Talkmaster Louis Klamroth wollte mit seinen Gästen bei "hart aber fair" über die Zerrissenheit des Landes nach den Ost-Wahlen sprechen. Während die anwesenden Politiker sich in teils kleinteiligem Gezänk ergangen, drangen eine Schriftstellerin und eine Fleischereifachverkäuferin aus Brandenburg tiefer in die Materie ein.

Die Runde bei "hart aber fair" hatte gerade eine Viertelstunde lang vor sich hingetalkt und war schon dabei, sich totzulaufen. Da gelang Moderator Louis Klamroth ein Wiederbelebungsversuch. Der Moderator führte Doreen Lorsch in die Runde ein. Sie ist Fleischereifachverkäuferin in der Metzgerei ihres Mannes – mithin also Chefin – im brandenburgischen Dahmen. Dort organisiert sie seit Monaten Demonstrationen, ausgehend von den Bauern- und Handwerkerdemos. Es geht gegen die Politik der Ampel, aber auch Migration ist ein Thema. Klamroth ging in dem Einspieler fair mit den Demonstranten um. Und auch im Gespräch mit Lorsch im Studio – beide duzten sich – blieb er sachlich und zugewandt. Diese Ausgabe von "hart aber fair", einem Format, dem oft zurecht vorgeworfen wird, die Runden recht einseitig mit Vertretern grüner und linker Positionen zu besetzen, war diesbezüglich absolut ausgewogen.
Vielfältige Probleme auf dem Land
Und so erzählte Lorsch von den Problemen, die sich vor allem im ländlichen Raum für viele Menschen derzeit ergeben. Natürlich war die ungeregelte Migration ein Thema, aber eben auch vieles andere. Zwei Dörfer weiter hatte es immer einen Fleischer, Bäcker, einen Konsum- oder einen Blumenladen gegeben. "Alles hat zugemacht", sagte Lorsch. Es seien Zukunftsprobleme, die die Menschen umtreiben, die "Angst, was mit mir selber passiert, wo die Reise hingeht". Warum so viele Menschen im Osten die AfD wählten, wollte Klamroth ein wenig naiv wissen. Lorsch sprach davon, dass die Menschen sich nicht verstanden fühlen. "Wir sind nicht erst seit gestern auf der Straße", sagte sie mit Blick auf die Demonstrationen. Doch es herrsche "das Gefühl, es kommt keiner zu uns". Die nach eigener Aussage jahrelange CDU-Wählerin erwähnte noch die Migration der vergangenen Jahre, die zusammen mit der fehlenden Infrastruktur zu viel sei. "Manche sind bis heute nicht in Arbeit, tragen nichts zum Staat bei", sagte Lorsch. Und dann wieder, ähnlich wie zuvor: "Man hat das Gefühl, es wird nichts getan, um das zu verändern."
Schriftstellerin Zeh bringt es auf den Punkt
Dieser etwa zehnminütige Einschub verlieh der Runde neue Impulse. Während SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert recht scheinheilig fragte, wann eigentlich das Vertrauen, dass man miteinander rede, verloren gegangen sei. Und Philipp Amthor (CDU) betonte, dass man Menschen, die ihre Sorgen äußerten, zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt habe, war es die Schriftstellerin Juli Zeh, die Lorschs Aussagen am besten aufgriff.
Sie höre bei sich im Dorf noch deutlich "griffigere" Sätze, sagte sie. Und griff dann das Gefühl auf, von dem Lorsch gesprochen hatte. Es habe einen "starken sozialen Impact", wenn bei bundespolitischen Entscheidungen nicht bedacht werde, wer eigentlich die Lasten zu tragen habe, sagte Zeh. Und brachte auf den Punkt, was die Menschen im Osten gerade mit Blick auf die vielfach in der Kritik stehenden Grünen oft denken: "Bekommen tun wir nichts, aber wir sollen unsere private Sphäre ändern, wenn es Probleme zu lösen gibt. Wir sollen die ganze Verantwortung bis zur Weltenrettung tragen." Dieser "Zweiklang" erzeuge einen kreischenden Störton im Ohr. Und das sei der Grund für viel, viel Aggression gegen "die da oben". Damit hatte Zeh die Stimmung in weiten Teilen Ost-, aber sicherlich auch Westdeutschlands auf den Punkt gebracht. Was Doreen Lorsch zuvor direkt aus der Praxis vor Ort erzählt hatte, hob sie sozusagen auf eine höhere, allgemeingültige Ebene.
Migration als zentrales Thema
In der übrigen Sendezeit drehte sich die Diskussion stark um das Thema Migration. Während die Soziologin Katharina Warda den Rassismus in der Gesellschaft als wichtigsten Grund für die Kritik an der Migrationspolitik ausgemacht hatte, war es BSW-Chefin Sarah Wagenknecht, die aus sozialen Gründen und eine aus dem Ruder gelaufene Migration als Grund dafür ins Feld führte. Immer wieder kreiste die Debatte um die AfD und deren drei Wahlerfolge am Stück in Ostdeutschland. Da ging es um Sperrminoritäten in Landtagen. Oder um die Frage, warum gerade junge Menschen die AfD gewählt hatten. Hier schaffte es die Runde leider nicht, auch die Migration mit in die Ursachenforschung einzubeziehen. Sie blieb ein wenig oberflächlich.

AfD und Grüne fehlen komplett
Über der von Klamroth fair moderierten Runde, die auch alles in allem ausgewogen besetzt war, schwebte jedoch wie ein Makel die Tatsache, dass weder von den Grünen noch von der AfD ein Vertreter eingeladen war. Jenen beiden Parteien, die bei allen drei Ostwahlen stark verloren oder eben hinzugewonnen hatten. So sprach man vor allen Dingen über die AfD und nicht mit ihr. Obwohl gerade dieser Umgang eben nicht dazu geführt hatte, dass die Partei weniger Stimmen erhält, was die anderen Parteien stets als ihr Ziel ausgeben.
Immerhin wünschte sich Zeh gegen Ende der Show angesichts der politischen Streitigkeiten, die im gewohnten Duktus ausgetragen wurden, noch Pragmatismus bei der Koalitionsbildung in den drei Ost-Ländern, die zuletzt gewählt hatten. Dass das Bündnis Sahra Wagenknecht dabei eine wichtige Rolle spielt, liegt auf der Hand. Und deshalb überraschten manche Angriffe von Wagenknecht, Kühnert und Amthor aufeinander. Eine Talkshow mit Bundespolitikern ist allerdings das eine. Verhandlungen über Koalitionen auf Landesebene etwas ganz anderes.
Kühnerts naive Frage
Wie auch immer diese Verhandlungen ausgehen mögen, wichtig ist, dass wieder mehr Vertrauen zwischen der Politik und den Menschen, gerade auch denen aus Handwerk und Mittelstand, erwächst. Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, machte Doreen Lorschs Fazit deutlich. Das Thema Migration beispielsweise sei von den "Altparteien" erst in den letzten Wochen aufgegriffen worden, sagte sie, danach gefragt, ob sie das Gefühl habe, dass ihre Anliegen ein stückweit bei den anwesenden Politikern angekommen seien. "Diese Themen wurden lange abgetan, man hat sich nie damit beschäftigt", so Lorsch. Das sei unglaubwürdig. Und als Kühnert von der SPD schließlich fragte, wo man Räume finden könne im Alltag, um darüber zu sprechen, "damit wir nicht so völlig auseinandergehende Wirklichkeiten haben", so war dies eigentlich schon ein Teil der eigentlich fälligen Diagnose. Eine Antwort darauf könnte lauten: Bestimmt viel eher vor Ort in Brandenburg oder anderswo als in den Berliner Parteizentralen.
>>> Hier die vollständige Sendung "hart aber fair" anschauen.