Buchbindermeister Peter Schmidkonz tüftelt an neuen Maschinen zur Herstellung von Büchern, investiert in neue Märkte und sichert damit den Erhalt seines Handwerks.
Stefanie Manger
Erfinder aus Liebe zum Buch
Hinter der Kaffeeküche, wo eine Tür meist nur noch in die Vorratskammer führt, da liegt bei der Buchbinderei Schmidkonz GmbH in Nittenau bei Regensburg die Keimzelle für den Erfolg des Unternehmens. Hier in seiner Erfinderwerkstatt ist Peter Schmidkonz eher Maschinenbauer als Buchbinder. Der Blick fällt auf einen Holzapparat, und man wähnt sich in einer Tischlerwerkstatt. Doch der Apparat ist nur ein Modell einer neuen Maschine zur Beschleunigung der Buchherstellung. Eins zu eins setzen Schmidkonz’ Techniker, Maschinen- und Werkzeugbauer die Holzmodelle um. Auf die Frage, ob er für die Konstruktionen einen Ingenieur beschäftige, antwortet der 65-Jährige: „Ich bin der Ingenieur.“
Zur Konstrukteurstätigkeit bleibt ihm fast keine Alternative. „Eine Buchbinderei, die es in zehn Jahren noch geben soll, muss nicht nur gut, sondern auch schnell sein“, sagt Peter Schmidkonz. So wurde aus der Not eine Tugend. Mit ausgeklügelten Produktionsprozessen und Maschinen Marke Eigenbau hat sich Schmidkonz auf dem Markt der Einzelbuchfertigung etabliert. „In der Abteilung Bibliotheksfertigung stammen alle Maschinen und die Software aus meiner Entwicklungsabteilung“, berichtet er. Auf einem Tablett mit einer Sensormaus werden beispielsweise Dicke, Breite und Höhe der Buchseiten vermessen, die Daten werden in die Netzwerkdatenbank eingelesen. Die Software läuft allerdings noch unter Windows 3.1. –„eine Lachnummer in der Branche“, sagt der Tüftler freimütig und fügt hinzu: „aber wer zuletzt lacht, lacht am besten.“
Die Produktionsstraße läuft seit 18 Jahren, in die Entwicklung der Maschinen für die Bibliotheksfertigung hat er 2,5 Millionen Euro investiert. Für den Bau zweier Deckenfertigungsautomaten hat er 800.000 Euro ausgegeben. Eine der Maschinen hat er in die Schweiz verkauft. Mit etwa 1,2 Millionen Euro ist die Entwicklungsarbeit durch Gelder eines bayerischen Innovationsförderprojektes unterstützt worden. Dies war Ende der 80er Jahre – seinerzeit hatte der Unternehmer rund 20 Mitarbeiter in seiner Entwicklungsabteilung beschäftigt, inzwischen sind es fünf. Noch heute staunt er über so viel Zuschüsse.
Schmidkonz’ Erfindergeist gründet nicht in Technikverliebtheit, sondern ist vom existenziellen Geschäftssinn getrieben. „Erfinden kann jeder lernen“, sagt er, „mein Sohn, der in meine Fußstapfen tritt, muss es ebenfalls.“ Robert Schmidkonz und die 26-jährige Tochter Maria werden 2010 den Vater ablösen. Für viele seiner Unternehmerkollegen gestaltet sich die Nachfolge dagegen schwierig. „Wegen der problematischen Situation der Buchbinderbranche möchte vielfach die nächste Generation den Betrieb nicht mehr weiterführen“, weiß der Seniorchef. Er schätzt, dass von den derzeit rund 260 Betrieben in Deutschland in zehn Jahren noch etwa 100 existieren werden. Die Buchbinderei Schmidkonz mit derzeit 120 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von fast zehn Millionen Euro hat sehr gute Aussichten, sich zu behaupten. Der Betrieb expandiert, im vergangenen Jahr wurde ein Neubau mit einer zusätzlichen Fläche von über 2.000 m2 in Betrieb genommen, im Jahr 2005 eine Digitaldruckerei eingerichtet.
Die Expansion auf den Weg gebracht hat der Geschäftszweig Fotobuch. Tauffotobücher, Firm-, Hochzeits- oder Reisefotobücher fallen beim Firmenrundgang in jeder Abteilung ins Auge. „Bis 2003 hat das Fotobuch für uns überhaupt keine Rolle gespielt“, erzählt Schmidkonz. Seinerzeit hat sich ein Kunde an den Buchbindermeister gewandt. Er war auf der Suche nach einem besseren Bindeverfahren für Fotobücher. „Gefragt war eine andere Klebung, weil sich bis dahin immer die Seiten herausgetrennt hatten“, erläutert Schmidkonz. Die Lösung für eine stabilere Klebeart heißt Doppelschlitzperforation. Die Maschine für dieses Prozedere hat der Erfinder entwickelt und in seiner Entwicklungsabteilung sechs Stück davon bauen lassen.
Im ersten Jahr mit dem neuen Produkt, 2003, produzierte Schmidkonz rund 12.000 Fotobücher, 2007 waren es schon 500.000 Exemplare. „Heute gehen alle Bestellungen auf der Internetseite www.fotobuch.de bei uns ein“, berichtet der Unternehmer. Er erinnert sich: „Anfangs wurde das Fotobuch in einem Format mit vier verschiedenen Rückenbreiten angeboten, aktuell sind es 276 unterschiedliche Varianten, künftig soll sich das Angebot in
jedem Quartal verdoppeln.“ Schlussendlich wird das Fotobuch formatfrei angeboten – der Begriff dafür ist „book on demand“. Dieser bezieht sich jedoch nicht allein auf die Bestellung von Fotobüchern, sondern meint prinzipiell die professionelle Herstellung eines Buches in gewünschter und somit oft sehr kleiner Auflage. Derzeit kommt Schmidkonz im Jahresschnitt auf eine Auflagenstärke von 1,6 Büchern.
Mit der Produktion des Fotobuches und seit Ausbau der Digitaldruckerei mit sechs digitalen Bogendruckmaschinen und einer Rollenmaschine wird der Umsatz zu gleichen Teilen mit Drucken und Binden erwirtschaftet. „Die Prozesse des Druckens und Buchbindens gehen ineinander über“, stellt Schmidkonz fest. „In Konsequenz müsste sich die Ausbildung des Druckers und Buchbinders zum Buchhersteller wandeln“, meint er. Vom Aussterben seines Gewerkes will er daher nichts wissen,
„der klassische Buchbinder wird sich auf Restmärkte wie Museen und wissenschaftliche Institutionen konzentrieren“. Seinen drei Auszubildenden im Digitaldruck – einen Lehrling bildet er noch im Buchbinderhandwerk aus – vermittelt Schmidkonz deswegen immer auch die handwerklichen Kenntnisse seines eigenen Lehrberufs. „Diese Weiterbildung sollte jedoch sowohl von Seiten des Unternehmens als auch von Seiten der Azubis nicht freiwillig sein“, fordert Schmidkonz.
Neben dem modernen Digitaldruck gibt es die Abteilung Sonderfertigung. Dort trotzt das Traditionshandwerk der modernen Entwicklung. Hier lassen etwa 5.000 Kunden rund um den Globus Einzelbücher fertigen. „Ein elitärer Kreis“, meint Schmidkonz. Zu diesem Kundenkreis zählt etwa Papst
Benedikt XVI. oder die Kinderbuchautorin, die ihr Werk in einer kleinen Auflage in Auftrag gibt.
In dieser Abteilung trifft die Historie des Buchs auf die Moderne. Hier liegt neben dem Produkt Fotobuch beispielsweise Buchkunst aus dem Jahr 1616. Die Universität Passau lässt einen Band restaurieren. Der Buchdeckel fehlt und offensichtlich hat nicht nur ein Leser über die erste Seite seinen Kaffee tröpfeln lassen. Maria Schmidkonz schätzt die Kosten für die Restaurierung auf 400 Euro. Am Boden steht eine Kiste voll mit Resten alter Buchdeckel. Was der Laie leichtfertig als Müll identifiziert, sind für die Buchbinderin dagegen wertvolle Materialien. „Möglicherweise brauche ich nur einen zentimetergroßen Streifen von so einem 300 Jahre alten Buchdeckel. Für die Restaurierung hat der Schnipsel unschätzbaren Wert.“
Für die betriebswirtschaftlichen Zahlen des Unternehmens ist die Abteilung Sonderfertigung dagegen nur ein Nebenschauplatz; sie erwirtschaftet nur noch zehn Prozent des Gesamtumsatzes. Für Schmidkonz ist diese Abteilung jedoch die Wiege seiner Liebe zum Buch und der Ansporn für das Erfinden immer wirtschaftlicherer Maschinen, die den Fortbestand seiner Buchbinderei und damit seines Handwerks sichern.