Seit gestern ist der deutsche Arbeitsmarkt auch für Arbeitnehmer aus den osteuropäischen Ländern frei zugänglich. Trotz der großen Chancen, die sich laut Bundesarbeitsministerin von der Leyen für grenznahe Handwerksbetriebe ergeben, sei nun auch eine stärkere Kontrolle nötig.

Es wird keinen Ansturm geben
Prognosen beispielsweise des Ifo-Instituts, dass nun mehrere Millionen Polen und Tschechen nach Deutschland kommen, gab von der Leyen jedoch eine klare Absage: "Wir rechnen mit etwa 100.000 Arbeitnehmern, die nun jedes Jahr zusätzlich kommen werden. Gemessen an der Gesamtbevölkerung der neuen Staaten von 73 Millionen ist das wirklich nicht viel." Vor allem Arbeitnehmer aus dem "fleißigen Mittelbau" würden nun kommen und könnten helfen, den drohenden Fachkräftemangel auszugleichen. Akademiker aus diesen Ländern hätten schon vorher kommen können und auch diejenigen, die hier schwarz arbeiten wollten, seien schon da, sagte die Bundesarbeitsministerin.
Auf die Frage, warum mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit auch viele Ängste verbunden seien, sagte sie, dass das Thema und die osteuropäischen Länder immer noch mit vielen Vorurteilen betrachtet werden. Nach dem EU-Beitritt Polens vor sieben Jahren hätte sich jedoch gezeigt, dass unser Lohn und unser Wohlstand deswegen gesunken nicht, sondern Bildung und Lohnniveau der neuen Beitrittsländer weit überproportional gestiegen sind.
Die Handwerkskammer Dresden setzt den Befürchtungen von deutscher Seite entgegen, dass auch auf polnischer und tschechischer Seite inzwischen ein zunehmender Fachkräftemangel beklagt wird und der Wettkampf um qualifizierte Mitarbeiter zukünftig ein europäischer sei. "Aus unserer Sicht wird es keinen Ansturm geben", sagt Claus Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden. Genauso wie die Bundesarbeitsministerin sieht auch die Handwerkskammer die Arbeitnehmerfreizügigkeit als Teil des europäischen Gedankens. "Europa ist frei, es gibt keinerlei bürokratische Hürde mehr, jeder kann überall arbeiten – das ist die gute Nachricht", so von der Leyen.
Schwannecke: "Arbeitnehmerfreizügigkeit birgt Chancen für das Handwerk"
Bedenken gegenüber der Grenzöffnung räumt auch der Generalsekretär des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, aus dem Weg. "Die hohe Qualität der Dienstleistungen und Produkte im Handwerk, die auf dem exzellenten Standard unserer Aus- und Weiterbildung fußt, braucht den Wettbewerb mit den osteuropäischen Nachbarn nicht zu scheuen", betont Schwannecke. "Die Arbeitnehmerfreizügigkeit birgt für das Handwerk vor allem Chancen", sagt der ZDH-Generalsekretär. Der Zeitpunkt sei günstig, da sich der deutsche Arbeitsmarkt in einer guten Verfassung befinde. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit könne einen Teil zur Fachkräftesicherung beitragen.
jtw