20 Jahre Mauerfall Fasziniert vom Freiheitsdrang

Mit dem Fall der Mauer eröffnen sich auch für den Hans Holzmann Verlag neue Perspektiven. Wie die Deutsche Handwerks Zeitung in den Osten kam. Von Iris Stelter

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    Eine ganze Lkw-Ladung voll mit bedrucktem Papier: Harald Bos präsentiert Ausgaben der Deutschen Handwerks Zeitung nach der Grenzöffnung in der DDR hier in Erfurt. Foto: Archiv
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    Mit einer speziellen DDR-Ausgabe eroberte die Deutsche Handwerks Zeitung das Vertrauen der Handwerker in Ostdeutschland. Foto: Archiv

Fasziniert vom Freiheitsdrang

Für uns war der Mauerfall ein wahrer Segen“, sagt Harald Bos, ehemaliger Verlagsdirektor des Hans Holzmann Verlags. Für ihn und Peter Holzmann, der 39 Jahre lang als geschäftsführender Gesellschafter den Verlag leitete, stand außer Frage, dass die Handwerkskammern der ehemaligen DDR ein geeignetes Mitteilungsorgan benötigen würden: die Deutsche Handwerks Zeitung .

"Der Mauerfall war für den Hans Holzmann Verlag von sehr großer Bedeutung – erst recht emotional, schließlich wurde er 1936 von meinem Vater in Berlin gegründet", berichtet Peter Holzmann von dem Unternehmen, dessen Räumlichkeiten 1944 völlig zerstört wurden. Als Ruine direkt hinter der Mauer in der Zimmerstraße gelegen, fristet es während des Kalten Krieges sein Dasein. In der Zwischenzeit kehrt Verlagsgründer Hans Holzmann in seine bayerisch-schwäbische Heimat zurück und baut den Verlag in Bad Wörishofen wieder auf. Der Mauerfall sei "der Befreiungsschlag nach langer Zeit des kommunistischen Regimes" gewesen, berichtet der 1936 in Berlin geborene Peter Holzmann.

Hoffen auf offene Grenzen

Harald Bos hat noch ganz genaue Erinnerungen an die Montagsdemonstrationen: "Ich war fasziniert vom Freiheitsdrang der Menschen. Dieser Widerstand war zu friedlich und zu intelligent, um ihn einfach niederzuwalzen." Mit dem Niedergang des Systems hatte er zu dem Zeitpunkt noch nicht gerechnet, Holzmann hingegen hoffte zumindest darauf. Diese Hoffnung erfüllte sich am 9. November 1989, als tausende Menschen die Mauer in Berlin stürmten – nicht ohne weitreichende Konsequenzen für den Verlag: "Wir waren überzeugt, dass das Handwerkskammersystem des Westens auf die DDR übertragen werden würde. Handwerk ist Handwerk – ob im Westen oder Osten", bekräftigt Bos. So starteten Verleger und Verlagsdirektor eine Aktion, deren Tragweite sie zu Beginn noch nicht abschätzen konnten.

Ende Februar 1990 machten sie sich auf, die Handwerkskammern des Ostens zu besuchen, um die Deutsche Handwerks Zeitung vorzustellen. "Ein großartiges Gefühl, nicht mehr gefilzt zu werden", erinnert sich Peter Holzmann an die ersten Grenzüberfahrten nach dem Mauerfall.

Die ersten Begegnungen mit den späteren Geschäftspartnern verliefen nicht einfach. Harald Bos: "Die Vorstellungen von West und Ost über zukünftige Strukturen der Handwerkskammern gingen absolut aneinander vorbei." Peter Holzmann dagegen sind die Konfrontationen innerhalb der ostdeutschen Handwerkskammern in Erinnerung geblieben: "Wir bekamen hautnah die extremen Auseinandersetzungen zwischen werdenden Demokraten und ,Trägern der roten Socken‘ mit." Beide merkten aber bald, dass die Leute die Prinzipien der freien Marktwirtschaft gut umsetzten. Schon bei der Auslieferung der ersten Ausgabe der DHZ spürte er diesen Haltungswechsel, als der „Auslieferungstrupp“ von Grenzposten durchgewunken wurde.

"Präsidialsitzung" gestürmt

Nur vereinzelt stießen die Männer noch auf Skepsis wie bei einer pflichtbewussten Dame am Empfangsschalter der Handwerkskammer Dresden. Diese versuchte Bos klarzumachen, dass die Kammerverantwortlichen ihn nicht empfangen könnten, da sie sich in einer "Präsidialsitzung" befänden. Unbeeindruckt davon schulterte Bos seinen Zeitungsstapel, marschierte in die Besprechung und bescherte den Versammelten ihre erste "DDR-Ausgabe" der Deutschen Handwerks Zeitung. Kurzerhand wurde die Sitzung für die Lektüre des Blatts unterbrochen. Davon ermutigt, verteilte Bos mit seinem Team die kostenlosen Probeexemplare in nur zwei Tagen an alle sechs Kammern.

Ein seriöses Angebot

Der Deal: Der Holzmann Verlag lieferte sieben kostenlose Ausgaben der DHZ mit jeweils eigenen regionalen Kammerseiten an sechs Handwerkskammern: Dresden, Chemnitz, Gera, Erfurt, Halle und Suhl. Das Kalkül: Sollte das Angebot überzeugen, würden sie unter denselben Bedingungen wie die Kammern im Westen Deutschlands in einen Vollvertrag wechseln. Und das taten sie denn auch: "Damit stieg die Auflage der DHZ mit einem Schlag um 100.000 Exemplare an", betont Bos nicht ohne Stolz.

In besonderer Erinnerung blieb dem Führungsduo Holzmann/Bos die Reise zu den Vertragsunterzeichnungen. Kornelia Schneider von der Handwerkskammer Dresden sollte die beiden "Wessis" vom Hotel Bellevue abholen. "Als ich mit meinem champagnerbeigen Trabant vorfuhr, hatte ich noch keine Vorstellung davon, welche Schwierigkeiten den beiden Herren mein Auto bereiten würde."

Und richtig! Lachend erinnert sich Holzmann: "Es war schon ein Problem für meine 1,84 Meter, in dieses kleine Auto zu kriechen." Kollege Bos nahm denn auch krummbucklig auf der Rückbank Platz. Der Trabi bot nicht nur wenig Platz für die hochgewachsenen Geschäftsmänner, auch die mit Schlaglöchern übersäten Straßen schüttelten die Gäste kräftig durch. "Bei jedem Loch stießen wir mit dem Kopf ans Trabidach", erinnert sich Harald Bos. Und Kornelia Schneider erzählt amüsiert: "Peter Holzmann schaute mich während der Fahrt mehrmals fassungslos an, dass ich dieses Auto überhaupt schalten und fahren konnte."

Vertrauensvorschuss

Besonders beeindruckend für die Geschäftsleute aus dem Westen war aber ein weiteres Erlebnis: Die Erfahrung, dass ihnen von Anfang an großes Vertrauen entgegengebracht wurde. Denn kaum einer der künftigen Geschäftspartner hatte den Vertrag vor seiner Unterzeichnung richtig durchgelesen. Auf Nachfrage, ob diese das nicht tun wollten, erhielten Holzmann und Bos unisono die Antwort: "Bis jetzt war alles perfekt, wir gehen davon aus, dass der Vertrag dem auch entspricht." Von diesem Vertrauensbeweis seien sie "extrem überwältigt" gewesen.

Freundschaften gewachsen

Das Engagement hatte sich geschäftlich, aber auch privat gelohnt: Denn aus den Geschäftskontakten entwickelten sich über die Jahre Freundschaften, die auch heute noch gepflegt werden.

Ob davon abgesehen die Wiedervereinigung wirklich gelungen sei, ist für Peter Holzmann auch nach 20 Jahren noch eine offene Frage. Jährlich kehrt er als „Schwabe mit Koffer in Berlin“ an die denkwürdigen Orte zurück. Ob Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie oder Gedächtniskirche am Kurfürstendamm – in seiner Geburtsstadt gibt es viele Ecken, die er liebt. Nur auf ein, sein ganz persönliches, Berliner Wahrzeichen muss er verzichten: Das ehemalige Verlagsgebäude mit klassizistischer Fassade existiert nicht mehr. An seiner Stelle lockt heute das postmoderne "Quartier Schützenstraße" des Mailänder Architekten Aldo Rossi Touristen aus aller Welt an.