Energieintensive Handwerksbranchen Belastend hohe Energiepreise: So stark trifft es Handwerksbetriebe

Getreidemühlen zu betreiben, lohnt sich immer weniger. Bäcker fordern EEG-Befreiungen und Steuerreformen. Das Metallhandwerk spricht von einem Kalkulationsrisiko. Die gestiegenen Energiepreise belasten einige Handwerksbranchen besonders stark. Das fordern sie von der Politik.

Hohe Energiepreise belasten Bäckereien
Bäckereien verbrauchen viel Strom. Die hohen Energiepreise treffen sie besonders stark. - © JuanCarlos - stock.adobe.com

Strom, Gas und Öl sind so teuer wie lange nicht. Noch ist nicht abzusehen, wie stark die Energiepreise künftig steigen und ob sie je wieder sinken. Selbst die Prognosen der Energieanbieter sind düster. So sagte der Vorstandschef des Energiekonzerns RWE, Markus Krebber, erst kürzlich, dass Strom und Gas in den nächsten Jahren noch teurer werden dürften. Zwar wollte er zur Höhe des Anstiegs keine Prognosen abgeben. Fest steht jedoch, dass die aktuellen Preise die Endkunden belasten – ob Verbraucher oder auch die Wirtschaft. Außerdem ist klar, dass sich die Art der Energieproduktion genauso ändern muss wie der Verbrauch. Die Klimaziele und der Atomausstieg spielen dabei genauso eine Rolle wie der Ausstieg aus der Kohleverstromung und der Ausbau der erneuerbaren Energien.

Die neue Bundesregierung muss und wird die Energiepolitik umkrempeln. Angesichts der derzeitigen Rekordhöhen bei den Energiepreisen hat die EU-Kommission unter anderem vorgeschlagen, dass die Länder direkte Zahlungen, Steuererleichterungen und Subventionen für kleine Unternehmen einplanen sollten. Vorschläge für Neuerungen in der Energiepolitik haben auch Vertreter aus den Handwerksbranchen, die besonders viel Energie verbrauchen. Aber was sollte die Politik jetzt tun? Und wie gehen Handwerksbetriebe mit der aktuellen Belastung durch steigende Energiepreisen um? Wir haben bei den Müllern und Bäckern und beim Metallhandwerk nachgefragt.

Müller können Energiekosten nur schwer an Kunden weitergeben

Die Herstellung von Mehl und Mahlererzeugnissen schluckt viel Energie. Zwar betreiben viele Mühlen eigene Wasserkraftwerke, aber auch für diesen selbst erzeugten Strom müssen sie hohe Abgaben bezahlen. Auch das Dämpfen und Trocknen von Haferflocken, Cerealien und Teigwaren bei den Schälmühlen oder den Teigwarenhersteller ist energieintensiv. Die dafür notwendige Prozesswärme wird meist aus Erdgas gewonnen. Seit Jahresbeginn müssen die Unternehmen darauf – und natürlich auch auf die Kosten für Diesel der Transportfahrzeuge – CO2-Steuer bezahlen. Die aktuell immer stärkeren Energiepreise belastet die Branche nach Angaben des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) daher so stark, dass Jochen Brüggen, Mitglied im VGMS-Vorstand, von drohenden "gravierenden Folgen" spricht.

"Wir stehen mit unseren Produkten im internationalen Wettbewerb. Daher können wir die zusätzlichen Kosten nicht auf unsere Produktkosten abwälzen", erklärt Brüggen. Die Gefahr der Verlagerung ins kostengünstige Ausland wachse. Denn Unternehmen in Deutschland müssten nach wie vor mit den höchsten Energiekosten in Europa wirtschaften – auch wenn die derzeitigen Kostensteigerungen die gesamte EU betreffen.

Hohe Energiepreise: Handwerksbetriebe zweifeln an Wirtschaftlichkeit

VGMS-Geschäftsführer Peter Haarbeck ergänzt, dass die gestiegenen Strom- und Gaspreise in einer stromintensiven und margenschwachen Branche, wie der Müllerei, dazu führen, dass die Herstellung von Mehl und Mahlererzeugnissen hierzulande wirtschaftlich immer unattraktiver werde. Dazu kommen steigende Rohstoffkosten aufgrund der schlechten Ernten 2021.

Beide Branchenvertreter fordern die Politik zum Handeln auf. Brüggen warnt vor der Einführung eines nationalen Emissionshandelssystems, die im Gespräch ist. Denn damit kämen weitere Kostensteigerungen hinzu. Außerdem fordert er, dass auch energieintensive Unternehmen, die Grundnahrungsmittel wie Teigwaren, Cerealien oder Haferflocken herstellen, im Rahmen des Brennstoff-Emissionshandels in der Liste der beihilfeberechtigten Sektoren berücksichtigt werden sollten. Dadurch müssten sie weniger Abgaben bezahlen.

Obwohl der VGMS die bestehenden Klimaziele unterstützt, sieht der Verband die Vorgaben, die die EU-Kommission derzeit für Beihilfen im Bereich Umwelt, Energie und Klima plant, kritisch. Peter Haarbeck befürchtet, dass es diese der deutschen Politik schwer machen werden, Beihilfen für besonders energieintensive Branchen zu gewähren. "Sollten diese Vorgaben unverändert umgesetzt werden, würden die Kosten für Industriestrom für die bisher als energieintensiv eingestuften Betriebe der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft um 6,5 Cent/kWh oder 35 Prozent steigen". In diesem Fall müsse die deutsche Politik reagieren und die EEG-Umlage vollständig abschaffen, fordert der VGMS.

Bäcker: "Ausbau der Erneuerbaren Energien über den Bundeshaushalt finanzieren"

Auch der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks sieht seine Betriebe besonders hart getroffen von aktuellen und voraussichtlich zukünftigen weiteren Steigerungen der Energiepreise. Schon seit Jahren wehrt sich der Verband etwa gegen die EEG-Umlage und die damit verbundene ungerechte Wettbewerbsverzerrung. Denn während einige große Backkonzerne teilweise befreit sind, müssen Handwerksbäcker die EEG-Umlage voll zahlen. So geht Friedemann Berg, der Geschäftsführer des Zentralverbands, davon aus, dass die Energiekosten in nächster Zeit weiter steigen. Er berichtet von einer Studie im Auftrag der bayerischen Wirtschaft, die einen Anstieg der Stromgroßhandelspreise um rund 50 Prozent bis 2030 prognostiziert.

"Wenn nicht gegengesteuert wird, könnte die Energiewende in dieser Form die finanzielle Tragkraft der mittelständischen Unternehmen und auch der Privathaushalte überfordern und den Wirtschaftsstandort Deutschland massiv gefährden", warnt Berg und betont gleichzeitig, dass die Bäckerbranche grundsätzlich hinter den Klimaschutzzielen stehe. Doch der Klimaschutz dürfe für die Betriebe nicht zu Energie-, Investitions- oder Bürokratiekosten führen, die sie nicht mehr stemmen können.

Energiepreise für kleine Handwerksbetriebe: Wettbewerbsverzerrung beenden

Um negative Folgen für Bäckereien zu verhindern, ist es auch Sicht des Bäckerverbands notwendig, das System der staatlich geregelten Energiepreis-Bestandteile grundlegend und rasch zu reformieren. Friedemann Berg hat dabei hat dabei vor allem die EEG-Umlage im Blick. Um Betriebe- zu entlasten, muss der Ausbau der erneuerbaren Energien aus Sicht des Bäckerverbands aus dem Bundeshaushalt finanziert werden. Die Finanzierung könnte stufenweise darauf umgestellt werden.

"Gestartet werden müsste mit der Übernahme der besonderen Ausgleichsregelung im EEG durch den Bundeshaushalt", sagt Berg. Das würde endlich der Verzerrung des Wettbewerbs ein Ende setzen. "Darüber hinaus muss die Stromsteuer für Handwerksbetriebe auf den europaweit vorgeschriebenen Mindestsatz reduziert werden."

Metallhandwerk zeigt hohe Bereitschaft in energiesparende Maßnahmen zu investieren

Die stark steigenden Strom- und Gaspreise verunsichern auch die Betriebe im energieintensiven Metallhandwerk. "Sie entwickeln sich zu einem Kalkulationsrisiko", sagt Markus Jäger, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Metall. Um die Belastungen für die Metallbetriebe im Zaum zu halten, sei die Politik gefordert, die Betriebe jetzt bei der Umstellung auf energiesparende Maßnahmen mit geeigneten Fördermaßnahmen zu unterstützen. "Die Bereitschaft im Metallhandwerk dazu ist sehr hoch", sagt Jäger.

Gleichzeitig ist es aus Sicht des Metallhandwerks erforderlich, dass die deutsche Politik im EU-Kontext auf internationale Vereinbarungen einwirkt. Ziel müsse es sein, die Versorgungssicherheit langfristig und bei stabilen Preisen zu sichern. Markus Jäger schätzt dies als so bedeutend für Handwerksbetriebe ein, da sie nicht über die Möglichkeiten verfügen wie die Großindustrie, eigene großvolumige Verträge abzuschließen.

Gründe für den Energiepreisanstieg

Die Corona-Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen bzw. zeigte sich jetzt der weltweite Energiehunger, da die globale Wirtschaft ihre Produktion wieder hochfährt und vieles nachzuholen hat. So decken sich nun auch große Volkswirtschaften mit Kohle Gas und Erdöl ein und füllen ihre Speicher. Wenn die Nachfrage steigt, steigen allerdings auch die Preise. Dazu kommt, dass die Ölförderländer noch nicht wieder so viel Öl produzieren wie vor der Corona-Krise. 2020 hatten sie die Fördermengen heruntergefahren und bislang noch nicht wieder auf Vorkrisenniveau angehoben. Das Angebot ist also knapper.

Dass Speicher leer sind, liegt in Deutschland auch an einem kalten Winter im vergangenen Jahr und Anfang dieses Jahres. Außerdem waren Sonne und Wind schwächer, so dass Gaskraftwerke vermehrt einspringen mussten, um den Strombedarf zu decken. Aufgefüllt wurden die Speicher bislang nicht, da aus anderen Ländern im Zuge der Pandemie weniger Flüssiggas nach Europa geliefert werden konnte. Das gilt insbesondere für Russland, dem größten Gaslieferant. Wegen der hohen Nachfrage aus Asien und in Russland selbst kommt weniger in Europa an.

Auf ganz Europa wirkte sich im Sommer auch aus, dass am Pipeline-Netz gearbeitet wurde – sowohl in Norwegen als auch in Großbritannien. Die Instandhaltungsarbeiten an der Gas-Infrastruktur haben dazu geführt, dass nicht so viel Gas fließen konnte wie normalerweise. Und nicht zuletzt haben auch steigende Kosten für CO2-Zertifikate Einfluss auf die Energiepreise.