Holländische Showstars und Entertainer haben ja in Deutschland eine große Tradition: Man denke nur an Rudi Carrell, Herman van Veen oder Lou van Burg. In München schickt sich nun Louis van Gaal an, in die Fußstapfen der berühmten Landsleute zu treten. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
FC Bayern nach 652 Tagen wieder an der Spitze
Meisterbetrieb: General mit Showqualität
Holländische Showstars und Entertainer haben ja in Deutschland eine große Tradition: Man denke nur an Rudi Carrell, Herman van Veen oder Lou van Burg. In München schickt sich nun Louis van Gaal an, in die Fußstapfen der berühmten Landsleute zu treten. Der Trainer, seit Amtsantritt zumeist ziemlich muffig, hat nun endlich ungefiltert gute Laune, schließlich stehen seine Bayern auf Rang eins der Fußball-Bundesliga. Und obwohl das bajuwarische Starensemble ja schon seit dem Spätherbst richtig gut kickt, setzt sich van Gaal erst jetzt in der Fastenzeit die Pappnase auf. Auf seine Party-Fähigkeiten angesprochen, sagte der "Tulpengeneral" am Sonntagnachmittag staubtrocken: "Ich bin immer derjenige, der das Licht ausmacht."
Für Festbeleuchtung hatte zuvor Franck Ribéry mit seinem perfekten Schuss mitten ins Herz des Hamburger SV gesorgt. Die Bayern hatten aus dem kleinen Ausrutscher von Bayer Leverkusen vom Vortag, jenem mageren 0:0 gegen Köln, Kapital schlagen und erstmals seit 652 Tagen die Tabellenführung übernehmen können. Und dürften der Konkurrenz nun dauerhaft die Hacken zeigen, zu konstant agieren die Münchner in diesen Wochen.
Durch den allerersten Sieg gegen Hamburg in der Allianz Arena wurde das Wochenende für den FCB erst richtig perfekt, schließlich wurde der Klub am Samstag 110 Jahre alt, weshalb es nach dem Match ein spektakuläres Feuerwerk gab. In drei Jahren feiert übrigens auch ein großer holländischer Entertainer seinen 110. Geburtstag – kleiner Tipp: Er heißt nicht van Gaal.
Gesellenstück: Die heißeste Schokolade der Liga
Er ist momentan so richtig "on Fire", sozusagen die heißeste Schokolade der Bundesliga: Cacau, Exil-Brasilianer in Diensten des VfB Stuttgart, ballerte sich durch die vergangene Woche wie ein Westernheld. Vier Treffer gegen Köln am Samstag vor acht Tagen, das einzige Tor der Schwaben beim 1:1 gegen Barcelona und jetzt beide Paukenschläge zum 2:1 gegen Frankfurt. Nun ist er plötzlich ein hoch gehandelter Kandidat für den DFB-Weltmeisterschaftskader, schließlich hat er in einer Woche dreieinhalb Mal so oft getroffen wie seine deutschen Sturmkollegen Klose und Podolski zusammen im gesamten bisherigen Saisonverlauf.
Seit Februar 2009 ist Jeronimo Maria Barreto Claudemir da Silva deutscher Staatsbürger, was seinen früheren VfB-Kollegen Magnin dazu animierte, ihm den Spitznamen "Helmut" zu verpassen. Und auch wenn man der Meinung ist, dass "Nesquik" oder "Ovomaltine" besser zu Cacau gepasst hätten, muss man doch zugeben, dass auch dieser traditionelle Vorname im Fall des Goalgetters seine Berechtigung hat: Immerhin hießen deutsche Bundeskanzler 24 Jahre am Stück so – und ganz in Kohl’scher Tradition eint Cacau Fußball-Deutschland: Selbst die Frankfurter Gegner freuten sich am Samstag, dass er ein Kandidat für die WM ist.
Erstes Lehrjahr: Wut auf den Geldgeber
Was ist denn nur mit den Trainern los? Vor allem diejenigen, die immer so seriös rüberkommen wollen, leisten sich in diesen Wochen vor laufenden Kameras geradezu groteske Wutausbrüche. Leidtragende sind nicht etwa die eigenen Spieler, sondern zumeist die Angestellten des Bezahlfernsehens, das – wie der Name schon sagt – durch seine Gelder federführend dafür zuständig ist, dass die Bundesligavereine und deren Profis üppig bezahlt werden. Vergangene Woche mischte Bayerncoach Louis van Gaal einen Sky-Reporter verbal auf, am Freitag nun knöpfte sich Schalkes Trainer Felix Magath nach dem Sieg im Revierderby einen weiteren Moderator des Pay-TV-Senders vor.
Vielleicht haben die Fußballlehrer ja ein Päckchen Sky-Aktien und sind deshalb so angefressen, weil sich die Wertpapiere immer tiefer in den Kurs-Untergrund bewegen. Oder aber, sie fürchten schlichtweg um ihre internationale Konkurrenzfähigkeit in der Zukunft: Sollte nämlich der Hauptgeldgeber der Bundesliga wegen anhaltenden Abonnentenmangels demnächst vom australischen Murdoch-Mutterschiff abgekoppelt werden und das Zeitliche segnen, steht die Finanzierung des Profifußballs in Deutschland ziemlich auf der Kippe.
Was auch immer Magath dazu bewog, sich derart zu echauffieren, die kritische Frage von Journalist Jan Henkel nach dem unfairen Einsatz von Schalke-Stürmer Kevin Kuranyi beim Zusammenprall der Dortmunder Hummels und Weidenfeller kann es nicht gewesen sein. Denn der war unumstritten. Kuranyi schubste Hummels, der knallte mit seinem Keeper zusammen und zog sich einen Kieferbruch zu. So schlimm erging es dem armen Henkel nicht – im Gegenteil: Am Ende reichte der rasende Magath bei seinem Abgang aus dem TV-Studio dem Reporter sogar noch die Hand.
Zwei linke Hände: Stehversuche am Tabellenende
Sollten die Profis von Hertha BSC tatsächlich im Sommer die Klasse halten, sie können sich barfuß auf den Weg ins rund 620 Kilometer entfernte Wallfahrtsörtchen Altötting machen. Denn wenn in dieser Saison im unteren Tabellendrittel der Bundesliga alles normal laufen würde, wären die Berliner längst auch rechnerisch abgestiegen. Doch irgendwie wirken die letzten Vier wie Radsprinter auf der Rennbahn: Seit Wochen unternehmen Hertha, Nürnberg, Hannover und Freiburg äußerst erfolgreich Stehversuche. Als ob derjenige, der zuerst anfängt, richtig zu punkten, die geringsten Chancen hätte, die Klasse zu halten.
Ein beispielloses Schneckenrennen, das alle anderen Abstiegskandidaten frohlocken lässt: Der 1. FC Köln etwa enttäuscht fast jede Woche (nehmen wir mal das 0:0 gegen Leverkusen am Samstagabend aus) – und liegt dennoch völlig entspannt acht Punkte vor dem Relegationsplatz. Die Bochumer waren erst im neuen Jahr in die Erfolgsspur eingebogen – und scheinen schon jetzt gerettet. Dafür herrscht ganz hinten Tristesse. Der Boulevard ätzt bereits: "Vor diesen Klubs gruselt sich sogar das Abstiegsgespenst." Seit 1963 hätten sich – so die Bild-Zeitung – stets die Klubs vor dem Abstiegsgespenst gefürchtet. Diesmal sei es umgekehrt. Buh!