Interview "Es geht um attraktive Arbeitsbedingungen"

Arbeitsmarktforscher Enzo Weber warnt im DHZ-Interview vor Engpässen bei Fachkräften: "Noch immer gibt es aber sehr viele Teilzeitkräfte. Würden sie mehr arbeiten, sähe die Rechnung schon anders aus." Betriebe sollten seiner Meinung nach auch die Mitarbeiterzufriedenheit stärker fördern.

Karin Birk

Professor Enzo Weber ist Leiter der Abteilung Prognose und Strukturanalyse des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. - © Foto: IAB

DHZ: Herr Weber, die Wirtschaft befürchtet einen gravierenden Mangel an nichtakademischen Fachkräften, der noch stärker ausfallen könnte als der bei Ingenieuren. Teilen Sie die Ansicht?

Weber: Konkrete Zahlen für das Jahr 2020 oder 2025 zu nennen, halte ich wissenschaftlich für wenig fundiert. Allerdings erkennen auch wir, dass
vor allem ab 2020 bei mittleren Ausbildungsabschlüssen zwischen ungelernten Arbeitern und Akademikern spürbare Engpässe auftreten können. Das liegt zum einen am demografischen Wandel und zum anderen an der Tatsache, dass mehr Schulabgänger studieren wollen.

DHZ: Die riesige Facharbeiterlücke sehen Sie also nicht?

Weber: Natürlich kann es in bestimmten Berufen oder Regionen zu Engpässen kommen. Noch immer gibt es aber sehr viele Teilzeitkräfte. Würden sie mehr arbeiten, sähe die Rechnung schon anders aus. Insbesondere bei Frauen gilt es dieses Potenzial zu nutzen. Eine wirkliche Lücke erwarten wir nur in den Gesundheitsberufen. Hier steigt die Nachfrage aufgrund der alternden Gesellschaft deutlich stärker als das Angebot.

DHZ: Also alles halb so schlimm?

Weber: So weit würde ich nicht gehen. Auch ich rechne damit, dass der Wettbewerb um gute Leute zunehmen wird. Schon jetzt zeigt sich, dass die Löhne steigen. Allerdings haben wir auch Jahre schwacher Lohnentwicklungen hinter uns. Das heißt aber nicht automatisch, dass das Handwerk ins Hintertreffen gerät. Geld ist nicht alles. Es geht auch um attraktive Arbeitsbedingungen.

DHZ: Was heißt das dann für die Betriebe?

Weber: Betriebe müssen für Mitarbeiter attraktiver werden. Sie müssen nicht nur die Zufriedenheit der Kunden im Blick haben, sondern auch auf Mitarbeiterzufriedenheit achten. Hier muss der eine oder andere sicher noch den Hebel im Kopf umlegen. Die Betriebe sollten deshalb nicht nur attraktive Arbeitszeitmodelle anbieten, sie müssen interessierten Mitarbeitern auch interessante Perspektiven aufzeigen. Das gilt insbesondere für Abiturienten.

DHZ: Das Handwerk muss also stärker auf Fachoberschüler und Abiturienten zugehen?

Weber: Auf jeden Fall. Heute machen zwar mehr Schüler einen höheren Schulabschluss. Das heißt aber nicht, dass sie langfristig im akademischen Bereich arbeiten wollen. Wer ihnen interessante Ausbildungswege und spätere Einsatzmöglichkeiten aufzeigt, die mit einem Bachelor-Studiengang vergleichbar sind, kann diese Entwicklung nutzen. Das gilt auch für Studienabbrecher. Auch sie sehen das Handwerk nach ein paar Semestern vielleicht mit ganz anderen Augen.

DHZ: Noch immer landen zu viele Jugendliche in Warteschleifen, was muss sich da ändern?

Weber: Auch ich bin dafür, dass Jugendliche möglichst direkt in eine duale Ausbildung gehen. Um das zu ermöglichen, müssen sie noch früher und noch intensiver gefördert werden. Je früher in die Bildung solcher Kinder und Jugendlicher investiert wird, desto besser sind die Chancen später.

DHZ: Wo müsste die Politik außerdem ansetzen?

Weber: Demografischer Wandel heißt, dass der Anteil der älteren Erwerbstätigen zunimmt. Wer bis 67 Jahre arbeiten soll, sollte auch mit 55 noch eine Weiterbildung bezuschusst bekommen können. Daneben sollten Anreize, früher aus dem Arbeitsleben auszuscheiden, abgebaut werden.

DHZ: Die Politik baut auch stark auf Zuwanderung. Ist sie da nicht etwas zu optimistisch?

Weber: Wir werden auf jeden Fall Zuwanderung brauchen. Krisenbedingt war sie im letzten Jahr so hoch wie lange nicht. Allerdings ist gerade der Zuzug aus Südeuropa begrenzt. Läuft es dort wieder besser, wird die Zuwanderung nachlassen. Wir brauchen eine nachhaltige Zuwanderungspolitik.