstständig. Gestalten, entscheiden und über Abläufe bestimmen können, sind für sie wichtige Punkte. Auch Zeitsouveränität spielt eine große Rolle, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Außerdem erlebe ich viele Übernahmen durch Töchter. Die Unternehmer, also die Väter, trauen ihren Töchtern das zu, weil sie sehen, wie sie arbeiten und was sie leisten.

DHZ: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt eine wichtige Rolle. Wie kommen Frauen nach der Elternzeit denn in den Beruf zurück?
Bergmann: Häufig kommen Frauen nur zu 50 Prozent in den Beruf zurück und oft können sie nicht auf ihre alte Position, sondern verlieren Verantwortung. Das ist schade, denn die Qualifikation ist ja da. Viele Frauen würden gerne mehr arbeiten. Doch Unternehmen lassen sich auf flexible Lösungen wie 75 oder 80 Prozent nur ungern ein. Da geht viel Fachkräftepotenzial verloren.