"Eine Behinderung ist kein Hinterungsgrund", auch nicht im Handwerk. Das ist die Überzeugung von Alfred Kiess, Senior-Chef von Kiess Innenausbau aus Stuttgart. Er beschäftigt vier Schwerbehinderte in seinem Betrieb. Einer davon ist der gerhörlose Schreiner Mahmound Chebbi - auch ohne Worte versteht er sich mit den Kollegen. Bei der Ausstattung seines Arbeitsplatzes erhielt Kiess Innenausbau finanzielle Unterstützung vom Integrationsamt.
Julia Förder
Ungefähr einen halben Meter hält Mahmound Chebbi seine Hand über den Boden, er lacht und hat dabei Grübchen im Gesicht. In Gebärdensprache und mit vielen Gesten erklärt der 33-Jährige, dass er schon als kleines Kind Schreiner werden wollte. Chebbi ist seit seiner Geburt gehörlos. Sein Arbeitgeber, die Firma Kiess Innenausbau aus Stuttgart, ist nun vom Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) als "beispielhafter behindertenfreundlicher Arbeitgeber" geehrt worden.
Seit drei Jahren arbeitet Chebbi bei Kiess Innenausbau und bedient eine komplexe Maschine für Oberflächenbearbeitung. Er ist einer von vier schwerbehinderten Mitarbeitern, die die Firma beschäftigt. Mit Andrei Hergert ist ein weiterer Maschinenführer in der Fertigung gehörlos. Eine Bürokraft hat nach einer Organtransplantion hier wieder ins Berufsleben zurückgefunden. Und ein Schreiner ist nach einem Bandscheibenvorfall nur noch eingeschränkt belastbar.
25 Prozent der Investitionskosten übernimmt das Integrationsamt
Für sie machen sich Seniorchef Alfred Kiess (70) und die Geschäftsführer Tilo Kiess (45) und Wolfgang Roßkopf (43) stark. Seit mehr als 90 Jahren beschäftigt sich die Firma Kiess mit Schreinerarbeiten. Zu ihren Leistungen gehören heute der Innenausbau mit lackierten Oberflächen, Display- und Messebau sowie der Ausbau von Aufzügen. Rund 50 Mitarbeiter arbeiten im Büro und in der Fertigung in Stuttgart-Fasanenhof.
Die beiden Arbeitsplätze für die gehörlosen Mitarbeiter wurden mit Unterstützung des zuständigen Integrationsamts, das beim KVJS angesiedelt ist, neu geschaffen. Das Amt übernahm ein Viertel der notwendigen rund 200.000 Euro Investitionskosten für neue, moderne Maschinen, die auch von einem Gehörlosen problemlos bedient werden können.
Es sei wichtig, die Leute am richtigen Platz einzusetzen, betont Tilo Kiess. Dann könnten sie auch zu 100 Prozent Leistung bringen und seien zu 100 Prozent als Kollegen anerkannt.
Apropos Kollegen: Der Geschäftsführer ist auch ein bisschen stolz auf seine Mitarbeiter: "Alle haben sich unglaublich auf die Gehörlosen eingestellt. Die Behinderung wird akzeptiert und im Endeffekt so behandelt, als wenn sie nicht vorhanden wäre." In der Praxis werden Nachteile durch die Behinderung auch von den Kollegen aufgefangen. Wenn ein Vorgang passiert, von dem Chebbi nichts mitbekommt, dann deckt sein hörender Kollege das mit ab.
Gute Mitarbeiter gesucht
Dabei hat Kiess Innenausbau gar nicht gezielt nach schwerbehinderten Mitarbeitern gesucht. Alfred Kiess erklärt: "Wir sind nicht auf die Suche nach Behinderten gegangen, wir sind auf die Suche nach guten Mitarbeitern gegangen." Ein ehemaliger Beschäftigter engagiert sich bei einem Berufsbildungswerk für hör- und sprachbehinderte Jugendliche. "Die Leute werden dort wirklich zu sehr guten Schreinern ausgebildet, durch unsere guten Kontakte werden uns einfach die Besten vermittelt."
Ihre Leistungsfähigkeit demonstrierten Chebbi und Hergert zuerst bei einem Praktikum, eingestellt wurden sie dann aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit nicht aufgrund ihrer Behinderung. Dass Kiess Innenausbau mit vier Schwerbehinderten sogar die gesetzliche Quote übererfüllt, ist also eher Zufall. Auch im Handwerk ist "eine Behinderung kein Hinderungsgrund", wie Alfred Kiess erklärt.
Hohe Motivation
Was können behinderte und nicht behinderte Mitarbeiter sonst noch voneinander lernen? "Natürlich Toleranz, ohne das geht’s nicht. Aber auch Motivation. Es ist unglaublich, dass der, der ein Handicap hat, das oft durch ein höheres Maß an Motivation zurückgibt."
Zu Betriebsversammlungen oder Schulungen schickt das Integrationsamt einen Gebärden-Dolmetscher – was bei Kiess Innenausbau aber meist gar nicht nötig ist. Einige Kollegen haben Kurse in Gebärdensprache besucht, andere haben sich Teile davon selbst beigebracht. Geschäftsführer Roßkopf: "Es geht ganz gut, wenn man den Gehörlosen beim deutlichen Sprechen ins Gesicht schaut, dann funktioniert das Lippenablesen sehr gut." Im Zweifelsfall ist auch schnell ein Zettel zur Hand und das Gewünschte wird aufgeschrieben.
Wirtschaftlicher Erfolg auch durch behinderte Mitarbeiter
Der Senior hofft, dass durch das eigene Beispiel andere Betriebe motiviert werden, ebenfalls behinderte Menschen einzustellen. Die dürften auch gerne mal vorbeischauen und sich informieren. "Wir wollen nicht nur sozial sein, sondern auch Erfolg mit dieser Firma haben. Und der wird nicht geschmälert dadurch, dass wir Behinderte einstellen, sondern eher verbessert."
Und deswegen heimsen sie auch nicht nur Sozialpreise ein: Im Herbst 2011 erhielten sie den Preis der deutschen Außenwirtschaft für ihren wirtschaftlichen Erfolg.