Versorgungsengpass Folgen des Materialmangels: „Wildwest-Methoden“ und Verlustgeschäfte

Die Preise für Farbe, Stahl, Holz- und Dämmstoffprodukte sind stark gestiegen. Baustellen droht der Stillstand. Auch politische Ziele wie die Energiewende stehen vor dem Aus.

Bauholz ist derzeit heiß begehrt – auch wegen des Rohstoffhungers der USA. - © Detlev Müller

Von Steffen Range

Der Mangel an Baustoffen spitzt sich zu. Betriebe des Bau- und Ausbaugewerbes berichten von leeren Regalen im Baustoffgroßhandel und sprunghaft steigenden Preisen. Vor allem Dämmmaterialien, aber auch Holz, Farben oder Metalle sind kaum noch zu bekommen. Es ist eine unerwartete Folge der Corona-Pandemie.

  • Nach Angaben des Dachdeckerverbands (ZVDH) hat sich der Holzpreis teilweise verdoppelt bis verdreifacht. Das betrifft vor allem Latt- und Schalholz.
  • Die Preise für Trockenbauprofile und OSB-Platten und ESP-Dämmstoffe gehen durch die Decke. Manche Hersteller von Rohstoffen und Vorprodukten kündigen bis Mai Erhöhungen bis zu 50 Prozent an, meldet das Malerhandwerk. Sanitärsilikon, Farben und Lacke werden ebenfalls drastisch teurer.
  • Bitumen und Stahlprodukte haben sich nach Angaben der Bauindustrie im März 2021 um rund 20 Prozent verteuert verglichen zum Dezember 2020.

„Die Lage ist ernst“, sagt Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern und selbst Bauunternehmer. „Baumaßnahmen kommen ins Stocken, viele Leistungen lassen sich mit den gestiegenen Materialpreisen nicht mehr erbringen.“ Dem stimmt Dietmar Ahle zu. Der Malermeister aus Paderborn ist im Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz zu­ständig für Technik und Märkte. „Es ist dramatisch. Die Lieferzeiten sind lang oder es gibt gar nichts.“ Hersteller vertrösten ihre Kunden bei be­stimmten Produkten um mehrere Monate - oder sehen sich überhaupt nicht mehr imstande zu liefern.

Wildwest-Methoden am Bau

Erfahrene Handwerker berichten von „Wildwest-Methoden“. Bestellte Ware kommt nicht an, manche Händler erpressen ihre Kunden regelrecht. Ein Meister erinnert sich an den Anruf eines Lieferanten. Der Lastwagen, so wurde ihm gesagt, stehe abfahrbereit auf dem Hof. Ob er sein Angebot nicht noch einmal überdenken wolle, die Konkurrenz zahle mehr. Handwerker lassen sich in ihrer Not auch zu Hamsterkäufen hinreißen. Sie bestellen bei mehreren Lieferanten gleichzeitig und dann noch viel zu viel Material auf einmal. Das treibt die Preise und verschlimmert den Mangel. Einigen Baustellen droht bereits der Stillstand. Fehlt Material, kann nicht weitergearbeitet werden – Folgegewerke trifft ein Dominoeffekt. Ohne Dämmung wird die Bodenplatte nicht fertig, nichts geht voran. Wenn der Dachstuhl vom Zimmermann wegen Holzmangel nicht aufgebaut werden kann, kann auch der Dachdecker nicht loslegen.

Projekte werden unrentabel

Sofern der Preis fürs Material weiterhin deutlich steigt, werden bereits laufende Projekte praktisch unrentabel für die Unternehmen. Eigentlich ausverhandelte Objekte haben sich in den vergangenen Wochen um zehn bis 20 Prozent verteuert, schätzen Branchenvertreter. „Diese heftigen Preiserhöhungen treffen das Handwerk völlig unerwartet. Unsere Betriebe können das nicht abpuffern, in den Verträgen mit den Kunden ist dafür kein Spielraum“, sagt Malermeister Ahle. Die Folge: Viele Handwerker bleiben auf ihren Kosten sitzen. Das ist besonders fatal in einer Phase, in der die Kapitaldecke bei Bauherren wie bei den Handwerksbetrieben ohnehin dünner wird. Die Erholung der Wirtschaft ist in Gefahr.

Dramatischer Appell

Einen dramatischen Appell richtet Michael Hilpert, Präsident des Zentralverbands Sanitär Heizung Klima (ZVSHK), an Industrie und Großhandel. „Es reicht!“ Anders als die Großhändler könne das SHK-Handwerk die „exorbitanten Preissteigerungen bei Baumaterialien“ nicht so einfach bei den Kunden abladen. Preiserhöhungen seien zwar generell nachvollziehbar. Kein Unternehmen könne erfolgreich arbeiten, wenn die Preise nicht auskömmlich seien. „Das heißt aber auch, wir alle müssen erforderliche Preissteigerungen an den Kunden weiterreichen können. Und dabei fühlen wir uns gerade allein gelassen.“ Hilpert appelliert an Hersteller und Großhändler, Preiserhöhungen „verträglich“ weiterzureichen. „Begründet sie. Macht sie transparent. Konfrontiert uns nicht mit so kurzen Fristen, dass unsere Materialkalkulationen das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen.“

Klimaziele in Gefahr

Auch politische Ziele stehen vor dem Aus. ZVDH-Hauptgeschäftsführer Ulrich Marx sagt: „Wir sehen ernsthaft die Energiewende gefährdet.“ Wenn Dächer, Geschossdecken und Fassaden nicht im vorgesehenen Maß gedämmt werden oder komplette Dachsanierungen wegfallen, habe das direkte Auswirkungen auf den Energieverbrauch und damit auf den CO2-Ausstoß. Zuschüsse der Förderbank KfW sind – bezogen auf das inzwischen herrschende Preisniveau – kümmerlich.

Querschüsse aus China und den USA

Die Lage hat sich in den vergangenen Monaten zugespitzt, weil der weltweite Handel gestört ist. Bewährte Lieferketten sind zusammengebrochen, außerdem haben einige Produzenten die wirtschaftliche Entwicklung falsch eingeschätzt. In der ersten Phase der Corona-Pandemie wurden Kapazitäten für verschiedene Baustoffe heruntergefahren, was im Nachhinein betrachtet ein Fehler war. Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit, obwohl es genug Nachfrage für ihre Produkte gegeben hätte. Überdies hat sich China schneller erholt als Ökonomen vermutet hatten. Dazu kommt eine gewaltige Nachfrage nach Holz aus den USA. Das ist eine Folge des amerikanischen Konjunkturprogramms. Handwerksvertreter fordern bereits Exportbeschränkungen für Baustoffe.