Fakten allein genügen nicht: Bei Entscheidungen lohnt es sich auch Emotionen einzubeziehen. Doch für viele Unternehmer ist das ungewohnt. Wie Sie ihr Bauchgefühl verstehen und trainieren.
Sandra Rauch

Den Entschluss sich mit der Reinigung von Solaranlagen selbständig zu machen, hat Sylvia Höhentinger, Unternehmerin aus dem oberbayerischen Bad Feilnbach, nie bereut. Obwohl die Geschäftsidee vor allem aus einem Gefühl bestand: „Man musste ja nur mit offenen Augen durch die Gegend fahren", erinnert sich Höhentinger. "Es sind immer mehr Anlagen entstanden und es war klar, dass die Glasflächen irgendwann gereinigt werden müssen."
Von Gefühlen leiten lassen
Als reine Bauchentscheidung entstand die Idee einen entsprechenden Service anzubieten. Die Umsetzung übernahm jedoch der Kopf: Höhentinger kaufte alle Geräte so, dass sie zum Reinigen jeglicher Glasflächen geeignet waren. Im Fall des Scheiterns hätte ihre Mutter, die eine Unterhaltsreinigung betreibt, diese übernehmen können. "Ich habe schon vorgesorgt", sagt Höhentinger. "Obwohl ich vom Bauch fest überzeugt war, dass das funktioniert."
Dass Intuition oder Bauchgefühl Entscheidungen beeinflussen, ist jedem Menschen aus dem Alltag vertraut: Wer neue Schuhe kauft, muss über die Farbe oft nicht lang nachdenken. Selbst der Name für ein Kind erscheint vielen wie von selbst. Bei geschäftlichen Entscheidungen lassen sich jedoch nur wenige von Gefühlen leiten.
"In vielen Betrieben herrscht die Kultur, dass Entscheidungen begründbar sein müssen", sagt Andreas Zeuch, Berater und Trainer für Entscheidungskompetenz. "In diesem Umfeld sichern Excel-Tabellen besser gegen mögliche Fehler ab als Bauchgefühle." Dieses Vertrauen auf rationale Begründungen mindere aber häufig die Qualität der Entscheidungen. "Intuition ist ein wichtiger Mechanismus der Entscheidungsfindung", erklärt Zeuch. "Die besten Ergebnisse erzielt, wer emotionale und rationale Aspekte einbezieht."
Auch Mitarbeiter sollten Bauchgefühle äußern
In der Praxis bedeutet das: Wer seine Entscheidungen verbessern möchte, sollte intuitive Begründungen für Entschlüsse zulassen und Mitarbeitern ermuntern Bauchgefühle zu äußern – als Grundlage für einen gemeinsamen Entscheidungsprozess. "Das ist am Anfang ungewohnt und sollte erst bei kleineren Entscheidungen ausprobiert werden", sagt Andreas Zeuch. Mit regelmäßiger Übung werde man aber immer sicherer.
Bauchgefühl verstehen und trainieren
- Der Begriff: Unter Bauchgefühl oder Intuition versteht man zum einen unbewusst getroffene Urteile, die sich häufig in Form körperlicher Reaktionen äußern, etwa einem Kribbeln im Bauch, Wärmegefühl, Muskelanspannung, Austritt von Schweiß. Dazu kommen unbewusste, oft reflexähnliche Handlungsimpulse, wie das Treten des Bremspedals, oder Gedanken, die scheinbar „urplötzlich“ in den Kopf schießen.
- Warum es das Bauchgefühl gibt: Wissenschaftler begründen dieses Phänomen unter anderem mit dem Aufbau des menschlichen Nervensystems. Jeder Mensch ist neurologisch so konstruiert, dass seine Entscheidungen sowohl rational als auch emotional beeinflusst werden. Emotionale Entscheidungen speisen sich dabei zum Beispiel aus dem so genannten Erfahrungsgedächtnis, das Erfahrungen und unbewusste Wahrnehmungen speichert und in wichtigen Situationen innerhalb kürzester Zeit durch Körperreaktionen ausdrückt.
- Wann Emotionen beim Entscheiden helfen: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass Entscheidungen aus rein rationalen Argumenten schlechter sind als jene, die mit Kopf und Bauch getroffen wurden: Wer allein rational entscheidet, übergeht natürliche Mechanismen der menschlichen Entscheidungsfindung, die vorsieht, dass Informationen bewusst und unbewusst verarbeitet werden. In Unternehmen hilft Intuition vor allem bei Entscheidungen unter Unsicherheit, etwa durch zu wenig, zu viele, widersprüchliche oder unverständliche Informationen: zum Beispiel beim Einstellen von Mitarbeitern, Investitionen und vielen weiteren Situationen. Hier rationale Argumente und Intuition zu verbinden, hilft in angemessener Zeit zu einem Ergebnis zu kommen.
- Wie man Intuition trainieren kann: Vielen Entscheidern fehlt im beruflichen Kontext die Wahrnehmung für Emotionen. Diese lässt sich trainieren, indem man in bestimmten Situationen versucht in den Körper hinein zu hören: Wie fühlt es sich etwa an, wenn eine E-Mail von einem bestimmten Absender kommt oder ein Auftrag bestätigt wird? Verkrampft der Nacken in unangenehmen Situationen oder durchströmt Wärme den Körper in erfolgreichen Momenten? Bewusstes Wahrnehmen dieser Empfindungen hilft in Entscheidungssituationen auftretende Bauchgefühle richtig zu deuten.