Der Zugang zu Rohstoffen wird immer schwieriger. Bei einer von der EU-Kommission erstmals erstellten Bestandsaufnahme wurden 14 der 41 analysierten Mineralien und Metalle als "kritisch" eingestuft. Viele Politiker fordern ein konsequentes Recycling. Von Hajo Friedrich, Brüssel
Europa droht Rohstoffmangel
Die drohende Rohstoffknappheit sei für die Wahrung des Wohlstands in Europa bedeutender als die CO2-Problematik, kommentierte der CDU-Europaabgeordnete Karl-Heinz Florenz das Ergebnis. Im Herbst will die EU-Kommission eine Rohstoffstrategie vorlegen.
Die Nachfrage nach Rohstoffen sei vor allem durch das Wachstum der Schwellenländer und das Aufkommen neuer Zukunftstechnologien angestiegen. Rohstoffe seien heute ein wesentlicher Bestandteil von Hochtechnologie- und Alltagsprodukten wie etwa Mobiltelefone, Dünnschichtphotovoltaikmodule, Lithium-Ionen-Batterien, Glasfaserkabel und synthetische Treibstoffe.
Keine Planungssicherheit
Im Handwerk spürt man die Problematik vor allem durch extreme Preisschwankungen innerhalb kurzer Zeit wie zum Beispiel seit Herbst vergangenen Jahres bei Verzinkungen. "Wer die Gültigkeit von Kostenvoranschlägen nicht auf 14 Tage begrenzt, läuft Gefahr, sich zu verkalkulieren", warnt Schlossermeister Robert Hämmelmann aus Würzburg. Bei öffentlichen Aufträgen sorgt zwar der so genannte Materialindex für einen Ausgleich, aber auch hier muss der Anbieter Preisschwankungen bis zehn Prozent selbst tragen. Zudem werde es immer schwieriger, das Material rechtzeitig in ausreichender Menge zu bekommen, denn viele Großhändler verzichten wegen der schnell wechselnden Preise auf ausreichende Lagerhaltung. "Unser Problem ist zur Zeit weniger eine Rohstoffknappheit, sondern die marktbeherrschende Position von großen Herstellern und Händlern", sagt Siegfried Huhle, Landesinnungsmeister des hessischen Fachverbandes Metall und Geschäftsführer der Stahl- und Metallbau GmbH in Wiesbaden. Kaum nachvollziehbar seien die teilweise enormen Preiszuschläge. In der Branche gebe es auch Mutmaßungen, dass bewusst Kapazitäten gehortet würden, um Händlern die profitträchtigsten Preise zu garantieren. "Bei Kalkulationen haben wir auch wegen eines Pokerverhaltens von Rohstoffhändlern keine Planungssicherheit", sagt Huhle.
Nach dem von der EU-Kommission veröffentlichten Expertenbericht treten bei der Versorgung mit einigen Rohstoffen zunehmend Engpässe auf. "Wir benötigen faire Bedingungen auf den außereuropäischen Märkten, einen soliden Rahmen zur Förderung einer nachhaltigen Rohstoffversorgung aus EU-Quellen sowie einen effizienteren Umgang mit Ressourcen und ein verstärktes Recycling", fordert der für Unternehmen und Industrie zuständige EU-Kommissar Antonio Tajani. Als "kritisch" stufte die EU-Expertengruppe die mineralischen Rohstoffe Antimon, Beryllium, Kobalt, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Magnesium, Niob, Metalle der Platingruppe, seltene Erden, Tantal und Wolfram ein. Nach Schätzungen dürfte sich bis zum Jahr 2030 die Nachfrage nach einigen dieser Rohstoffe gegenüber 2006 mehr als verdreifachen. Die große Gefahr einer Verknappung der „kritischen“ Rohstoffe hänge vor allem damit zusammen, dass ein großer Teil der weltweiten Produktion auf einige wenige Länder wie China (Antimon, Flussspat, Gallium, Germanium, Graphit, Indium, Magnesium, seltene Erden, Wolfram), Russland (Metalle der Platingruppe), die Demokratische Republik Kongo (Kobalt, Tantal) sowie Brasilien (Niob und Tantal) entfällt, heißt es in dem Bericht.
Zur Überwindung der Probleme empfehlen die Experten politische Maßnahmen zur Verbesserung des Zugangs zu Primärressourcen und zum effizienteren Recycling von Rohstoffen oder rohstoffhaltigen Produkten sowie die Förderung des Ersatzes bestimmter Rohstoffe durch andere Werkstoffe, insbesondere durch Unterstützung der Forschung zu Ersatzstoffen, sowie eine erhöhte Werkstoffeffizienz. "Die EU muss rasch eine Rohstoffdiplomatie betreiben, um eine Unterversorgung mit den wichtigen Rohstoff-Mineralien zu verhindern", sagte der Vorsitzende des Industrieausschusses im EU-Parlament, Herbert Reul (CDU).