Brauchtum und Musik sind im Isartal tief verwurzelt: Ein Streifzug durchs Tölzer Land. Von Hanni Kinadeter
Erholung für alle Sinne
Gepeinigt soll sie sich haben, mit Lederriemen, bis ihr Rücken übersät von roten und blauen Flecken. Mystisches soll sie erfahren haben, raunen alte Legenden. Die scharfen Augen der Schwester Fidelis Weiß blicken noch heute aus einem Ölgemälde auf die Besucher des Klosters Reutberg herab. Gläubige pilgern hierher, um zu Fidelis zu beten. Mit Kugelschreibern kritzeln sie ihre Gebete und Bitten in ein Buch. An der Steinmauer der kleinen Kapelle hängen Bilder für Fidelis. Eins der Bilder leuchtet in grellem Blau, ein blutüberströmter Mann ist darauf zu sehen, er läuft, läuft weg von einem Mann, mit erhobenem Arm, mit einer scharfen Klinge in seiner rechten Hand. 13-mal rammte der Täter dem Fliehenden das Messer in den Leib. Der Angegriffene dankt Fidelis, dass er die Messerstiche überlebte, er bittet sie um Schutz.
Das Kloster Reutberg ist eines der vielen Klöster, die Besucher ins Tölzer Land locken. Im Inneren des mythenumwobenen Klosters riecht es modrig, dunkle Gemälde erzählen Heiligengeschichten. Eine Nonne hievt sich mit ihrem Rollstuhl durch die Gänge in den hintersten Winkel des Franziskanerinnenklosters. Dort hütet sie einen alten Schatz.
Antike Apotheke
Hinter den hohen Mauern verbirgt sich eine der ältesten Apotheken Deutschlands. Gläser aus längst vergangenen Zeiten stehen hier in Reih und Glied. Grüne, rote und blaue Flüssigkeiten schlummern darin. In alter Schrift sind mühevoll die Namen auf vergilbte Etiketten gemalt, Malfix, Carbunculi, Sambuci ist zu lesen. Die Apothekerschränkchen sind kunstvoll bemalt, in der Mitte der alten Apotheke trohnt ein dunkler massiver Tisch, über ihm baumeln zehn Messingwaagschalen. Vor knapp 300 Jahren haben die Nonnen angefangen, hier ihre Tränke zu brauen, um die Kranken zu heilen. Heute ist sie nicht mehr in Betrieb, die Apotheke soll erhalten bleiben und wird von den Schwestern des Klosters Reutberg bewahrt. Nur wenige Besucher wissen um den Schatz, den das Kloster birgt, nur wenige bekommen ihn jemals zu sehen. Ein Besucherverzeichnis verrät: 27 Gäste, darunter vornehmlich Apotheker, haben die alte Apotheke in den letzten acht Jahren betreten. Besser bekannt und besucht ist das Bräustüberl des Klosters Reutberg, das nach altem Rezept Klosterbier braut. Vor dem Biergarten des Bräustüberls türmen sich kantige Berggipfel auf. Sie sind gebettet in sanften Wiesen, umringt von dichten Wäldern. Eine Kulisse, die zum Wandern einlädt.
Vor Kurzem wurde der Jakobsweg im Tölzer Land wieder erschlossen. Die 125 Kilometer lange Strecke des Jakobswegs "Isar-Loisach-Leutascher Ache-Inn" schließt die Lücke zwischen dem Münchner, dem südostbayerischem und dem Tiroler Jakobsweg. Der Weg schlängelt sich entlang der Isar und der Loisach, dringt vor zu den Alpen und mündet im Tiroler Inntal. Wer auf dem Pilgerweg wandert, begegnet dem imposanten Kloster Benediktbeuern, einem der ältesten Klöster Oberbayerns. Auf dem Jakobsweg ist es still. Nur ab und zu zerreißt das Knarzen der Kieselsteine die Stille, wenn ein Mountainbiker vorbeirauscht. Dann wird es wieder still. Kuhglocken läuten. Grillen zirpen, als gäben sie ein Konzert für die einsamen Wanderer.
Wer die echte Musik des Tölzer Landes hören will, wird vielerorts fündig. Brauchtum, traditionelle Musik und Trachten sind tief verwurzelt im Isartal. Eine Blaskapelle begleitet auch den Gottesdienst, der an diesem Tag in 1.700 Meter Höhe auf dem Herzogstand am Walchensee stattfindet. Viele der Besucher tragen Lederhose, Kniestrümpfe oder Dirndl. Kaum einer hat den weiten Weg zu Fuß auf sich genommen. Eine Seilbahn bringt Besucher in vier Minuten nach oben. Von dort ist es nur noch eine kurze Strecke bis zum Martinskopf. Die Aussicht belohnt die Besucher, blau und türkis schimmert das Wasser des Kochel- und des Walchensees im Tal.
Blasinstumente werden nicht nur vielerorts im Tölzer Land gespielt, sie werden auch dort produziert, zum Beispiel in Geretsried. Hier fertigen die Handwerker der Firma Wenzel Meinl Tuben, Basstrompeten oder Flügelhörner. Das Traditionshaus feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen. Auch kleinere Musikmanufakturen gibt es in der Region, zum Beispiel in Lenggries. Hier bauen Kathi und ihr Mann Hubert Neumüller Instrumente in einer kleinen Werkstatt, in einem alten Bauernhaus. Sie baut Geigen, er Gitarren. Eine hohe Qualität ist ihnen beiden wichtig, von der industriellen Produktion halten beide nicht so viel.
Im Einklang mit der Natur
Auch Johann Strobl legt sein Augenmerk auf Qualität und auf kleine Mengen. Seit mehr als 30 Jahren ist Strobl Berufsfischer. Wenn er aufsteht, sind die Straßen noch wie leergefegt. Die Sonne versteckt sich an diesem Morgen noch hinter dem Horizont, grauer Nebel ruht auf dem Starnberger See. Strobl schlüpft in seinen olivfarbenen Overall und seine schwarzen Gummistiefel. Er watet durch das flache Uferwasser, startet sein hellblaues Motorboot und fährt zielstrebig auf eine Boje zu. Er greift in das eisige Wasser und zieht sein Netz ins Boot. Darin hängen etliche Renken, sie japsen, gurgeln, zappeln, zucken ein letztes Mal. Die Renken sind alle mindestens drei Jahre alt und haben schon einmal abgelaicht – dafür sorgt Strobl mit seinem Netz. Die Maschen sind so groß, dass jüngere Fische nicht darin hängen bleiben.
Schnell füllt sich die grüne Plastikbox mit den schuppigen Tieren, während die Sonne langsam die Wasseroberfläche mit einem Funkeln überzieht und Wälder und Häuser am Ufer in goldenes Licht taucht. Lange dauert seine Fahrt nicht, nach knapp drei Stunden macht sich Strobl wieder auf den Heimweg, etwa 200 Renken hat er heute gefangen.
Die meisten Fische wird er an Gaststätten verkaufen. Seit einigen Jahren nimmt Strobl regelmäßig Touristen mit auf den See, die den Morgengrauen auf dem Fischerboot selbst erleben wollen.
Wenn es Abend wird, wenn die Dämmerung langsam die Berge am Horizont verschluckt und die Landschaft in Schwarz hüllt, dann muss Strobl noch einmal raus, dann legt er sein Netz für den nächsten Tag aus.