6,5 Millionen Deutsche waren zum Stichtag am 1. Oktober 2010 überschuldet, teilt der Verband der Vereine Creditreform mit. Das sind etwa 300.000 Menschen mehr als im Vorjahr.
Fast jeder zehnte Bundesbürger ist überschuldet
Aufgrund der Wirtschaftskrise sei die Zahl der Menschen, die ihre Zahlungsverpflichtungen nachhaltig nicht erfüllen könnten, in den vergangenen zwölf Monaten um rund 300.000 auf 6,5 Millionen gestiegen, berichtete Creditreform-Vorstand Helmut Rödl. Eine nachhaltige Besserung ist nach seinen Worten trotz Konjunkturerholung nicht in Sicht. Im Gegenteil: Nach Einschätzung der Experten könnte die Zahl der überschuldeten Haushalte im kommenden Jahr sogar auf 6,7 Millionen wachsen.
Hauptauslöser für Überschuldung ist der Untersuchung zufolge nach wie vor der Verlust des Arbeitsplatzes. Doch auch die gestiegenen finanziellen Belastungen der Verbraucher - etwa für Gesundheit und Altersvorsorge sowie für Mieten und Nebenkosten - ließen weniger Spielraum, um entstehende Kreditverpflichtungen zu erfüllen.
"Überschuldung wird auch in naher Zukunft in Deutschland ein Massenphänomen bleiben", sagte Rödl. Die Höhe der aufgehäuften Schulden bezifferten die Experten - je nach Berechnungsart - auf einen Betrag zwischen 184 und 239 Milliarden Euro.
Zwtl: Immer mehr Frauen betroffen
Überschuldung nicht nur "Männersache"
Lange Zeit war Überschuldung "Männersache". Doch in den vergangenen Jahren trifft dieses Schicksal auch immer häufiger Frauen. Seit 2004 erhöhte sich ihr Anteil an der Gesamtzahl aller Schuldner von 32 auf 39 Prozent. Allein in den vergangen zwölf Monaten habe der Anteil weiblicher Schuldner um rund elf Prozent zugenommen, der von männlichen Schuldnern dagegen nur um etwa ein Prozent, sagte Rödl. Dies sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Frauen häufiger als Männer in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen arbeiteten und besonders unter der Konjunkturflaute gelitten hätten.
Besorgniserregend ist nach Einschätzung von Creditreform aber auch die deutlich wachsende Verschuldung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Allein im letzten Jahr habe die Zahl der Betroffenen unter 20 Jahren um 38 Prozent zugenommen. Seit 2004 habe sie sich fast verdreifacht auf 197.000 junge Leute. Es sei dringend nötig, den Jugendlichen schon in der Schule den richtigen Umgang mit Geld beizubringen, sagte Rödl. Zuhause werde dies inzwischen bei so manchem versäumt. Aber auch Altersarmut bei den über 70-Jährigen werde zunehmend zum Problem.
Allerdings gibt es deutliche regionale Unterschiede beim Thema Schuldenmachen. Am niedrigsten ist die Verschuldung der Studie zufolge in Bayern und Baden-Württemberg, am höchsten in Bremen und Berlin. In Bremerhaven ist fast jeder fünfte Erwachsene überschuldet, im bayerischen Kreis Eichstätt nicht einmal jeder Fünfundzwanzigste.
Jeder Dritte ist manchmal im Schuldenstress
Wie verbreitet das Gefühl einer Überforderung durch die eigenen finanziellen Verbindlichkeiten in Deutschland inzwischen ist, zeigt eine repräsentative Umfrage von Creditreform. Dabei berichtete jeder zehnte Bürger, er habe "häufig" das Gefühl, dass ihm seine finanziellen Verbindlichkeiten "über den Kopf wachsen könnten". Ein weiteres Drittel fühlte sich zumindest "manchmal" im Schuldenstress.
In den nächsten zwei Jahren ist nach Einschätzung von Creditreform trotz der Konjunkturbelebung nicht mit einem deutlichen Rückgang der Verbraucherüberschuldung zu rechnen. Im Gegenteil: Die von der Bundesregierung geplanten Sparmaßnahmen sowie weiter Faktoren – wie die zunehmenden Wohnkosten und der Anstieg unsicherer Beschäftigungsverhältnisse – könnten nach Einschätzung der Experten sogar zu einem weiteren Anstieg der Überschuldung führen.
Allerdings ist die Verbraucherüberschuldung in Deutschland nach wie vor deutlich geringer als in den angelsächsischen Ländern. So seien in Großbritannien 13,8 Prozent der privaten Konsumenten überschuldet, in den USA sogar 17,4 Prozent, berichteten die Creditreform-Experten.
Erich Reimann/dapd