Interview mit Raimund Becker Flüchtlinge: "Der Engpass sind die Sprachkurse"

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland, das Handwerk macht sich vor allem für die Jugendlichen unter ihnen stark. Arbeitsmarktexperte Raimund Becker spricht im DHZ-Interview über die schwierige Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Karin Birk

Raimund Becker, Vorstand Regionen, der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. - © Foto: BA

Deutsche Handwerks Zeitung: Herr Becker, wir reden derzeit viel über die Kosten der aktuellen Flüchtlingswelle. Sind Flüchtlinge nicht auch eine Chance für Arbeitsmarkt und Sozialsysteme?
Raimund Becker: Ganz klar, ja. In Deutschland werden wir aufgrund des demografischen Wandels bis zum Jahr 2030 fast acht Millionen Erwerbstätige weniger haben. Um diese Lücke zu verkleinern, brauchen wir auch Zuwanderung. Wenn jetzt Menschen aus humanitären Gründen zu uns kommen, können natürlich auch sie diese Lücken schließen helfen. Ob Ärzte oder Altenpfleger, Elektroniker oder Anlagenmechaniker – wir können viele von ihnen gebrauchen. Werden Sie beschäftigt, zahlen sie Sozialversicherungsbeiträge und Steuern; und manche von ihnen werden auch Unternehmen gründen und andere einstellen.

Mehr Sprachkurse mit berufsfachlicher Ausrichtung


DHZ: Warum geht ihre Integration in den Arbeitsmarkt nicht schneller?
Becker: Der Engpass sind momentan vor allem die Sprachkurse. Wer hierzulande Asyl beantragt, spricht meist kein Deutsch. Bisher gibt es Integrationskurse, aber nur für anerkannte Flüchtlinge, doch das Anerkennungsverfahren dauert im Schnitt etwa ein halbes Jahr. Es gibt aber eine gute Botschaft: Die Verfahren sollen beschleunigt werden und Integrationskurse soll es bald auch für Flüchtlinge mit hoher Bleibeperspektive und für Geduldete geben. Außerdem sollen Sprachkurse mit berufsfachlicher Ausrichtung weiter ausgebaut werden. Auch dafür gibt es mehr Geld. Entscheidend ist, dass Flüchtlinge möglichst schnell in die Kurse kommen. Sie brauchen ein halbes oder Dreivierteljahr, bis sie sich gut verständigen können. Erst dann geht es um ihre Integration in den Arbeitsmarkt.

DHZ: Wie läuft es mit der Anerkennung von Abschlüssen?
Becker: Ein großer Teil der Flüchtlinge hat einen höheren oder mittleren Bildungsabschluss. Diese gilt es, so schnell wie möglich anzuerkennen. Bei den Kammern läuft das recht gut. Die Anerkennung examinierter Altenpflegekräfte geht dagegen sehr langsam. Hier gibt es 16 Länder mit ganz unterschiedlichen Anerkennungspraktiken. Ganz gleich, ob jemand als Flüchtling, über die Blue-Card oder die Positivliste für Mangelberufe nach Deutschland kommt – wichtig ist, dass Qualifikationen schnell geprüft werden.

Klare Regelung für den Arbeitsmarkt


DHZ: Wer in Deutschland Asyl beantragt oder als Geduldeter eingestuft ist, darf nach drei Monaten arbeiten, falls sich niemand anders für die Stelle findet. Wie funktioniert das bei den Agenturen für Arbeit und Jobcentern?
Becker: Wir haben eine klare Regelung, dass innerhalb von zwei Wochen eine Rückmeldung an die Ausländerbehörde erfolgen muss. Wenn wir uns bis dahin nicht gemeldet haben, dann gibt es niemanden, der vorrangig beschäftigt werden müsste. Aus arbeitsmarktrechtlicher Sicht steht einer Beschäftigung dann nichts mehr im Wege.

DHZ: Was wird gemacht, um insbesondere junge Flüchtlinge schneller in eine Ausbildung zu bringen?
Becker: Hier haben sich die Rahmenbedingungen verbessert. Da muss man nur bereit sein, jemanden einzustellen. Der Aufenthaltsstatus für junge Menschen, die in Ausbildung sind, ist nach der Bleiberechtsnovelle jetzt gesichert. Während der Ausbildung sind sie geduldet. Dieser Status muss zwar jährlich verlängert werden, er gibt Flüchtlingen und ­Arbeitgebern aber deutlich mehr ­Sicherheit.