Berufsqualifikation 49.500 Anträge auf Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse

Deutschland ist auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen ist da ein wichtiger Punkt. Zuletzt wurden so viele Anträge gestellt wie noch nie.

Die antragstellenden Elektroniker und Elektroanlagenmonteure haben ihre berufliche Qualifikation laut Bericht insbesondere in Bosnien und Herzegowina, der Türkei und dem Kosovo erworben. - © Anselm - stock.adobe.com

Immer mehr Menschen wollen sich ihre im Ausland erworbenen Berufsabschlüsse in Deutschland anerkennen lassen. Im Jahr 2022 sei mit rund 49.500 neuen Anträgen ein jährlicher Höchststand erreicht worden, sagte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) am Mittwoch zur Vorstellung eines neuen Berichtes zu diesem Thema im Kabinett in Berlin. "Der Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen, vor der wir stehen. Umso erfreulicher ist es, dass die Berufsanerkennung so stark nachgefragt wird wie noch nie", sagte sie. Die Gesamtzahl der Anträge habe sich seit dem letzten Anerkennungsbericht aus dem Jahr 2019 nahezu verdoppelt. 

Rechtsanspruch auf Überprüfung der ausländischen Berufsqualifikation

Seit dem 1. April 2012 gibt es in Deutschland einen Rechtsanspruch auf die Überprüfung der ausländischen Berufsqualifikation – und zwar unabhängig von der jeweiligen Staatsangehörigkeit und der Herkunft der Abschlüsse.

Vor allem Heilberufe nach Bundesrecht sowie Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe

Seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes bis Ende 2022 wurden insgesamt rund 365.000 Anträge zur Anerkennung von bundesrechtlich oder landesrechtlich geregelten Berufen gestellt. Dabei hätten Berufe im Gesundheitswesen die größte Rolle gespielt, heißt es in dem neuen Bericht. Auf Berufe wie Gesundheits- und Krankenpfleger/in oder Ärztinnen und Ärzte entfielen demnach drei Viertel aller Anträge. Den zweitgrößten Anteil machten Mechatronik-, Energie- und Elektroberufe aus – und damit nicht reglementierte Berufe. Die Anerkennung ist bei diesen Berufen keine Voraussetzung für die Berufsausübung, kann jedoch als Voraussetzung für die Einwanderung dienen.

Nicht immer steht am Ende des Verfahrens eine Anerkennung der Qualifikationen: Von den Verfahren zu bundesrechtlich geregelten Berufen endeten laut dem Bericht im Jahr 2022 rund 47 Prozent mit der Bestätigung der vollen Gleichwertigkeit. Bei 41 Prozent wurde eine Auflage erteilt, um eine Gleichwertigkeit zu erreichen. Bei zehn Prozent wurde nur eine teilweise Gleichwertigkeit festgestellt – bei zwei Prozent keine Gleichwertigkeit. 

Die gesetzlichen Fristen für die Bearbeitung der Anträge liegen laut Bericht bei zwei und vier Monaten. Im Jahr 2022 wurden 76 Prozent der Verfahren, die Berufe nach Bundesrecht betrafen, innerhalb dieser Frist abgeschlossen. Insgesamt sei die Bearbeitungszeit kürzer geworden, obwohl die Zahl der Anträge zugenommen habe, hieß es. Stark-Watzinger sagte: "Unser Ziel muss sein, dass ausländische Fachkräfte noch einfacher und schneller bei uns arbeiten können." Zusammen mit den Bundesländern solle der Vollzug der Anerkennungsverfahren noch einmal verbessert werden. dpa/fre

Erfahrungsbericht Shorn Carter – Elektroniker für Maschinen und Antriebstechnik

Shorn Carter kommt aus St. Vincent in der Karibik. Über ein Recruiting des britischen Militärs ging er nach England und absolvierte dort 2001 eine Ausbildung im Bereich Elektronik. 2008 folgte darauf eine Weiterbildung im Bereich Maschinenbau. Durch seinen Beruf kam Shorn Carter mehrfach nach Deutschland, wo er seine spätere Frau kennenlernte. 2013 zog er von England nach Buchholz in der Nordheide zu seiner Frau und den beiden Töchtern. "Irgendwann konnte ich es nicht mehr aushalten, so weit entfernt von meinen Kindern zu leben", erklärte Shorn Carter. "In meiner Zeit beim Militär war ich auch schon öfter in Deutschland. Mir hat es hier immer gut gefallen."

In Deutschland arbeitete Shorn Carter zunächst als Fitnesstrainer, doch er wusste: "Ich bin Elektroniker. Das habe ich gelernt. Ich habe in diesem Bereich viel Berufserfahrung. Davon können Deutschland und ich profitieren." Über eine Freundin erfuhr er 2019 von der Möglichkeit, seine Ausbildung in Deutschland anerkennen zu lassen. Sie riet ihm, zur HWK Hamburg zu gehen. Im Juli 2019 hatte Shorn Carter dort sein erstes Beratungsgespräch. Gemeinsam haben er und die HWK ermittelt, welchem deutschen Referenzberuf seine Ausbildung am nächsten kam. Das Ergebnis: Seine Ausbildung und Berufserfahrung entsprachen dem deutschen Beruf "Elektroniker für Maschinen und Antriebstechnik" nach der Handwerksordnung (HwO), der in Deutschland nicht reglementiert ist. Daher war die Anerkennung nicht zwingend notwendig. Allerdings verbesserten sich mit der Anerkennung die beruflichen Möglichkeiten und auch eine spätere Qualifizierung zum Meister wäre dann möglich, erfuhr Shorn Carter.

Die HWK vermittelte ihn in das IQ Projekt "Brücke ins Handwerk", das Handwerksbetriebe bei der Einstellung und Beschäftigung von Zugewanderten unterstützt. Ein Hamburger Betrieb war von seinen Fähigkeiten überzeugt und bot ihm eine Stelle unterhalb des Gesellenniveaus an. Shorn Carter nahm das Angebot an, arbeitete ein halbes Jahr im Unternehmen und bereitete gleichzeitig den
Antrag auf Anerkennung vor, den er Anfang März 2020 bei der HWK einreichte. Bereits Ende April erhielt er den Bescheid über eine teilweise Anerkennung: Shorn Carter fehlten noch Kenntnisse über die deutschen Regelungen und Verordnungen im Bereich Elektronik. Diese Kenntnisse konnte er über eine betriebliche Anpassungsqualifizierung bei seinem Arbeitgeber nachholen. Anfang Februar 2021
reichte Shorn Carter seinen Folgeantrag ein und erhielt zwei Wochen später den Bescheid über die volle Anerkennung.

Mit der vollen Anerkennung kann Shorn Carter von seinem Arbeitgeber als Elektrofachkraft eingesetzt werden, elektrische Anlagen selbständig führen und diese Instand halten. "Ich bin total zufrieden. Ich habe ein gutes Leben und einen super Job. Durch die Anerkennung habe ich viel mehr Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und verdiene auch deutlich besser", so der Elektroniker. "Ich
möchte gerne in Deutschland bleiben und irgendwann meinen Meister machen".

Quelle: Bericht zum Anerkennungsgesetz 2023; Gespräch fand im September 2022 statt