Pro und Contra Elektronische Gesundheitskarte einführen?

Datenschutz muss gewährleistet sein

Elektronische Gesundheitskarte einführen?

PRO: Marion Caspers-Merk, (SPD) Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit

Die Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert stieß auf große Skepsis. Die Menschen fürchteten sich vor den metallenen Ungetümen. Die Gesundheit würde durch die hohe Geschwindigkeit Schaden nehmen, meinten Ärzte. Es ist menschlich, neuen Dingen zuerst mit Skepsis zu begegnen. Für die Bewertung technischer Neuerungen ist es jedoch ratsam, sich an die Fakten zu halten.

Tatsache ist, dass über die elektronische Gesundheitskarte zukünftig zusätzliche, im Notfall eventuell lebensrettende Informationen zur Verfügung stehen. Arzneimittelunverträglichkeiten oder die Verordnung ungeeigneter Arzneimittel werden aufgedeckt. Eine verbesserte Qualität und mehr Effizienz in der medizinischen Versorgung werden so möglich. Das Risiko des Kartenmissbrauchs wird zudem durch das Lichtbild reduziert.

Niemand braucht den gläsernen Patienten zu fürchten, weil es ihn nicht geben wird. Die Gewährleistung des Datenschutzes war von Anfang an eine unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung der Gesundheitskarte – unter Einbindung des Bundesbeauftragten für Datenschutz. Mit der Gesundheitskarte erstellte Daten sind mit einem doppelten Schloss gesichert. Der Patient und der Arzt oder Apotheker müssen jeweils parallel ihre Geheimnummern eingeben. Dabei bleibt der Patient stets „Herr seiner Daten“, er entscheidet, wer wann seine Karte lesen kann. Er entscheidet auch, welche zusätzlichen Funktionen seine Karte bekommt. Wenn die ersten Versicherten ihre Gesundheitskarte in den Händen halten, werden die Vorteile überzeugen.

CONTRA: Martin Grauduszus, Präsident Freie Ärzteschaft

Die elektronische Gesundheitskarte sollte eigentlich schon zum 1. Januar 2006 eingeführt werden. Kosten sollen gespart und die Behandlung soll verbessert werden. Auch soll der Patient "Herr seiner Daten" werden. Doch was ist davon zu halten? Durch die Einführung dieses Projektes entstehen nach Angaben des Gesundheitsministeriums Kosten in Höhe von 1,4 Milliarden Euro. Eine Studie von Booz Allan Hamilton spricht dagegen von mindestens 6,9 Milliarden Euro. Anerkannte Kosten-Nutzen-Analysen fehlen. Das Einsparpotenzial beim elektronischen Rezept wurde offiziell schon von 500 auf 70 Millionen Euro reduziert. Eine spektakuläre Verbesserung der Behandlung wird versprochen, jedoch ohne den praktischen Nachweis, dass die Gesundheitskarte tatsächlich Probleme löst. Nachdem die elektronische Gesundheitskarte mit Verzögerungen in der Praxis erprobt wurde, gab es viele technische Pannen und sie behinderte den geregelten Ablauf der Arztpraxen. Zweifelhaft ist auch die Idee, mit einem Passfoto auf der Karte deren Missbrauch zu vermeiden. Durch Fotos auf Kreditkarten konnte die Missbrauchsrate nicht verringert werden und Banken haben dieses Konzept schon vor Jahren verworfen. Angekündigt wurde eine Gesundheitskarte mit einem Chip für alle persönlichen Krankheitsdaten. Nun soll der Patient mit der Karte einen Zugangsschlüssel für ein gigantisches elektronisches System bekommen, bei dem er nicht mehr weiß, auf welchen Zentralservern seine Daten liegen. Der Weg zum gläsernen Patienten ist dann nicht mehr weit.