Die Schuldenkrise in Griechenland beschäftigt immer noch die ganze Eurozone. Die Helaba-Chefvolkswirtin Gertrud Traud spricht im DHZ-Interview über die heikle Lage nach dem Referendum.
Karin Birk
DHZ: Frau Traud, wann ist Griechenland eigentlich richtig pleite?
Gertrud Traud: Selbst wenn es noch keine offizielle Pleiteerklärung war: Die Tatsache, dass Griechenland Ende Juni seinen Kredit an den Internationalen Währungsfonds in Höhe von 1,6 Milliarden Euro nicht zurückzahlen konnte, war ein ziemlich eindeutiges Signal. Zwar stufen die Rating-Agenturen Athen wegen eines fälligen Kredites an eine Institution nicht gleich auf das Pleiteniveau herab. Sollte Griechenland aber fällige Kredite an private Gläubiger nicht zurückzahlen, sieht es anders aus. Dann hätte Griechenland die Pleite schriftlich.
DHZ: Was heißt das für die Mitgliedschaft im Euro-Raum?
Traud: Eigentlich kann ein Land gar nicht aus dem Euro aussteigen, es sei denn, es tritt aus der EU aus. Selbst wenn ein Land zahlungsunfähig ist, kann es noch in der Eurozone sein. Praktisch wird es allerdings schwierig: Wenn ein Land keine Euros mehr bekommt, wenn Banken schließen und der ausländische Zahlungsverkehr gestoppt wird, wenn keine Rente mehr ausbezahlt werden kann, wird so ein Land ein paralleles Zahlungsmittel einführen müssen. Das wäre der Einstieg in den Ausstieg.
Keine unmittelbare Ansteckungsgefahr für andere Länder
DHZ: Wie ist Griechenland in diese verfahrene Lage gekommen?
Traud: Mit dem Eintritt in die Währungsunion hat Griechenland von niedrigeren Zinsen profitiert. Statt die Staatsausgaben zurückzuführen, hat sich das Land noch stärker verschuldet und den Staatssektor weiter aufgebläht. Daneben sind die Löhne in der privaten Wirtschaft und im öffentlichen Sektor massiv gestiegen. In der Finanzkrise hat man dann gemerkt, dass Griechenland hochverschuldet und alles andere als wettbewerbsfähig ist.
DHZ: Wie bedrohlich ist die Krise in Griechenland für die anderen Euro-Länder?
Traud: Eine unmittelbare Ansteckungsgefahr sehe ich nicht mehr. Von insgesamt rund 320 Milliarden Euro, mit denen Griechenland verschuldet ist, entfallen rund 60 Milliarden Euro auf den privaten Sektor. Der Rest liegt bei der Europäischen Zentralbank, dem Internationalen Währungsfonds und anderen Institutionen in Europa. Eine deutlich größere Gefahr entstünde, wenn Griechenland weiter Hilfskredite ohne Reformauflagen bekommen sollte. Das klingt dann wie ein cleveres Geschäftsmodell. Dann werden andere Länder sich daran orientieren. So zerstört man letztlich das Vertrauen in die Eurozone.
Griechen brauchen weitgehende Strukturreformen
DHZ: Was bedeutet die Zuspitzung der Griechenland-Krise für die Börse?
Traud: Bisher waren die Auswirkungen extrem verhalten. Zum einen gehen die meisten Marktteilnehmer davon aus, dass die Hängepartie weitergeht und es doch wieder Hilfsleistungen geben wird. Zum anderen fürchten sie eben keine Übertragung der Krise auf andere Länder. Für sie ist es vor allem ein griechisches Problem. Die Eurozone könnte einen Grexit verkraften.
DHZ: Welche Möglichkeiten sehen Sie, dass Griechenland langfristig betrachtet wieder auf die Beine kommt?
Traud: Wenn die Griechen eine bessere Zukunft haben wollen, müssen sie das Land anders aufstellen. Wichtig sind dafür weitgehende Strukturreformen: Einführung eines Katasters, ein effektives Steuersystem, Abschaffung der Korruption etc. Sie müssen den Staatssektor gesundschrumpfen und gleichzeitig die Wirtschaft zum Laufen bringen. Ganz gleich, ob die Griechen im Euro bleiben oder nicht.
