Vermögensbildung Fallbeispiele für Handwerks-Chefs: So sorgen Sie langfristig vor

Drei Berater erklären, was bei zwei Beispielfällen über die Jahre zu beachten ist, um Vermögen zu sichern. Früh anfangen ist wichtig, auch wenn es nur wenig zu investieren gibt.

Geldanlage
Für den Aufbau eines effizienten Anlageportfolios braucht es nicht zwingend einen Vermögensberater. Das Basiswissen könnten sich Anleger mithilfe der Verbraucherzentrale, der Stiftung Warentest oder sonstiger anbieterunabhängiger Literatur erwerben, sagt Merten Larisch von der Verbraucherzentrale Bayern. - © Superingo - stock.adobe.com

Fall 1: Junger Betriebsinhaber mit kleinem bis mittlerem Einkommen ohne besondere Vermögenswerte.

Wie sollten Firmenchefs systematisch vorgehen?

"Die Vermögensbildung braucht – ähnlich wie die Selbstständigkeit – einen Planungsprozess", sagt Merten Larisch von der Verbraucherzentrale Bayern. Konkret heiße das, einen Kassensturz vorzunehmen. Meistens gehe es um die Frage der Altersvorsorge – zumindest, wenn nicht von vornherein Vermögen vorhanden ist. In einem ersten Schritt sind Einnahmen und Ausgaben gegenüberzustellen. Das, was dann übrigbleibe, ist der Spielraum, der zur Anlage nutzbar wäre. Danach sollten die Ausgaben für den gewünschten Lebensstandard und bereits heute feststehenden Einnahmen im Ruhestand verglichen werden, nicht zu vergessen sind Inflationsrate, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Aus einer monatlichen Einkommenslücke könne eine Sparrate abgeleitet werden.

Vor der reinen Vermögensbildung gehe es darum, ein gewisses Maß an Liquidität vorzuhalten, um unregelmäßige Ausgaben abdecken zu können. Dafür eigne sich etwa ein Tagesgeldkonto. Hier die besten Angebote zu suchen, lohne sich in jedem Fall.

Sind alle anderen Ausgaben für Vorsorge abgedeckt, wie etwa Versicherungen, sollte der Firmenchef bereits abgeschlossene Verträge auf ihre Renditeerwartung hin überprüfen lassen. Kapitallebensversicherungen oder fondsgebundene Rentenversicherungen etwa sollten immer kritisch analysiert werden. Sind dem Aktienmarkt entsprechende Renditen dort nicht zu haben, sollten die Verträge optimiert oder gekündigt werden. "Wer unbedingt aus Steuerspargründen eine Versicherungsform haben möchte, der sollte eine Honorarpolice mit einem Portfolio aus Aktienindex-ETFs nehmen", empfiehlt Larisch.

Wie wichtig ist es, einen eigenen Vermögensberater zu haben?

Grundsätzlich, so Larisch, brauche es keine Berater. Das für den Aufbau eines effizienten Anlageportfolios benötigte Basiswissen könnten sich Anleger mithilfe der Verbraucherzentrale, der Stiftung Warentest oder sonstiger anbieterunabhängiger Literatur erwerben. Wer sich aus Zeitgründen nicht mit seinen Finanzen beschäftigen kann, suche sich am besten einen Honorarberater oder Honorarvermögensverwalter.
Muss die Anlagestrategie regelmäßig auf den Prüfstand?

Eine Vermögensstrategie ist vor allem durch eine prozentual feste Aktienmarktquote definiert, so Larisch. Diese ergibt sich aus dem persönlichen Anlegerprofil. Hier spielen vor allem das Liquiditätsbedürfnis in bestimmten Situationen und die individuelle Risikotragfähigkeit eine Rolle. Wenn dieses Gerüst steht, brauche es zwar noch selten eine Beschäftigung mit dem Portfolio, dafür aber regelmäßig, etwa einmal im Jahr. Eigentlich gibt es laut Larisch nur zwei Gelegenheiten, wo ein Eingreifen nötig ist. Erstens, wenn der Anleger feststellt, dass sich das prozentuale Verhältnis von Aktienmarkt- zu verzinsten Anteilen stark verschoben hat. Dann müsse das Portfolio durch sogenanntes Rebalancing in den ursprünglichen Zustand gebracht werden. Zweitens könne sich der demnächst anstehende Liquiditätsbedarf durch Näherrücken des Rentenalters oder anderer Gründe verändert haben, sodass die Aktienquote verändert werden sollte.

Welche Rolle spielt das Unternehmen für die Vermögensbildung?

Zu unterscheiden seien die Finanzen des Unternehmens und die Finanzen der Privatperson, der das Unternehmen gehört. Dabei sei es maßgeblich, welche Rechtsform das Unternehmen habe, ob es sich zum Beispiel um ein Einzelunternehmen oder um eine GmbH handele. Ein Unternehmen brauche ebenso eine Art Geldanlage, für Rücklagen beispielsweise.

Bei einer GmbH wiederum gibt es Möglichkeiten, für den Inhaber eine steuergeförderte Altersvorsorge zu unterstützen. Hier sei Vorsicht geboten, weil vielfach teure Versicherungsprodukte angeboten werden. Eine Pensionszusage kann aber auch mit kostengünstigen und prognosefreien Finanzinstrumenten rückgedeckt werden. In dem Fall sei eine Beratung durch Honorarberater sinnvoll, weil diese keine leistungsmindernde Vergütung aus der Vermittlung der Produkte beziehen können. Das Hinzuziehen eines Steuerberaters zur Berechnung der Angemessenheit ist dann sowieso Pflicht. Larisch: "Jedem Inhaber eines Einzelunternehmens ist ausdrücklich zu empfehlen, in seinem Businessplan zumindest so viel Ausgaben für die private Altersvorsorge einzukalkulieren, wie sie im Vergleich auch ein Angestellter mit vergleichbarem Einkommen gemeinsam mit seinem Arbeitgeber pflichtmäßig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen muss."

Was sind häufige Fehler?

Der Kardinalfehler liege darin, dass Anleger vielfach teure Produkte auswählen. Das liege am provisionsbasierten Verkauf. Doch nur ein Bruchteil dieser in Deutschland gehandelten Produkte sei überhaupt in der Lage, die Benchmark-Rendite der üblichen Anlageklassen zu schlagen. Diese Rendite sei jedoch recht einfach mit zum Beispiel dem "Pantoffel-Portfolio" von "Finanztest" zu erreichen. Meist setzten die Anleger jedoch auf teure Produkte wie private Rentenversicherungen, Kapitallebensversicherungen oder Rürup-Rente, für die vor allem mit einer illusionären Steuersparmöglichkeit geworben werde. Das Steuer­ergebnis kommt erst zutage, wenn auch die Steuerbelastungen und die Wirkung von inflationsgefährdeten Rentenzahlungen in der Leistungsphase genau gegengerechnet werden. Laut Larisch liegt die Begründung in solch einem Verhalten darin, dass diese Produkte vom Kunden nicht aktiv ge-, sondern vom Vertrieb verkauft werden. "Es braucht von staatlicher Seite Anstöße, dass die Zielgruppen das erkennen", so Larisch abschließend.

Merten Larisch ist Referent Altersvorsorge, Geldanlage und Immobilienfinanzierung bei der Verbraucherzentrale Bayern

Fall 2: Firmeninhaber mit 150.000 Euro Jahreseinkommen, eigenem Haus, Haus zur Vermietung und weiteren Barmitteln, vernünftig versichert.

Was wäre für Firmenchefs ein planvolles Vorgehen?

Portfoliomanager Stefan Held plädiert dafür, zu Beginn kurz-, mittel- und langfristige Ziele zu definieren. Basis für die langfristigen Ziele sei eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Vermögenssituation in Form einer professionellen und ganzheitlichen Finanzplanung. Am Ende der Finanzplanung wissen der Vermögensberater und der Anleger, wie die "subjektive und objektive Risikotragfähigkeit" aussieht. Zu identifizieren und letztlich zu schließen sei daraufhin die prognostizierte Rentenlücke.

Andreas Görler weist zusätzlich darauf hin, dass die persönliche Absicherung gegen Lebensrisiken und Einkommensausfälle gedeckt sein muss. Dazu zählen, so der Fachmann für nachhaltige Investments, etwa eine Risikolebensversicherung und eine Berufsunfähigkeitsversicherung.

Wie findet jemand die beste Vermögensberatung?

Stefan Held benennt drei grundlegende Eigenschaften für eine Vermögensberatung: unabhängig, transparent und individuell zugeschnitten. Zusätzlich sollte der Berater nachweisbare Qualifikationen und langfristige Erfahrungen am Kapitalmarkt vorweisen können.
Auch für Andreas Görler ist Unabhängigkeit ein wichtiges Kriterium. Ähnlich wie Merten Larisch empfiehlt er, sich selbst mittels ausreichend vorhandener Literatur zumindest etwas kundig zu machen. Die paar Stunden seien gut investierte Zeit.
Wie auf jedem Markt gebe es, so Görler, auch im Finanzbereich unseriöse Anbieter. Der Experte verweist zur Vorabrecherche auf die Website der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). Bei Stiftung Warentest und bei der Verbraucherzentrale finden sich ebenfalls Hinweise.

Was für eine Art von Vermögensverwaltung bietet sich an?

Für den langfristigen Vermögensaufbau empfiehlt Stefan Held ETF- und Fondssparpläne. Vorteile: Sie sind nicht so betreuungsintensiv und durch einen "sukzessiven Einstieg" sowie den langen Anlagehorizont arm an Risiken. Der Experte rät dazu, den Produktmix genau zu prüfen. Bei ETFs sollten Anleger darauf achten, dass die entsprechenden Aktien sich tatsächlich im Fonds befinden. Versicherungsbasierte Produkte böten Vorteile wegen des Kapitalschutzes und steuerlicher Begünstigungen. Diese verzeichnen jedoch niedrige Renditen, hohe Gebühren und seien unflexibel. Musterdepots seien vor allem für erfahrene Anleger geeignet, die sich aktiv um ihre Anlagen kümmerten. Für Anleger ohne Erfahrung und/oder Zeit böte sich eine Vermögensverwaltung an.

Andreas Görler rät zu einer Kombination aus verschiedenen Finanzprodukten. Da im Beispielfall die Versicherungsebene abgedeckt sei, würde er den vorhandenen Kapitalstock in verschiedene Aktien- und Anleihefonds investieren – wegen des Immobilienbesitzes ohne Immobilieninvestments. Wegen der eigenen Immobilien empfiehlt er, einen deutlich höheren Anteil auf Tages- und Festgeldkonten anzulegen. Görler warnt wegen unternehmerischer Risiken bei Selbstständigen und wegen des reparatur- und sanierungsbedürftigen Immobilienbesitzes vor zu starren Konzepten. Individuelle und unabhängige Vermögensverwaltung sei vorzuziehen. Der Berater rät dazu, sich einen Finanzpartner mit einem Netzwerk von Steuer- und Versicherungsberatern sowie Rechtsanwälten zu suchen.

Welche Fehler werden oft gemacht?

"Häufig wird das Thema Geldanlage als lästig und anstrengend empfunden", sagt Andreas Görler. Viele Anleger erwarten, das Thema Altersvorsorge und Absicherung mit nur einem Gesprächstermin und nur einer Anlage abschließen zu können. Häufiges Ergebnis: eine unflexible, nicht anpassbare Lösung.

Stefan Held stellt oft Anfängerfehler bei der Vermögensbildung fest. Vielfach werde unstrukturiert investiert, ohne den Anlagehorizont und die Risikobereitschaft zu berücksichtigen. Des Weiteren würden hochspekulative Einzelaktien oder Kryptowährungen gekauft. Ebenso böten die Anlagen in Tagesgeld oder Versicherungen sehr geringe Renditen und damit keinen Inflationsschutz. Der späte Einstieg in die Vorsorge sei ebenfalls ein Nachteil. "Die großen Vorteile des häufig unterschätzten Zinseszinseffekts werden hierbei kaum gehoben", so Held.

Spielt das Unternehmen für die persönliche Vermögensbildung eine Rolle?

Stefan Held hält das eigene Unternehmen für die zentrale Säule der Vermögensbildung. Der Erfolg des Betriebs bestimme maßgeblich die finanziellen Möglichkeiten und strategischen Entscheidungen des Mandanten. Das Unternehmen stelle sogar den wichtigsten Baustein des Mandantenvermögens dar, etwa, wenn es um die sinnvolle Investition des Verkaufserlöses geht.

Auch die Rechtsform kann bei der Vorsorge eine Rolle spielen. Angestellte Geschäftsführer etwa könnten eine betriebliche Altersvorsorge abschließen. Hierfür, so Andreas Görler, sei wegen der strengen Vorschriften bei steuerlichen Vergünstigungen eine Beratung erforderlich.

Muss die Anlagestrategie immer wieder auf den Prüfstand gestellt werden?

Andreas Görler hält eine jährliche Beratung durch den Finanzpartner für sinnvoll, um seinen Vermögensstatus zu prüfen. Stefan Held weist darauf hin, dass sich die finanzielle Situation, Lebensumstände und Marktbedingungen fortlaufend ändern und eine Anlagestrategie angepasst werden sollte.

Andreas Görler ist Fachmann für nachhaltige Investments und sen. Wealth Manager bei ­Wellinvest Pruschke & Kalm, Berlin
Stefan Held ist Portfoliomanager bei KSW Vermögensverwaltung, Nürnberg