Handwerk im TV Filmvorschau "Auf der Walz": Handwerkskitsch zur besten Sendezeit

Am Freitagabend um 20.15 Uhr läuft in der ARD ein neuer Spielfilm, der sich um eine der ältesten Handwerkstraditionen dreht: die Walz. Dem Zimmererhandwerk beschert der Sender damit zwar eine erfreulich große Bühne und ein Millionenpublikum, zeichnet in der seichten Sommerkomödie aber ein sehr romantisiertes Bild.

Voller Tatendrang: Die Zimmerergesellen Maria (Ronja Rath) und Cem (Sohel Altan Gol) gehen auf die Walz.
Auf der Walz werden Maria (Ronja Rath, re.) und ihr Altgeselle Cem (Sohel Altan Gol, li.) zu einem eingespielten Team. - © ARD Degeto Film/Constantin Television/Lemonpie Film/Petro Domenigg

Wer am Freitagabend das Erste einschaltet, kann sich schon vor dem Blick in die Programm-App oder TV-Zeitschrift sicher sein: Das wird eine gemütliche Angelegenheit, bei der man entspannt die Füße hochlegen darf. Wenn es ein ungeschriebenes Fernsehgesetz gibt, dann dieses: Die zwei wichtigsten öffentlich-rechtlichen Sender sollten nie zur selben Zeit etwas Spannendes oder etwas Entspannendes ausstrahlen – und im ZDF läuft bekanntlich der "Freitagskrimi". Entsprechend harmlos und kitschig kommen die ARD-Formate an diesem Abend daher; meist erzählen sie heitere Liebesgeschichten oder turbulente Familienkuriositäten.

Am 15. August 2025 sendet das ZDF um 20.15 Uhr zwar ausnahmsweise keinen Krimi, sondern ein Fußballspiel – das ändert aber nichts daran, dass die ARD auch ihre seichte Sommerkomödie "Auf der Walz – Drei Jahre und ein Tag", bei dem das Handwerk erfreulicherweise im Mittelpunkt steht wie selten, für genau diese Programmschiene produziert hat. Dem Film unter Regie von Sibylle Tafel merkt man den anvisierten Sendeplatz in jeder Minute an. Statt die täglichen Herausforderungen differenziert darzustellen, denen reisefreudige Gesellinnen und Gesellen auf der Walz begegnen, thematisiert der Film die Strapazen nur humorvoll am Rande. Dafür konzentriert sich der Film auf die positiven Aspekte: kuriose Rituale, feuchtfröhliche Geselligkeit unter Gesellen, ungestillte Abenteuerlust und malerische Landschaften.

Auf der Suche nach großen Abenteuern

Maria (Ronja Rath) ist gelernte Zimmerin und Betriebsfachwirtin. Ihren Gesellenbrief hat sie seit einigen Jahren in der Tasche, den Hammer und Nagel aber nur noch selten in der Hand: Im bayrischen Holzbaubetrieb ihres konservativen Vaters Volker Abeler (Oliver Stokowski) managt sie das Büro, die Social-Media-Accounts und das Personal, während ihr Vater dem handwerklichen Kerngeschäft in der Werkstatt und auf Baustellen nachgeht, auf denen Dachstühle gebaut und Balken montiert werden. Als ihr Freund Steffen (Silas Breiding) Maria mit einem Hauskauf überrumpelt, den er hinter ihrem Rücken eingefädelt hat, ist die Handwerkerin darüber alles andere als erfreut. Sie braucht erst einmal Zeit für sich.

Zufällig schaut genau jetzt der in traditioneller Kluft gekleidete und weitgereiste Zimmerergeselle Cem (Sohel Altan Gol) im Betrieb ihres Vaters vorbei und fragt nach Arbeit: Er ist nicht nur die traditionellen drei Jahre und einen Tag, sondern schon über fünf Jahre auf der Walz unterwegs und lädt Maria nach Feierabend auf ein Bier ein. Bei einem Gläschen bleibt es allerdings nicht – und als Cem ihr von seinen vielen Reisestationen, Begegnungen und der großen Freiheit erzählt, weckt das in Maria die Abenteuerlust. Am nächsten Morgen konfrontiert sie die zwei wichtigsten Männer in ihrem Leben mit ihrem Plan: Sie will ebenfalls auf die Walz gehen. Ihr Vater braucht also eine neue Bürokraft und Steffen muss das neue Eigenheim allein renovieren…

Sinneswandel in Rekordzeit

Dass man auf dem Sendeplatz am Freitag keine facettenreichen Figuren, keine unbequemen Themen und keine innovativen Drehbücher erwarten darf, versteht sich von selbst – und natürlich müssen wir bei "Auf der Walz", der nach einem Drehbuch von Michael Kenda entstand, auch beide Augen in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe zudrücken. Alles folgt der gewohnten 90-Minuten-Dramaturgie, nach der man die Uhr stellen kann: Der Film richtet sich ans überraschungsscheue Ü55-Stammpublikum der ARD, das einen entspannten Fernsehabend verbringen möchte. Selbst unter dieser Prämisse wirkt mancher Handlungskniff aber arg konstruiert: So entscheidet sich Maria etwa über Nacht (!) dafür, ihr bisheriges Berufs- und Privatleben aufzugeben, nur weil ihr ein volltrunkener Geselle am Abend zuvor von der Walz vorgeschwärmt hat.

Der Wandergeselle Cem (Sohel Altan Gol, re.) heuert in der Schreinerei von Maria (Ronja Rath, li.) und ihrem Vater (Oliver Stokowski, Mitte) an. Der Ausgangspunkt für das Filmabenteuer - © © ARD Degeto Film/Constantin Television/Lemonpie Film/Petro Domenigg

Das ist nicht glaubwürdig, bildet aber den Auftakt des Films, der in der Folge praktisch alle wichtigen (und durchaus sorgfältig recherchierten) Walz-Rituale und -Regeln zelebriert: Beim Abschied wird feierlich über das Ortsschild geklettert, das Wanderbuch fleißig mit Stempeln gefüllt und unterwegs nach Arbeit gefragt – und das Handy ist natürlich streng verboten. Nicht nur in diesem Fall tut sich Maria schwer und muss sich vom nie um Kalendersprüche verlegenen Cem sogar die Anzahl der acht Knöpfe auf seiner Weste – einer für jede Arbeitsstunde – erklären lassen. Fast über die gesamte Spieldauer wirkt die junge Frau mit Höhenangst (!) nicht wie eine ausgebildete Zimmerin, sondern eher wie eine Praktikantin, die sich an der Seite eines Altgesellen als Tippelschwester versucht. Man fragt sich unweigerlich, wie sie je ihre Gesellenprüfung bestehen konnte.

Auch das vermittelte Bild von der Walz ist kitschig und romantisiert: Gewandert wird nur vor der Kulisse prachtvoller Weinberge, endloser Wiesen oder ruhiger Seen, es regnet nicht eine Minute. Schlauchende Fußmärsche, ein steifer Rücken nach Nächten unter freiem Himmel oder ein knurrender Magen ohne Geld in der Tasche sind allein Steilvorlage für harmlose Neckereien und werden schnell wieder ausgeblendet. Erst im Mittelteil des Films holt uns das Drehbuch für einige Momente in die Handwerksrealität: Während Marias Vater mit der Bürokratie kämpft und einer forschen Bewerberin zähneknirschend Home-Office anbietet, werden im streng auf Effizienz getrimmten Holzbaubetrieb von Firmenchef Grabowski (C.C. Weinberger) unromantische Themen wie der Fachkräftemangel, die Schwarzarbeit, Werkverträge oder Zollkontrollen angesprochen.

Der Griff zur Flasche – und in die Klischeekiste

Leider endet auch dieser Lichtblick in einer wilden Rauferei und einem Trinkgelage, um das die Zimmerleute ohnehin nie verlegen sind: Insbesondere beim Alkoholkonsum bedient das Drehbuch jedes Handwerksklischee. Trinkwasserbrunnen werden nicht zum Trinken, sondern zum Haarewaschen genutzt, der Griff zur Flasche ist automatisch der zum Alkohol. Blicke aufs moderne Zimmererhandwerk werfen die Filmschaffenden nur am Rande, Fortschritt und Tradition lassen sich in ihrer Welt kaum miteinander vereinen. So entsteht zwar ein sehr positives, aber realitätsfernes Bild von der Walz: Wenn es ständig so gesellig, locker und freundschaftlich zugeht – warum wird die Walz dann nur noch so selten angetreten? Immerhin: Das Happy End des Films kommt ohne eine neue große Liebe aus – das wäre des Guten auch wirklich zu viel gewesen.

TV-Termin: Freitag, 15. August 2025, 20.15 Uhr, Das Erste

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