Kolumne Essstörung bei Azubis erkennen: Merkmale und mögliche Hilfen

Wenn Azubis plötzlich weniger essen und immer weiter abnehmen, kann sich eine Essstörung dahinter verbergen. Wie Ausbilder die Zeichen richtig deuten und wie sie reagieren sollten, erklärt Ausbildungsberater Peter Braune in seiner aktuellen Kolumne.

Mensche auf Waage
Eine Essstörung kann viele Gründe haben und wirkt sich auch auf die Stimmung und Leistungsfähigkeit eines Azubis aus. - © New Africa - stock.adobe.com

Mit Abschluss eines Lehrvertrages verpflichten sich beide Vertragsparteien, die Vertragsbedingungen anzuerkennen und im Ausbildungsalltag umzusetzen. Da das Lehrverhältnis nicht nur ein Beschäftigungsverhältnis, sondern auch eine Art Erziehungsverhältnis darstellt, ist neben der beruflichen auch die charakterliche Entwicklung Ziel der Ausbildung. Daher ist es Aufgabe der Ausbildenden, die Lehrlinge zu fördern sowie dafür zu sorgen, dass diese sittlich und vor allem auch körperlich und gesundheitlich nicht gefährdet werden.

Beispiel aus einem Lehrbetrieb

In einem Handwerksbetrieb liegen insbesondere die letzten beiden Gesichtspunkte der Meisterin sehr am Herzen. Daher beobachtet sie recht genau auch die persönlichen Umstände der Lehrlinge.

Im Verlauf des ersten Lehrjahres erkennt sie, dass ein Lehrling immer dünner wird und kaum etwas im Beisein anderer isst. Sie informiert sich intensiv, welchen Grund es dafür geben könnte. Nach kurzer Zeit findet sie Informationen zum Thema Essstörungen. Es handelt sich in der Regel um keine schlechte Angewohnheit. Sie sind in der Regel ein Ausdruck dafür, dass im Körper und Geist der betroffenen Person etwas nicht stimmt. Schreitet die Krankheit weiter voran, wird sich die betreffende Person vermehrt zurückziehen und durch Schwankungen der Stimmung, wie zum Beispiel Störungen der Stimmungslage oder Gereiztheit auffallen. Die Leistungen werden nachlassen. Das alles zusammen trifft auf ihren Lehrling zu und deckt sich mit ihren Beobachtungen.

Woran können die Verantwortlichen im Lehrbetrieb zum Beispiel ebenfalls eine Essstörung erkennen?

  • Auffälliges Essverhalten
  • unkontrollierter Verzehr großer Mengen an Nahrungsmitteln in kurzer Zeit
  • Diät als Dauerzustand
  • Vermeidung von Hungergefühl
  • Ständiges Kalorienzählen
  • Eingeschränkte Nahrungsauswahl
  • Erbrechen
  • Missbrauch von Abführmitteln
  • Krankhafte Angst, dick zu werden
  • Gesteigerter Bewegungsdrang  
  • Zwanghafte Tagesplanung
  • Regelmäßige Gewichtskontrolle und Essverhalten
  • Gewichtsschwankungen
  • Essen wird ein Mittel zur Problemlösung
  • Essverhalten kontrolliert die Gedanken

So eine Essstörung hat meist nicht nur eine Ursache. Sie entsteht durch ein schwer ermittelbares Zusammenspiel verschiedener Gründe. Fachleute raten, die Betroffenen nicht nach der Schuld der Entstehung zu fragen. Die Beschäftigung mit der Schuldfrage hilft im Heilungsprozess nicht weiter. Manches kann aktuell nicht oder nicht mehr beeinflusst werden. Die Suche nach den Ursachen ist dennoch notwendig für die Behandlung der Betroffenen, um die Entstehung der Erkrankung zu verstehen und um beeinflussbare Gründe positiv zu verändern.

In solchen Fällen haben die Meisterin oder der Meister eine Fürsorgepflicht. Es ist ratsam, die entsprechenden Fachleute einzuschalten. Dafür gibt es Beratungsstellen. Informationen findet man auf der Homepage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Bei Essstörungen Hilfe finden: BZgA Essstörungen

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.