Seit 2018 haben Dürre und Borkenkäfer ganze Nadelwälder vernichtet – in manchen Forsten fielen 70 Prozent der Fichten aus. Stattdessen wachsen jetzt Esskastanie, Weißtanne, Douglasie und Roteiche nach. Was der Waldumbau für Schreiner, Zimmerer und Holzbauer bedeutet.

Der Wald, aus dem das deutsche Holzhandwerk seinen wichtigsten Rohstoff bezieht, verändert sich grundlegend. Was dort in diesen Jahren gepflanzt wird, bestimmt das Material, das Tischler, Zimmerer und Drechsler in einigen Jahrzehnten verarbeiten werden.
Wie tiefgreifend dieser Wandel ausfällt, lässt sich dem Jahresbericht "Waldwirtschaft 2025/26" der AGDW – Die Waldeigentümer entnehmen. Dieser Verband vertritt die Interessen von rund zwei Millionen Waldbesitzern in Deutschland und repräsentiert nach eigenen Angaben mehr als zwei Drittel der Waldfläche. Für Tischler, Zimmerer, Drechsler und Holzbauer steckt im AGDW-Jahresbericht eine Erkenntnis, die über den Tag hinausreicht: Die Baumartenpalette wird breiter, die Holzeigenschaften vielfältiger. Gleichzeitig warnt die Branche davor, dass EU-Vorgaben die nutzbare Holzmenge einschränken und den Rohstoff verteuern könnten.
Warum sich der Wald verändert
Seit 2018 haben Dürre und Borkenkäfer dem deutschen Wald schwer zugesetzt. Besonders betroffen sind Fichtenbestände, die über Jahrzehnte das Rückgrat der Holzversorgung bildeten. Laut dem AGDW-Bericht hat etwa der Stadtforst Goslar, der größte Kommunalwald Niedersachsens, rund 70 Prozent seiner Fichten verloren. Die Hälfte der zuvor vom Nadelholz geprägten Fläche fiel kahl.
Die Durchschnittstemperatur in Deutschland hat sich laut AGDW-Hauptgeschäftsführerin Irene Seling in den vergangenen zehn Jahren von 9,4 auf 10,1 Grad Celsius erhöht. Die Waldbesitzer reagieren darauf mit einem Waldumbau, der seit Jahrzehnten betrieben wird, nun aber unter enormem Zeitdruck steht. Fichtenreinbestände werden nicht mehr nachgepflanzt. Stattdessen entstehen Mischwälder mit einer deutlich breiteren Palette an Baumarten.
Esskastanie statt Fichte: Welche Baumarten nachkommen
Was genau nachkommt, variiert je nach Standort, Höhenlage und Bodenverhältnissen. Der Jahresbericht nennt für den Goslarer Stadtforst unter anderem Buche, Bergahorn, Traubeneiche, Roteiche, Kirsche, Hainbuche und Esskastanie als Laubbaumarten sowie Küstentanne, Weißtanne, Lärche und Douglasie als Nadelbaumarten. Waldbesitzer Torsten Dörmbach hat auf Kahlflächen im Bergischen Land fast 40 Baumarten erprobt. "Positiv überrascht ist er von der Esskastanie", heißt es im Bericht. "Sie kam bisher gut mit Sommerhitze und geringen Niederschlägen auch am Südhang zurecht." Die Weißtanne setzt er als Alternative zur Fichte ein, weil sie mit ihren tief greifenden Wurzeln stabiler steht.
Die Zitterpappel, laut der Dr. Silvius Wodarz Stiftung Baum des Jahres 2026, kann dem Bericht zufolge als Pionierbaumart auf Kahlflächen eine Rolle spielen und den Boden für andere Arten vorbereiten. Ihr Holz wird bereits in der Holzwerkstoffindustrie und für den Bau von Musikinstrumenten – etwa Gitarren – verwendet.
Ausreichende Holzvorräte in Deutschland
Für Schreiner, Zimmerer und Holzbauer steckt in dieser Entwicklung eine doppelte Botschaft. Einerseits wird das Holzangebot vielfältiger. Laubhölzer wie Eiche, Esskastanie oder Birke und alternative Nadelhölzer wie Weißtanne oder Douglasie bringen andere Eigenschaften mit als die gewohnte Fichte – in Festigkeit, Dauerhaftigkeit, Bearbeitung und Optik. Andererseits braucht diese Vielfalt passende Absatzwege, Verarbeitungstechniken und Normen.
Die Ausgangslage für die deutsche Holzwirtschaft ist dabei grundsätzlich gut. Die Holzvorräte in Deutschland liegen 85 Prozent über dem EU-Durchschnitt. "Kaum ein EU-Staat verfügt über so viel Holz auf dem Stamm wie die Bundesrepublik", heißt es in dem Waldbericht. Kopfzerbrechen dagegen bereiten zwei EU-Regelwerke, die nach Einschätzung des Verbands die Holzversorgung gefährden könnten.
"Wir können uns nicht noch mehr Auflagen für die europäische Wirtschaft leisten."
Günther Oettinger, ehemaliger EU-Kommissar
Die EU-Wiederherstellungsverordnung (W-VO) soll geschädigte Ökosysteme wiederherstellen und die Biodiversität stärken. AGDW-Präsident Andreas Bitter kritisiert, dass die Verordnung sich an historischen Lebensraumtypen orientiere und damit den ans Klima angepassten Waldumbau ausbremse. Die Einbringung klimaresilienter, aber nicht heimischer Baumarten wie Esskastanie oder Douglasie könnte demnach als "Verschlechterung" gewertet werden – selbst wenn diese Arten standortgerecht und zukunftsfähig seien.
EU-Vorgaben könnten den Rohstoff verknappen
Auch die EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Produkten (EUDR), die ab Ende Dezember 2026 für Unternehmen gelten soll, beschäftigt die Branche. Sie verlangt Nachweise, dass Holzprodukte nicht aus entwaldeten Gebieten stammen. Die AGDW kritisiert, dass die Dokumentationspflichten auch für Länder wie Deutschland gelten, die nachweislich kein Entwaldungsproblem hätten. Zwar konnten laut dem Bericht Erleichterungen für Klein- und Kleinstbetriebe erreicht werden, doch bleibe der bürokratische Aufwand hoch. Für Handwerksbetriebe, die Holz beziehen, könnten sich daraus zusätzliche Nachweispflichten in der Lieferkette ergeben.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) verweist darauf, dass die Bundesregierung in Brüssel auf Vereinfachungen gedrängt habe. "Unser Ziel: Weniger unnötige Hürden, einfachere Umsetzbarkeit für die Betriebe“, erklärt der Minister mit Blick auf die EUDR. Ohne diese Initiative wäre die Debatte auf EU-Ebene gar nicht erst geführt worden. Rainer sagt: "Seit meinem ersten Tag im Amt setze ich mich mit voller Kraft dafür ein, dass es wieder mehr Freiraum gibt und weniger Bürokratie."
Der ehemalige EU-Kommissar Günther Oettinger mahnt im Jahresbericht: "Wir können uns nicht noch mehr Auflagen für die europäische Wirtschaft leisten." Die Balance zwischen Wirtschaftsförderung und Klima- und Umweltschutz stimme derzeit nicht.