TV-Kritik: MDR – "Fakt ist!" zu Energiepreisen Energiepreis-Talk: Bedrückende Stimmung und klare Worte

Teuer, teurer, Deutschland. Die Menschen im Land fragen sich, wie sie die kommenden Monate und womöglich Jahre finanziell überstehen sollen. Auch das Handwerk ist von diesen Nöten betroffen, wie in der Talkshow "Fakt ist!" des MDR einmal mehr deutlich wurde – aber wie es in dieser Klarheit bislang selten im deutschen Fernsehen zu sehen war.

Die Preise für Energie und Lebenshaltung steigen, die Sorgen nehmen zu. In einem MDR-Talk stellten unter anderem zwei Handwerksmeister ihre Sicht der Dinge dar. - © Sven Taubert - stock.adobe.com

"Angst vor Armut – wie schultern wir den teuren Herbst?" – die Frage, um die die Sendung kreiste, war an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Auch die Aussagen, die im Laufe der Talkshow getroffen wurden, zeugten von der Größe der Probleme, die im Herbst und Winter angesichts der hohen Energiepreise vor der Tür stehen. "Der Winter wird sehr, sehr hart und extrem teuer", leitete der Grünen-Bundestagsabgeordnete Andreas Audretsch, ohne große Umschweife sein Statement ein. Er selbst habe es privat mit einer Vervierfachung des Gaspreises zu tun.

Mehrere Menschen aus dem Publikum – Rentner oder Empfänger von Grundsicherung – schilderten ihre Probleme mit den steigenden Preisen. Die anwesenden Politiker und der Wirtschaftsjournalist Hermann-Josef Tenhagen betonten die Wichtigkeit von staatlichen Hilfspaketen und diskutierten deren Ausgestaltung, etwa was die missglückte Gasumlage von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck angeht. Da folgte die Sendung der aktuellen Debatte, es ging um die Notwendigkeit schneller, unbürokratischer Hilfe im Kontrast zu möglichst ausgeglichenen, aber komplizierten Lösungen.

Bäckermeister: "Handwerk ist nie beachtet worden"

Interessanter für das Handwerk wurde es, als der anwesende Bäckermeister Helge Sommerwerk aus dem sachsen-anhaltinischen Mücheln gefragt wurde, wie sich die Preissteigerungen denn konkret auf seinen Betrieb auswirken würden. Rohstoffpreise seien um "50, 60, 70 Prozent gestiegen", auch die Energiepreise – vor allem Gas – befänden sich auf dem Weg nach oben. 3.500 bis 4.000 Euro an Mehrkosten in diesem Jahr befürchtet der Bäckermeister. Und jetzt komme auch noch die Gasumlage, "die sich mir nicht erklärt". Konzerne wie Uniper würden gestützt, die ehemals Gewinne ohne Ende gemacht hätten und "Steiger an der Börse" gewesen seien. Sommerwerk empfindet es als seltsam, dass diese Unternehmen nun gestützt würden und die Bevölkerung dafür geradestehen müsse. Sein ernüchterndes Fazit: "Das Handwerk ist nie von der Politik beachtet worden. Wenn gefördert wurde, dann die Industrie."

Grünen-Politiker nicht so recht überzeugend

Das saß – und war vor allem auch in Richtung des Grünen Audretsch und der Linken-Bundestagsabgeordneten Petra Sitte gerichtet. Audretsch antwortete anhand der Argumentationslinie, der er durch die gesamte Sendung hinweg treu blieb. Die Grünen würden in der Ampel-Koalition auf Entlastungen und Gerechtigkeit dringen, also Änderungen bei der Gasumlage und die Einführung einer Übergewinnsteuer. Eine Koalition sei aber immer auch ein Zusammenschluss unterschiedlicher Parteien. So recht überzeugend war das über weite Strecken nicht, wenn wohl auch realistisch. Sitte ihrerseits brachte stets direkte Zahlungen an die Bürger in die Diskussion ein, vor allem für Geringverdiener, Studierende oder Rentner. So ging es hin und her, zunächst ohne konkrete Ergebnisse.

Kreishandwerksmeister: "Nie dagewesene Notlage"

Und dann war da noch Karl Krökel. Der Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Dessau-Roßlau kam zu Wort, als es darum ging, wie sich die Sanktionen gegen Russland auf die Preise und damit die deutsche Wirtschaft auswirken. Am Wochenende hatte die Kreishandwerkerschaft zu einer Demonstration in Dessau gegen die Sanktionen aufgerufen, an der etwa 2.000 Menschen teilgenommen hatten. Das sei ein "weiterer Schritt" gewesen, "weil wir uns das nicht mehr bieten lassen können", sagte Krökel sichtlich aufgeregt.

Schon im Juni hatte er zusammen mit Kollegen in einem Obermeisterbrief an die Vollversammlung der Handwerkskammer Halle/Saale seinem Ärger über die Russland-Sanktionen und deren Auswirkungen auf das regionale Handwerk Luft gemacht. Kürzlich hatte sich der Bundesverband der Kreishandwerkerschaften im Zuge der Debatte jedoch klar hinter die Sanktionen gestellt, und auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks bezog Stellung pro Sanktionen.

Nun sprach Krökel erneut von "Friedenspolitik statt Krieg" und betonte mit Blick auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges und die Aussagen der Politik: "Jetzt merken wir, was sie uns eingebrockt haben, und die Probleme laufen uns aus dem Ruder." Verantwortungslose Politik treibe "uns in eine nie dagewesene Notlage, wo wir Massenarbeitslosigkeit befürchten", so der Kreishandwerksmeister. Mit Blick auf die Gasumlage fragte Krökel vor allem in Richtung des Grünen Audretsch: "Wollen Sie massenhaft Gas abstellen?"

Grünen-Politiker: Zugeständnisse führen nur zu weiteren Forderungen Putins

Audretsch antwortete, dass etwa die Idee, man müsse nur die Pipeline Nord Stream 2 öffnen und alles werde gut, nicht realistisch sei. "Es geht um Machtpolitik", sagte Audretsch und skizzierte, wie aus einem solchen Zugeständnis nur noch weitere Forderungen Putins etwa nach dem Ende aller Sanktionen oder danach, die Ukraine "komplett in die Hände Russlands zu geben", folgen würden. Wirtschaftsjournalist Tenhagen indes betonte, der Verursacher der Probleme sei ganz klar Putin. "Warum sollte man mit Putin irgendetwas verhandeln?", fragte er mit Blick auf die aktuelle Situation in der Ukraine und den Angriffskrieg Russlands. Gerade die Osteuropäer hätten Angst, dass bei ihnen womöglich bald russische Soldaten stünden.

"Es ist Wahnsinn, was hier läuft", entgegnete Krökel zu Beginn einer langen Antwort. Über die Verantwortung westeuropäischer Staaten im Vorfeld des Krieges werde nicht geredet, sagte er. "Der Krieg ist völkerrechtswidrig, das sehen wir auch so", sagte er. "Aber der Krieg hat Ursachen und er hätte bis zum letzten Tag verhindert werden können", sagte er. Bäckermeister Sommerwerk sprang Krökel zur Seite, indem er Tenhagen fragte, wie er sich den Ausgang des Krieges vorstelle und dass über Diplomatie gar nicht mehr geredet werde.

Linken-Politikerin Sitte leitete in der Folge fast salomonisch zum Thema der Hilfen hierzulande über. "Die Lösungen, die wir den eigenen Leuten anbieten, müssen gerecht sein", sagte sie und betonte: "Dass das Handwerk wieder hintansteht, ist typisch, dass die Großen bedacht werden, das Handwerk aber nicht." Damit hatte sie die angespannte Situation einigermaßen gut aufgelöst, und auch die Moderatoren, die sich insgesamt allen Beteiligten gegenüber sehr fair verhielten und ausgewogen moderierten, leiteten wieder zum Thema der Entlastungen weiter.

Rentnerin: "Dann wird es böse"

Doch die Stimmung im Studio wurde angesichts des Themas kaum weniger angespannt. Auch weitere Diskutanten, so der Geschäftsführer der Tafel Eisleben, konnten naturgemäß keine Entwarnung geben in der aktuellen Lage, aus welchem Blickwinkel auch immer sie auf sie blickten.  Und so sorgte eine der Gäste im Publikum, Rentnerin Angelika Spandau, am Ende der Sendung noch einmal für betretene Gesichter, als sie vor allem mit Blick auf die anwesenden Politiker ähnlich emotional ausrief wie zuvor Krökel: "Macht endlich was! Sonst haben Sie die Leute nämlich tatsächlich auf der Straße, und dann wird es böse." Eine Aussage, eine Warnung, die so klar war wie die gesamte Sendung, und für die sie merklichen Applaus bekam. Das mulmige Gefühl angesichts der Entwicklung bei den Energiepreisen – das war am Ende die Lehre der Sendung –, es scheint sich eben nicht nur bei Handwerkern oder Rentnern zu manifestieren.

>>> Die vollständige Sendung können Sie sich hier ansehen: "Angst vor Armut – wie schultern wir den teuren Herbst?"