Der 34. Bundesligaspieltag im Check von deutsche-handwerks-zeitung.de Erfolgreicher Turmbau an der Säbener Straße

Ein Trainer lässt die Sau raus, Tränen bei den Auferstandenen und Unabsteigbare nehmen den Lift. Bundesliga-Kolumne von Stefan Galler

Erfolgreicher Turmbau an der Säbener Straße

Meisterbetrieb: Fülliges Wiesel in Ballonseide

Zu Beginn der Saison wirkten nicht nur die Bayern-Spieler in ihrem Zusammenspiel wie die Menschen beim Turmbau zu Babel: Einer hat den anderen nicht verstanden – und das, was der Trainer ihnen zu vermitteln versuchte, versandete ebenfalls irgendwo zwischen Trainingsplatz, Kabine und Stadion. Mittlerweile funken Louis van Gaal und Team auf einer Wellenlänge, auch ganz subtile Zeichen werden von den Kickern sofort erkannt. Sowie am Samstag beim Saisonfinale in Berlin, wo sich van Gaal in der Halbzeitpause seines Maßanzugs entledigte und die ungleich weniger edle Ballonseide anlegte. Für die mit einer besonders wachen Beobachtungsgabe gesegneten Spieler das Signal zur Attacke. Jetzt wussten sie, dass der Trainer, das selbst ernannte "Feier-Biest“, absolut bereit war, die Opferrolle zu übernehmen.

Selbstverständlich war es auch um die schöne FCB-Trainingskluft schade, aber van Gaal konnte ja schlecht eine Latex-Haut überstreifen oder gar einen Matsch-Anzug, wie ihn Kindergartenkinder tragen. Das Feld war also bereitet und nach der Übergabe der Meisterschale sollte es sich für den Fußballlehrer lohnen, ein sportives Outfit angelegt zu haben: Beschwingt vom aerodynamischen Textil mit den drei Streifen, rannte er wie ein Wiesel. Er schlug auf der Flucht vor seinen bewaffneten Verfolgern trotz üppiger Körperfülle einen Haken nach dem anderen, kam nur mit leichteren Blessuren zum Stillstand und feierte diesen Teilerfolg ausgiebig. Doch dann, in einem Moment der Unaufmerksamkeit, näherte sich ausgerechnet van Gaals verlängerter Arm, Bayern-Kapitän Mark van Bommel, und überschüttete den Kopf des Meistermachers doch noch mit Weißbier aus dem überdimensionalen Humpen. Doch auch das war für das Feier-Biest noch ein Grund zum Jubeln. Es hätte ja auch der vom Holländer so geliebte Rioja sein können – und da wäre sogar der Trainingsanzug ein für alle Mal hinüber gewesen.

Gesellenstück: Norddeutsche Hierarchien

Während also Louis van Gaal das Wochenende dazu nutzte, mal so richtig die Sau rauszulassen, wurde auch anderswo gefeiert. Pokalfinalgegner Bremen etwa durfte beim 1:1 gegen Hamburg gleich mehrerlei bejubeln: Den Einzug in die Champions-League-Qualifikation, Claudio Pizarros 133. Bundesligator – mit der Hacke bugsierte er den Ball in den Torwinkel –, womit er zu Giovane Elber aufgeschlossen hat als ausländischer Profi mit den meisten Treffern. Zudem freute man sich diebisch über das totale Versagen des Nord-Rivalen HSV, die Fans hatten sogar ein Transparent mitgebracht, um dem Erzfeind zu dessen gänzlich erfolglosen Vorstandsvorsitzenden zu gratulieren: „Hoffmann bleibt J“ stand darauf geschrieben. Im Mittelpunkt der grünweißen Glückseligkeit stand Torwart Tim Wiese, der sich gleich noch eindeutig positionierte im Gigantenduell an der Küste: Auf die Frage nach der Hierarchie der Hansestädte antworte Wiese trocken: "Wir sind ja schon ewig die Nummer eins im Norden, das ist ja nichts Neues.“

Er selbst wird sich in der Rangfolge der deutschen WM-Torhüter seinen Platz erst noch sichern müssen, beklagte schon mal vorab seine fehlende Lobby im Vergleich zu den Konkurrenten Neuer und Butt, kündigte aber auch an, kämpfen zu wollen, bis ihm "das Blut aus den Ohren kommt“. Wollen wir mal hoffen, dass es so schlimm doch nicht wird und seien wir ehrlich: Bei der WM nicht im Tor zu stehen ist immer noch bei weitem weniger schlimm als fast alles, was dem HSV in dieser Saison passiert ist.

Erstes Lehrjahr: Wunderheilung kurz vor knapp

Was ist den Hannoveraner Fußballern wohl in den letzten zwei Wochen widerfahren? Noch beim 0:7 gegen Bayern hatten Beobachter den Eindruck, diese Herrschaften würden nur zufällig dem runden Leder nachlaufen – wie echte Profifußballer wirkten sie nicht. Und nun gelingen diesen den Abstieg geweihten vermeintlichen Hobbykickern zum Saisonausklang zwei Siege mit insgesamt 9:1 Toren und damit der Klassenerhalt in der Bundesliga.

Irgendwie war Arnold Brugginks Wunderheilung vor dem ersten Tor beim entscheidenden 3:0-Erfolg der Niedersachsen am Samstag in Bochum wie ein Abbild der letzten Wochen: Hannover 96 lag schon am Boden und schlug dann doch noch zu. Eben wie Bruggink, der sich gefoult wähnte, auf dem Boden blieb und sich dann mangels Reaktion des Schiedsrichters doch auf die Socken machte, um weiterzuspielen. Eine gewinnbringende Entscheidung, denn Bruggink traf Sekunden später zur Führung für die Gäste und legte damit das Fundament für den so wichtigen Sieg.

Am Ende wurden sogar der lange Zeit total indisponierte Mike Hanke und Trainer Mirko Slomka, dessen Retterqualitäten nach sechs Niederlagen am Stück zu Beginn seines Engagements nur von besonders Fachkundigen erkannt worden waren, von den rund 10 000 Schlachtenbummlern der Roten gefeiert. Einer, der ganz weit weg war, dürfte ebenfalls frohlockt haben: Der im Herbst verstorbene Robert Enke. Sein Nachfolger Florian Fromlowitz sagte unter Tränen: "Wir haben heute für einen Mann gewonnen, der ist oben im Himmel.“

Zwei linke Hände: Osterhasen im Fahrstuhl

Unabsteigbar – das sind die Bochumer schon lange nicht mehr. Gut, sie gehen immer noch nicht so oft runter in Liga zwei wie der 1. FC Nürnberg, dem dieses Schicksal in der Relegation gegen Augsburg auch dieses Jahr wieder droht. Nachdem der VfL zwischen 1971 und 1993 über 20 Jahre lang dem Fußball-Oberhaus angehört hatte, ist man allerdings mittlerweile ebenfalls Stammgast im Fahrstuhl zwischen der ersten und zweiten Ebene: Das 0:3 gegen Hannover besiegelte den sechsten Abstieg in den letzten 17 Jahren. Angesichts dieser dynamischen Auf-/Ab-Bewegungen kann man schon mal den Überblick verlieren. So wie das Interimstrainer Dariusz Wosz widerfahren ist, der seiner Mannschaft hinterher mangelnde Einstellung vorwarf und feststellte, dass das "zu meiner Zeit anders“ gewesen sei.

Dabei hat Wosz allerdings die Kleinigkeit übersehen, dass er als Aktiver selbst dreimal den Bochumer Spind in Liga eins räumen hatte müssen. Die Fans des Gewohnheitsabsteigers fanden den Auftritt ihres Teams jedenfalls nur bedingt angenehm, nach dem Spiel stürmten einige der frustrierten Anhänger den Rasen und machten ihrem Unmut Luft. Die extremen Emotionen waren vielleicht auch die Konsequenz der leeren Versprechungen einiger VfL-Profis vor dem Spiel: "Wir sind keine Osterhasen“, hatten die Balltreter gesagt. Die allzu kritischen Fans haben vermutlich übersehen, dass diese Aussage sogar stimmte: Gegner Hannover musste Punkte und Klassenerhalt nämlich gar nicht erst suchen, sondern durfte beides einfach so mit nach Hause nehmen.