So langsam vergeht Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann das Grinsen. Seine Mannschaft funktionierte nicht mal gegen zehn Bremer. Und der Rest der Liga scheint die Misere diesmal zu nutzen. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler
Fabelwesen, Kammerkonzerte und Tipps zur Abwrackprämie
Meisterbetrieb: Wundersame Wölfe
Die alte Mär sagt, dass sich Menschen unter bestimmten Umständen bei Vollmond in blutrünstige Wölfe verwandeln können. Davor fürchten sich die Leute ganz arg. Nun gibt es zumindest in der Fußball-Bundesliga eine Wolfsrasse, die ähnlich den Werwölfen immer gieriger wird – allerdings nach Punkten und Toren: Es handelt sich um in der Regel grün gewandete Kicker, die sich zuletzt mit einem harmlos wirkenden "Herz für Kinder"-Emblem auf der Brust tarnten, jedoch einige wundersame und gleichermaßen unheimliche Fähigkeiten haben. Am Sonntag gastierte jenes Rudel, das unter dem Namen VfL Wolfsburg firmiert, bei Tabellenführer Hamburger SV. Dabei konnte auf Seiten der Gäste Leitwolf Grafite nach einer Meniskusoperation wieder mitwirken – nur 16 Tage nach dem Eingriff. Eine wundersame Heilung, die schulmedizinisch nicht zu erklären ist. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie die Operationsnarbe innerhalb von Sekunden zugewachsen ist. Nun hat Grafite bei 14 Saisoneinsätzen 16 Treffer erzielt, ebenfalls ein echtes Mysterium.
Auch bei Edin Dzeko scheint es sich um ein Fabelwesen zu handeln – und zwar um ein unheimliches Strafraumgespenst. Sechs Tore spukte Dzeko in den letzten vier Spielen ins gegnerische Tor, da gruselt es die gegnerischen Abwehrreihen. Die Wölfe haben mit ihrem 3:1 in Hamburg jedenfalls den Spitzenreiter gestürzt und in der Tabelle die Bayern überholt. In der Spitzengruppe der Bundesliga ist nun für Gänsehaut gesorgt.
Gesellenstück: Krisensichere Anlage
Zunächst muss mal mit dem bösen Gerücht aufgeräumt werden, die Karlsruher Anhänger wollten den Stuttgarter Profis etwas zuleide tun, als sie den VfB-Mannschaftsbus vor dem Spiel mit Flaschen bewarfen. In Wirklichkeit wollte der rabiate KSC-Mob den bekanntermaßen aufs Geld schauenden Schwaben zur Abwrackprämie verhelfen. Allerdings haben die vermummten Badener Chaoten bei ihrer Charity-Aktion zwei Dinge nicht eingerechnet: Erstens handelt es sich beim Stuttgarter Teamvehikel mitnichten um ein neun Jahre altes Gefährt, sondern eher um einen Neuwagen. Und zweitens kann der VfB auf die 2.500 Euro aus dem Konjunkturpaket ganz gut verzichten, weil sie mit Mario Gomez eine krisensichere Aktie in der Hinterhand haben. Der Nationalstürmer lässt sich im Sommer sicherlich bestens versilbern, auch wenn er im Baden-Württemberg-Derby diesmal kein Tor erzielte. Und während die Stuttgarter am Ende des Tages die Punkte im Sack hatten und auch noch einen satten Versicherungsschaden melden konnten, herrschte beim KSC arger Katzenjammer: Niederlage, Abstiegsplatz und dann hat noch nicht einmal jemand erkannt, dass die Busattacke nur gut gemeint war.
Erstes Lehrjahr: Buhrufe für den Piano-Man
Herbert Fandel ist dafür bekannt, dass er viele Dinge ausgesprochen gut beherrscht: Im Berufsleben ist er ein gefeierter Konzertpianist. Bei seiner Nebenbeschäftigung handelt es sich allerdings um keine, die ihm Beifallsstürme oder gar anonyme Liebesbriefe einbringt: Der Mann ist Deutschlands bester aktiver Schiedsrichter – doch auch einem Vollprofi wie Fandel kann im Wettstreit mit 22 Balltretern, die ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil aus sind, mal ein verkorkster Auftritt passieren.
So wie am Samstag in Dortmund, wo dem Referee gleich mal ein Kardinalfehler unterlief: Als Hoffenheims Teber dem Borussen Hajnal mit seinem Tritt fast das Karriereende beschert hätte, sah Fandel: nichts. Er ließ die Aktion durchgehen und wurde die damit beschworenen Geister einfach nicht mehr los. Die Kicker traten nach allem, was sich bewegte – und Fandel pfiff merkwürdigerweise immer dann, wenn gerade nichts Schlimmes passiert war. Etwa beim etwas hölzernen Zusammentreffen von Dortmunds Kehl mit TSG-Kampfzwerg Weis. Der Schiri zeigte beiden Kampfhähnen Rot, übersah jedoch in jener Szene eine gemeine Tätlichkeit des BVB-Youngsters Schmelzer.
Und als Subotic als letzter Mann den Hoffenheimer Ba aus den Socken haute, war Fandel abermals nicht auf der Höhe – er ließ weiterlaufen, während der Sünder hinterher noch einen schönen Spruch nachlegte: "Er muss ja nicht dahin laufen, wohin ich grätsche", sagte Subotic. Das wäre ja so, als würde sich Piano-Man Fandel für einen Fehler beim Kammerkonzert folgendermaßen entschuldigen: "Was kann ich dafür, wenn da andere Noten stehen als diejenigen, die ich spiele."
Zwei linke Hände: Die mündigen Profis
"Ich mach mir meine Welt, wie sie mir gefällt" – der Leitspruch von Pippi Langstrumpf findet in der Fußball-Bundesliga immer wieder seine Anwendung. Ein schönes Beispiel dafür ist Bayern-Coach Jürgen Klinsmann, der zuletzt sein Team in eine veritable Krise führte und sich anschließend darüber wunderte, dass ihn die Presse für seine taktischen Unzulänglichkeiten mal so richtig durch den Fleischwolf drehte. Gemein, dass nun auch noch kolportiert wurde, der 5:0-Champions-League-Erfolg in Lissabon sei gar nicht seiner schwäbischen Raffinesse, sondern einer Mannschaftssitzung ohne Coach zuzuschreiben. Die Spieler hätten sich, so das Gerücht, selbst eine neue Taktik verschrieben – und seien dank dieser defensiveren Ausrichtung prompt zum Schützenfest gegen Sporting gekommen.
Alles Quatsch, meldete Grinsi-Klinsi, eine solche Veranstaltung habe nie stattgefunden. Das allerdings, so der Motivationsguru weiter, sei extrem schade, denn er schätze mündige Spieler, die selbst Verantwortung tragen. Übersetzt heißt das, Klinsmann hätte kein Problem damit, wenn schonungslos seine Ersetzbarkeit aufgezeigt wird. Das wäre dann etwa so, als würde ein Schuhverkäufer vehement das Barfußlaufen propagieren. In Bremen jedenfalls dürfte Klinsmann selbst wieder die Taktik gewählt haben. Gegen einen dezimierten Gegner aus dem Tabellenmittelfeld holte Bayern ein 0:0.