Finanzpolitik EZB senkt Leitzins auf Rekordtief

Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins auf ein Rekordtief seit der Gründung der Eurozone 1999 gesenkt. Der Zinssatz wurde um 50 Basispunkte auf 1,50 Prozent zurückgenommen.

EZB senkt Leitzins auf Rekordtief

Zudem nahm die EZB ihre Erwartungen bezüglich der künftigen Wirtschaftsleistung deutlich zurück. Dieses Jahr dürfte die Wirtschaftsleistung in der Eurozone zwischen 2,2 und 3,2 Prozent schrumpfen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Angesichts dessen schloss er weitere Zinsschritte in Zukunft nicht aus.

Die EZB hatte ihren Leitzins zuletzt im Januar um 50 Basispunkte auf 2,00 Prozent gesenkt. Bereits damals hatte Trichet weitere Reduzierungen für März angedeutet. Mit den erreichten 1,50 Prozent beim EZB-Hauptrefinanzierungssatz sei "ex ante nicht das niedrigste mögliche Zinsniveau" erreicht worden, sagte Trichet nach der Zinssenkung und hielt damit die Tür für weitere Zinssenkungen offen.

Angesichts der sich weiter verschärfenden Rezession halten auch Experten weitere Maßnahmen für sinnvoll. Sie rechnen damit, dass die EZB ihre Geldpolitik in den kommenden Monaten weiter lockert. Als sicher gilt, dass der EZB-Leitzins spätestens im Sommer, vermutlich aber schon im Frühjahr, bei nur noch 1,00 Prozent stehen wird. Auch die Bankenverbände sehen weiteren Zinssenkungsspielraum. Das betonten der Bundesverband deutscher Banken (BdB), der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) und Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR). "Die EZB hat bisher das Gebotene getan, und ich bin überzeugt, dass sie dies unter Wahrung ihres stabilitätspolitischen Auftrages auch künftig tun wird", erklärte BdB-Vorstand Manfred Weber.

Noch vor der EZB hat die Bank of England ihren geldpolitischen Schlüsselsatz vor dem Hintergrund der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise auf ein neues Allzeittief gesenkt. Sie nahm ihren Leitzins um weitere 50 Basispunkte auf 0,50 Prozent zurück. Volkswirte hatten eine Zinslockerung dieses Ausmaßes erwartet. Durch die Senkung wurde ein neues Rekordtief in der Leitzinsgeschichte der rund 315 Jahre alten Institution erreicht.

Aufgrund der weiterhin mit starken Unsicherheiten behafteten Konjunkturaussichten rechnet die EZB nicht nur für 2009 sondern auch für 2010 mit einer schlechteren Wirtschaftsleistung als noch im Dezember vergangenen Jahres. Für das kommende Jahr geht die EZB jetzt von einer Bandbreite der BIP-Entwicklung zwischen minus 0,7 und plus 0,7 Prozent aus. Im Dezember waren es noch 0,5 bis 1,5 Prozent.

Wenig Sorgen macht sich die EZB gegenwärtig über die Inflationsentwicklung in der Eurozone. "Die Inflationsraten sind signifikant gesunken und dürften 2009 und 2010 deutlich unter 2 Prozent bleiben", sagte Trichet. Diesbezüglich verwies er auf die stark gesunkenen Rohstoffpreise und den nachlassenden binnenwirtschaftlichen Preisdruck im gemeinsamen Währungsgebiet.

Anfang 2008 hatte das Leitzinsniveau der EZB noch bei 4,00 Prozent gelegen. Seit Oktober vergangenen Jahres hat die Notenbank im Kampf gegen die globale Finanz- und Konjunkturkrise ihre Leitzinsen um 275 Basispunkte reduziert. Begünstigt wurden die letzten Zinsschritte durch einen deutlichen Rückgang der Inflation. Bei fallenden Leitzinsen sinkt die Verzinsung von Sparguthaben. Dagegen werden Darlehen und Kredite für Verbraucher günstiger.

Nadine Schimroszik/ddp