Thilo Schaefer im Interview Energie-Experte erklärt schleppenden Ausbau des Stromnetzes

"Der Netzausbau hält nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien mit", sagt Energie-Experte Thilo Schaefer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung erklärt er warum.

Karin Birk

Thilo Schaefer leitet das Kompetenzfeld Umwelt, Energie, Infrastruktur beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln. - © IW Köln

DHZ: In Deutschland wird immer mehr Ökostrom produziert. Er kommt aber nicht immer beim Verbraucher an. Woran liegt das?

Schaefer: Stromerzeugung und Stromverbrauch fallen immer stärker auseinander. Während früher der Strom in Kraftwerken in der Nähe der großen Verbrauchszentren im Süden erzeugt wurde, kommt er heute zunehmend aus Windkraftanlagen Norddeutschlands. Gleichzeitig gibt es nicht genügend Leitungen von Nord nach Süd. Der Netzausbau hält nicht mit dem Ausbau erneuerbarer Energien mit. Das ist das Problem.

DHZ: Das heißt?

Schaefer: Wenn der Wind im Norden kräftig weht, müssen dort konventionelle Kraftwerke abgeschaltet werden. Im Süden müssen sie unter Umständen hochgefahren werden, um der hohen Stromnachfrage dort gerecht zu werden. Teilweise müssen die Windräder auch ganz abgeregelt werden. Solche Netzeingriffe kosten viel Geld und zusätzlich müssen die Stromerzeuger entschädigt werden.

DHZ: Um welche Summen geht es?

Schaefer: Zur Vermeidung von Netzengpässen haben die Netzbetreiber im letzten Jahr bereits rund eine Milliarde Euro ausgegeben. Und es könnte deutlich mehr werden, wenn nicht gegengesteuert wird.

DHZ: Derzeit wird der überschüssige Strom teilweise ans Ausland abgegeben. Weshalb sind unsere Nachbarn darüber verärgert?

Schaefer: Wenn in Deutschland mehr Strom produziert wird, als über die inländischen Netze verteilt werden kann, sucht sich der Strom über andere Netze – beispielsweise über Polen und Tschechien seinen Weg. Das belastet auch die Netze dieser Länder. Polen ist deshalb jetzt schon dazu übergegangen, so genannte Phasenschieber einzubauen, um den Stromzufluss zu regulieren.

DHZ: Die EU fordert zwei Stromnetzregionen mit unterschiedlichen Preisen für Deutschland. Was steckt dahinter?

Schaefer: Dahinter steckt die Vorstellung, dass der günstige Strom im Norden auch im Norden verbraucht werden muss. Da im Süden der Strom nicht so günstig erzeugt wird, würden hier die Preise steigen. Damit könnte sich auch eine teurere Stromproduktion – auch in konventionellen Kraftwerken – wieder rechnen. Allerdings zu höheren Kosten.

DHZ: Bund und Länder wollen jetzt den Windkraftausbau im Norden drosseln. Was halten Sie davon?

Schaefer: Es ist in jedem Fall sinnvoll, nicht einfach maximal weiter Kapazitäten auszubauen, sondern zuerst diejenigen, die mit möglichst geringer staatlicher Förderung auskommen. Damit lässt sich der Kostenanstieg begrenzen. Auch die Beschränkung des Ausbaus der Windkraftanlagen in Norddeutschland auf 60 Prozent des bisherigen durchschnittlichen Zubaus halte ich für sinnvoll, so lange nicht ausreichend Übertragungsnetze vorhanden sind. Nur so kann dem Auseinanderdriften der Stromproduktion aus Erneuerbaren und dem Netzausbau Einhalt geboten werden.

DHZ: Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit die Netzengpässe reduziert werden?

Schaefer: Nachdem der Beschluss zur Erdverkabelung den Ausbau weiter verzögert hat, muss die Politik den Ausbau der Übertragungsnetze jetzt stärker vorwärtstreiben. Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt und Bürger früher und effizienter eingebunden werden. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass das Vorhaben noch teurer wird.