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Qualitätsverfall Meisterbrief – Fliesenleger wollen ihn zurück

Das Baugewerbe fordert eine Rückkehr zum Meisterbrief für Fliesenleger. Vertreter des Handwerks hoffen, dadurch "Wildwestmanieren" auf deutschen Baustellen in den Griff zu bekommen. Doch nicht alle sind von dem Vorstoß begeistert.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Meister im Handwerk

Der Meisterbrief für Fliesenleger sollte nach Ansicht des Baugewerbes wieder eingeführt werden. Das fordern der Fachverband Fliesen und Naturstein im Zentralverband Deutsches Baugewerbe und die IG Bau in einem Brief an die im Bundestag vertretenen Parteien. Der Vorstoß der Fliesenleger stößt unter Handwerkern auf ein geteiltes Echo – was an zahlreichen Diskussionsbeiträgen abzulesen ist, die die Deutsche Handwerks Zeitung per Mail und auf Facebook erreicht haben. Während manche die Rückkehr zum Meisterbrief für überfällig halten, wollen andere am bestehenden Status nicht rütteln. Wir haben Argumente und Fragen der Leser (im Text kursiv) zusammengestellt und Fachleute damit konfrontiert.

Die Entwicklung seit der Reform der Handwerksordnung 2004 habe zu einem erheblichen Qualitätsverlust in der Branche geführt, heißt es in dem Schreiben der Bauvertreter. "Die Abschaffung der Meisterpflicht im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk wie in vielen anderen Baubereichen (Betonstein - Terrazzo / Estrichleger-Handwerk) war eine Fehlentscheidung mit fatalen Folgen, insbesondere aber einem großen Imageverlust, da die Qualität der Dienstleistung in Verruf geraten ist. Eine fachgerechte und qualitativ hochwertige Handwerksleistung kann nur durch gut ausgebildete Fachkräfte gewährleistet werden." In dem Brief verlangen die Initiatoren die Wiederaufnahme des Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerks in die Anlage A der Handwerksordnung.

Brüssel stiftet Verwirrung

Der Vorstoß kommt zu einer Zeit, in der die EU-Kommission durch das Dienstleistungspaket große Verwirrung stiftet. Vertreter des Handwerks sehen den Meisterbrief und die duale Ausbildung durch die Brüsseler Pläne bedroht. Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), analysiert: "Das grundsätzlich richtige Ziel einer Vollendung des EU-Binnenmarktes darf nicht fortwährend mit dem Ruf nach Abbau von Reglementierungen einhergehen.“ Die EU-Kommission folge einer "sehr einschränkten Sichtweise“: Jede Reglementierung sei für sie per se ein Wettbewerbshindernis. "Übersetzt für das deutsche Handwerk heißt das: Der Meister soll ein Wettbewerbshindernis sein.“ Schwannecke hält neue Regelungen schlicht für überflüssig: "Egal, wo in Europa ein Beruf gelernt wurde, die Anerkennungsregeln stellen sicher, dass man mit diesem europaweit arbeiten oder sich selbständig machen kann. Insoweit gibt es kein weiteres Bedürfnis zum Abbau von Berufsreglementierungen. Sie sind schlicht kein Hindernis.“

Überdies habe die strenge deutsche Handhabe auch Vorzüge. "Der qualifikationsgebundene Berufszugang über den Meister bringt viele Vorteile wie die Absicherung der dualen Berufsausbildung. Die Auszubildenden werden zu guten Fachkräften. Gut qualifizierte Handwerker wiederum schaffen qualitativ hochwertige Produkte, Innovationen und können einen florierenden Betrieb aufbauen. “

Auf Baustellen in Deutschland ergeben sich nach Angaben des Baugewerbes immer wieder Probleme mit nicht-deutschen Fliesenlegern.So blieben Bauherren häufig auf den Kosten der Beseitigung von Schäden sitzen, die durch die nicht fachgerechte Verlegung von Fliesen entstehen.

Leser-Frage auf Facebook: "Warum wurde der Meisterbrief eigentlich abgeschafft?"

Mit der Reform der Handwerksordnung 2003/2004 wurde unter anderem im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk die Meisterpflicht aufgehoben. Die Politik erhoffte sich durch die Deregulierung einen Wachstumsschub für das Handwerk und nachhaltig mehr Beschäftigung. Wissenschaftliche Gutachten werten die Reform kritisch: Viele der seinerzeit erhofften positiven Entwicklungen traten nicht ein. Allerdings lassen sich auch nicht alle Probleme, die die Fliesenleger beklagen, auf die veränderte Handwerksordnung schieben. "Ich halte die Novellierung zwar für einen Fehler, aber damit allein lässt sich die Entwicklung bei den Fliesenlegern wissenschaftlich nicht begründen“, sagt Klaus Müller, Geschäftsführer des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen (ifh). Der Rückgang bei den Ausbildungen sei auch "der demografischen Entwicklung, dem Trend zum Abitur und der Krise im Baugewerbe vor einigen Jahren“ zuzuschreiben. "Einen ähnlich starken Rückgang an Auszubildenden gab es auch in anderen Bereichen.“ Tatsache ist allerdings auch, dass immer weniger Fliesenleger einen Meistertitel haben, sagt Müller. "Bei den Meisterbriefen ist die Entwicklung ganz eindeutig: Das ist ein Effekt der Novellierung.“

Leser-Anmerkung auf Facebook: "Nicht nur der Meister ist Garant für gutes Handwerk."

"Was die rein handwerklichen Fertigkeiten betrifft, gibt es viele Gesellen, die allen etwas vormachen“, sagt Franz Falk, Geschäftsführer Unternehmensservice bei der Handwerkskammer Region Stuttgart. Andererseits hätten einige Gesellen oder Autodidakten auf der Baustelle "Schwierigkeiten mit der Kalkulation“: "Sie sehen die Gesamtsumme, berücksichtigen aber nicht, welche Vor- und Nacharbeiten zu leisen sind – mit der Folge, dass nichts verdient wird.“ Das genau vermittelt die Meisterausbildung: "Sie vermittelt betriebswirtschaftliche und rechtliche Kenntnisse, die zum Teil essenziell sind.“

Leser-Anmerkung auf Facebook: "Der Meister hat mich Energie gekostet. Und jetzt ist alles umsonst."

Das sehen die befragten Experten anders. "Am Meister hängt das Qualitätsversprechen, und das ist das A und O“, sagt Ulrich Wagner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Schwaben. Das bestätigt auch Franz Falk: "Wer mit Elan und Ehrgeiz die Meisterschule besucht hat, tritt motiviert und professionell auf und ist für den Kunden ein ganz anderer Gesprächspartner." Meister könnten Informationen gut verarbeiten, wenn es etwa um neue Gesetze oder Bauvorschriften gehe. Auch bei Kreditverhandlungen hätten Handwerker mit Meistertitel Vorteile: "Bei Banken und Sparkassen steht der Meisterstitel hoch im Kurs, was zum Beispiel Existenzgründungen betrifft.“ ZDH-Generalsekretär Schwannecke verweist auf einen weiteren Vorzug: "Der Meister ist gelebter Verbraucherschutz – zum Beispiel bei gefahrengeneigten Tätigkeiten, aber darüber hinaus ist er auch Garant für die Qualität der Produkte und Dienstleistungen." Außerdem bildeten Meisterbetriebe nachweislich überdurchschnittlich aus, was die "Basis einer geringen Jugendarbeitslosigkeit“ sei.

Da viele Kunden allerdings nicht unterscheiden, ob sie es mit einem Meisterbetrieb oder einem Autodidakten zu tun haben, müssen auch die Einzelkämpfer verstärkt geschult werden. Ulrich Wagner sagt: "Wir müssen auf Qualität auch außerhalb des Meisterbriefs achten.“ Ein schwieriges Unterfangen für die Kammern: Denn Soloselbständige, vor allem jene mit Migrationshintergrund, sind für die Kammer schwer zu erreichen.

HIER GEHTS ZUR GANZEN DISKUSSION AUF FACEBOOK

Leser-Anmerkung per Leserbrief: "Für kleine Einzelunternehmer (ohne Meisterbrief) wird nichts getan …"

Dieser Aussage widerspricht Ulrich Wagner. „Wir haben das Thema in unserer Kammer bewusst auf dem Schirm.“ 40 Prozent aller Handwerksunternehmen seien Soloselbstständige oder Kleinstunternehmen. "Die müssen wir ansprechen mit eigenen Bildungs- und Beratungsangeboten.“ Seine Kammer organisiert zum Beispiel spezielle Veranstaltungen für Unternehmer, die keine Meister sind. "Wir haben ein Riesenwachstum bei B1- und B2-Betrieben. Wir können nicht so tun, als gäbe es nur A-Betriebe. Es hilft nichts diese Situation zu negieren.“ Für eine Kammer ist das durchaus ein Spagat, Soloselbstständige gut zu betreuen, ohne die Meister zu vernachlässigen – schließlich entstammen die engagierten ­Ehrenamtlichen häufig Meister­betrieben.

Leser-Diskussionsbeitrag per Mail: "Die kleinen Einzelunternehmen will man weghaben."

Davon kann nach Meinung der Experten keine Rede sein. "Es gibt gute Gründe, alleine unterwegs zu sein“, sagt ZDB-Hauptgeschäftsführer Felix Pakleppa. Ulrich Wagner spricht von einer " schwierigen Gemengelage aus prekären Lebenswegen, Unternehmern am Ende ihrer Berufslaufbahn und Leuten, die sich bewusst für den Ein-Mann-Betrieb entschieden haben“. Statistiken zeigen seit einigen Jahren eine Spreizung: Das Handwerk zerfällt zunehmend in sehr große und sehr kleine Betriebe. "Wir sehen einen sehr starken Trend zu Soloselbstständigen, wobei man daraus nicht zwangsläufig folgern kann, dass das auch Scheinselbstständige sind“, sagt ifh-Chef Klaus Müller. Der Forscher plädiert für eine "gesunde Mischung“: Gerade Privatleute mit kleinen Aufträgen seien angewiesen auf kleine Handwerksbetriebe in der Nachbarschaft. "Großbetriebe übernehmen in dieser konjunkturellen Lage häufig keine Miniaufträge.“

Leser-Anmerkung per Mail: "Seitdem der Meister für Fliesenleger abgeschafft wurde, sind die Preise eingebrochen."

Franz Falk hat dafür eine Erklärung: "Vor allem auf manchen Großbaustellen herrschen regelrechte Wildwestmanieren. Da gibt es eine lange Kette von Subunternehmern und da geht es vor allem um den Preis. Das hängt nicht nur mit dem fehlenden Meistertitel zusammen“, so der Experte der Handwerkskammer Region Stuttgart. Auf dem Bau herrsche ein gewaltiger Preisdruck. Das führe zum Teil zu " unseriösen Praktiken“.

Leser-Anmerkung auf Facebook: "Großbaustellen sind in der Hand von europäischen Kolonnen."

Das lässt sich nicht leugnen – und wirft Probleme auf. „Einige Betriebe aus dem Ausland haben ein erleichtertes Marschgepäck. Uns geht es um Wettbewerbsgerechtigkeit“, sagt Felix Pakleppa. „Für unsere Betriebe, die anständige Löhne zahlen, ist das kaum zu stemmen.“ Es gebe tatsächlich eine "Wettbewerbsverzerrung", stellt auch Wissenschaftler Klaus Müller fest. Der Grund: Wer nicht fürs Alter vorsorgt, keine Versicherungsbeiträge leistet, keine Steuern zahlt, ist natürlich billiger unterwegs als der solide Handwerksbetrieb, der seine Mitarbeiter fair entlohnt, Lehrlinge ausbildet und Beiträge zur Berufsgenossenschaft leistet.

Weniger Auszubildende und Meister

Die Reform der Handwerksordnung hatte große Auswirkungen auf die Fliesenleger. Für das  Jahr 1997 verzeichnet die Statistik 9573 Lehrlinge. 2004 – im Jahr der Novellierung der Handwerksordnung – waren es 3029, 2016 waren es nur noch 2239. Die Meisterprüfungen sanken von 618 im Jahr 1998 auf 114 im Jahr 2015. Die Zahl der Betriebe stieg von 12.401 im Jahr 2004 auf 71.142. Viele dieser neu gegründeten Betriebe sind Ein-Mann-Betriebe und verdingen sich als Scheinselbstständige auf deutschen Baustellen, heißt es im Schreiben des Baugewerbes. Aufgrund ihrer Dumpingpreise seien viele Arbeitsplätze verloren gegangen und alteingesessene Betriebe vom Markt verschwunden.

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