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Interview mit Signal-Iduna-Chef "Da werden Unsummen auflaufen"

Muss die Betriebsschließungsversicherung bei einer Pandemie zahlen? Darüber streiten gerade Betriebe mit ihrem Versicherer. Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann verrät, wie sich Versicherungen im Krisenmodus verhalten - um warum die Corona-Krise die Deutschen teuer zu stehen kommt.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Was bereitet Ihnen gerade besonders viel Mühe, Herr Leitermann?
 
Die Technik zum Glück nicht (lacht). Nein, im Ernst: Die Verlagerung der Tätigkeiten in außerbetriebliche Arbeitsplätze war schon eine große Herausforderung. Wir reden über immerhin 4.000 Mitarbeiter, von denen derzeit 80 Prozent von zu Hause aus arbeiten. 20 Prozent sind weiterhin in unseren Hauptverwaltungsstandorten in Dortmund und Hamburg tätig, weil wir natürlich die Gebäude in Betrieb halten müssen. Druckstraßen und Scanstraßen müssen vorgehalten werden, weil die Kunden ja auch ihre Dokumente nicht nur digital übersenden, sondern nach wie vor physisch auf dem Postweg. Und diese Poststücke müssen eingescannt werden, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Home-Offices digital für die Kunden arbeiten können. In dieser Phase brauchen uns die Kunden mehr denn je.

Mit welchen Fragen wenden sich Handwerker derzeit an Sie?
 
Die Kunden haben einen hohen Informationsbedarf und brauchen Unterstützung. Natürlich vor dem Hintergrund der Kur Arbeit. Oft geht es aber auch um Fragen der Liquidität. Für den einen oder anderen ist das eine existenzielle Frage. Denken Sie an Kosmetikstudios oder an Friseure. Bei Selbstständigen, die derzeit nicht tätig sein können, stellen sich auch Fragen rund um die Krankenversicherung, um Stundungen, Zahlungsaufschub, Ratenzahlung. In der Krankenversicherung ist es bei uns zum Beispiel möglich, in einen Tarif zu wechseln, der ein geringeres Leistungsspektrum hat und deshalb günstiger ist. Wir geben dem Kunden die Möglichkeit, nach der schwierigen Phase dann wieder in den alten Tarif zu wechseln ohne Gesundheitsprüfung. Es geht aber auch um die Änderung des Versicherungsschutzes, weil in manchen Branchen gerade mehr zu tun ist oder sich das Geschäftsmodell verändert hat.

Was beschäftigt die Handwerksbetriebe noch?
 
Einige Unternehmen haben einen größeren Fuhrpark, der im Moment nicht genutzt werden kann. Da reden wir über unkomplizierte Außerkraftsetzungen. Also nicht das Fahrzeug erst stilllegen und dies nachweisen, sondern schnell die Kennzeichen mailen von Fahrzeugen, die im Moment nicht verwendet werden. Solche Fälle gibt es etwa im Schaustellerbereich.

Für Altersvorsorge und Lebensversicherungen interessieren sich die Kunden momentan vermutlich nicht?
 
Eher weniger. Die Menschen fragen mehr, welche Versicherungen brauche ich? Kann ich mit meiner Versicherung eine Vereinbarung treffen, durch die meine wirtschaftliche Belastung temporär zurückgefahren wird? Es geht weniger um die Suche nach einem neuen Versicherungsprodukt, eher um Umstellungen und Anpassungen, teilweise aber auch um Erhöhungen.

Eine hitzige Diskussion gab es ja um das Thema Betriebsschließungsversicherung. Einige Unternehmer klagten, dass ihre Versicherer sich kleinkariert angestellt und nicht gezahlt hätten…
 
Die Betriebe, die sich da beklagen, können nicht bei Signal Iduna versichert sein. Wir wurden von Handwerkern und Kaufleuten gegründet nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. Es steckt sozusagen in unseren Genen, in schwierigen Situationen als Partner zur Verfügung zu stehen. Wir können uns in so einer Phase nicht aufs Kleingedruckte in den Versicherungsbedingungen zurückziehen und wollen schon gar nicht einen Rechtsstreit mit dem Kunden vom Zaun brechen.

Aber es gab solche Fälle in der Branche?
 
Es gibt unterschiedliche Versicherungsbedingungen zur Betriebsschließungsversicherung. Man muss fairerweise sagen: Die Betriebsschließungsversicherung ist nicht für einen Pandemiefall gedacht. Sie ist eher gedacht für Ereignisse wie etwa Salmonellen- oder Norovirenbefall. Also zum Beispiel für Betriebe des Lebensmittelhandwerks, Hotel- und Gastronomiebetriebe oder Krankenhäuser, die ein Problem damit haben und deren Betrieb nach Einzelverfügung für eine relativ kurze Zeit geschlossen und nach der Reinigung wieder geöffnet wird. Wir reden über einige Tagen oder Wochen. So ist die Versicherung auch gestrickt, es gibt eine Höchstentschädigungssumme und es gibt eine Befristung auf maximal 30 Tage. Das zeigt ja schon, dass das für einen Pandemiefall nicht vorgesehen ist. Nun haben wir aber diese Situation. Wir schauen uns jeden Einzelfall gründlich an, das kann ich versprechen.

Bekommt die Betriebsschließungsversicherung einen Schub nach der Krise?
 
Ich kann mir gut vorstellen, dass insbesondere die Betriebe, die unter das Infektionsschutzgesetz fallen oder davon betroffen sind, sich zukünftig mehr Gedanken machen über Betriebsschließungsversicherungen. Möglicherweise wird künftig bei Betriebsschließungsversicherungen allerdings der Pandemie-Fall ausdrücklich ausgeschlossen. Außerdem könnte es in Folge der Krise ein verstärktes Interesse an Cyber-Versicherungen geben - weil der eine oder andere im Home-Office feststellt, welche Bedrohungen im Netz existieren.

Glauben Sie, dass die Corona-Krise nachhaltig Spuren im Versicherungsgeschäft hinterlässt?

Das ist schwer einschätzbar. Als Optimist sehe ich durchaus Chancen für die Zeit nach der Krise. Denn einigen Menschen wird in so einer Phase bewusst, wie wenig Reserven und Rücklagen sie haben. Nach dieser konjunkturell guten Phase hätte ich persönlich erwartet, dass der eine oder andere Betrieb über mehr Rücklagen verfügt. Mehr Reserven und eine gute Absicherung werden also nach dieser Krise sicherlich eine andere Bedeutung bekommen – hier können wir als Finanzdienstleister und Lösungsanbieter für den Mittelstand sicher helfen.

Sie meinen, dass Sparen nach der Krise wieder in Mode kommt?
 
Dass man fürs Alter und für Krankheit Vorsorge treffen sollte, propagieren wir schon lange. Also insofern könnte das durchaus diese Geschäftsfelder befördern. Ich hoffe auch, dass die Bereitschaft des Staates einzuspringen nicht zu einer Fehlbeurteilung führt nach dem Motto: Wenn es richtig kritisch wird, ist Vater Staat schon für mich da.

Der Staat springt in der Tat großzügig ein und hilft in der Krise. Leistet die Politik, Ihrer Meinung nach, derzeit gute Arbeit?

Der Staat und die Politik agieren nachvollziehbar und auch mit dem notwendigen Augenmaß. Man kann immer unterschiedlicher Meinung sein, wie gut einzelne Maßnahmen sind. Aber insgesamt bewährt sich die Politik in der Krise. Am Ende des Tages wird man allerdings auch eine Rechnung aufmachen müssen und sich der Frage stellen: Wer bezahlt das eigentlich alles? Da werden Unsummen auflaufen. Und dann werden die Politiker sagen: Wir haben damit die Gesellschaft gerettet, wir haben die Demokratie gerettet, jetzt müssen wir zusammenstehen und unseren Beitrag leisten. Ich gehe davon aus, dass wir Wohlstandsverluste erleiden werden.

Wie einschneidend ist die Corona-Krise aus wirtschaftlicher Sicht?

Also ich habe schon viele Krisen mitgemacht, im Jahr 2000 die Dotcom-Krise und die Finanzmarktkrise, Währungskrise, Schuldenkrise 2008 und 2009. Was wir jetzt sehen, hat aber eine völlig andere Dimension. Wir Versicherer denken immer in Risiken und rechnen in unseren Modellen Fälle durch, die nur ein einziges Mal in 100 oder 200 Jahren auftreten. Aber dabei dachten wir vor allem an Naturkatastrophen. Einen Pandemiefall diesen Ausmaßes kannte man allenfalls aus der Theorie. Jetzt muss man dafür keine Phantasie mehr aufbringen, sondern erlebt das Szenario im täglichen Leben. Jetzt sind in Deutschland, in Europa, in der gesamten Welt die Menschen unmittelbar betroffen, müssen Einschränkungen im täglichen Leben hinnehmen. Im Moment spricht noch keiner von den Folgen. Im Moment geht es darum, diese Krise beherrschbar zu machen.

Der Staat hat in seinen Rettungsbemühungen stark ins wirtschaftliche Geschehen eingegriffen. Übertreibt es die Politik nicht ein wenig mit den staatlichen Eingriffen?

Bei dem einen oder anderen Politiker ist der Hang durchaus erkennbar, Dinge zu tun, die unter normalen Umständen nicht möglich gewesen wären. Ich hoffe aber, dass die besonnenen Politiker dem entgegentreten und sich zeitig Gedanken über ein Ausstiegsszenario machen, um Notstandsgesetze und Ausnahmeregelungen wieder zurückzunehmen. Diese Situation darf nicht politisch missbraucht werden für überbordende Verstaatlichung und planwirtschaftliche Gedankenspiele.

Wo drohen Ihrer Meinung nach denn solche Entwicklungen?

Nehmen wir das Gesundheitswesen. Im Moment werden die Krankenversicherungssysteme extrem gestresst. Viele Krankenhäuser stehen leer und warten auf Corona-Patienten. Da wird am Ende des Tages eine Rechnung aufgemacht. Wenn es bald mehr Arbeitslose gibt und die Wirtschaft zurückgeht, sinken natürlich die Einnahmen in den staatlichen Kassen, auch in den gesetzlichen Kassen, bei Kranken- und Rentenversicherungen. Irgendwann wird ein Kassensturz gemacht. Und dann könnten die tollsten Ideen aufkommen, wer einen Beitrag leisten soll zur allgemeinen Genesung.

Signal Iduna ist ein bedeutender Krankenversicherer. Hat sich aus Ihrer Sicht das deutsche Gesundheitssystem in der Corona-Krise bewährt?

Eines ist klar, wir haben keine Not an den Intensivbetten. Das deutsche Gesundheitswesen zeigt in der Krise seine Stärke. Alle, die daran rütteln wollen, muss man daran erinnern, dass genau dieses duale System aus privater Krankenversicherung und gesetzlichen Kassen in einer Krisensituation offensichtlich das Beste ist - das Beste weltweit. Ohne die private Krankenversicherung gäbe es die Hochleistungsmedizin in den Krankenhäusern nicht, hätten wir keine flächendeckende stationäre Versorgung auf einem Niveau, um das uns die ganze Welt beneidet.

Noch zu einem Thema abseits von Corona. Sie haben kürzlich eine Grundfähigkeitsabsicherung auf den Weg gebracht, also eine abgespeckte Form der Berufsunfähigkeitsversicherung, die für viele Handwerker interessant ist. Wie ist die Nachfrage?

Sehr gut. Wir sind selbst positiv überrascht, wie gut das Angebot aufgenommen wird, die Zahlen sind sehr erfreulich. Wir scheinen mit diesem Produkt tatsächlich einen wunden Punkt getroffen zu haben. Gerade im Handwerk, wo die Berufsunfähigkeitsversicherung für viele Gewerke relativ teuer ist. Die Absicherung von Grundfähigkeiten scheint für viele Handwerker eine willkommene Alternative zu sein.

Wie steht es sonst um die Entwicklung neuer Produkte? In letzter Zeit war ja häufig die Rede von kleinen Spezialversicherungen…

Es gibt viele gute Ideen. So richtig groß im Rennen ist aber noch keines dieser Produkte. Was sich auch erklären lässt. Es gibt einen Versicherungsgedanken und es gibt ein Kollektiv. Je individueller die Produkte gestaltet werden, desto mehr entfernen Sie sich vom Kollektiv und vom Kollektivgedanken. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Sie wollen eine Optimierung für den Einzelnen, aber Sie müssen das Produkt auch kalkulieren können. Die Produktkalkulation lebt auch vom Ausgleich im Kollektiv. Und da sind Grenzen gesetzt. Solidarität gegen Individualität, das muss man gut abwägen. Gerade der Solidaritätsgedanke ist für uns als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gelebte Praxis und bewährt sich jetzt in Krise ganz besonders. Wir erleben eine hohe Wertschätzung für unseren Mitarbeitern und Vertriebspartnern durch unsere Kunden, gerade aus dem Handwerk.

Versicherer des Handwerks

Die Signal-Iduna-Gruppe geht zurück auf kleine Krankenunterstützungskassen, die Handwerker und Gewerbetreibende vor über 100 Jahren in Dortmund und Hamburg gegründet hatten. Signal Iduna erzielt Beitragseinnahmen von etwa 5,6 Milliarden Euro. Die Vermögensanlagen betragen rund 62 Milliarden Euro. Insgesamt werden mehr als zwölf Millionen versicherte Personen und Verträge betreut.

Chef von Signal Iduna ist Ulrich Leitermann. Er studierte nach einer Lehre zum Bankkaufmann in Mannheim Betriebswirtschaft. Den Abschluss als Diplom-Kaufmann ergänzte er durch Examina als Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. 1997 kam er zu den Dortmunder Signal- Versicherungen und leitete dort als Vorstandsmitglied das Ressort Finanzen. Seit Juli 2013 ist Leitermann Vorstandsvorsitzender.

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