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TV-Kritik: ARD-Reportagen zur Elektromobilität Elektromobilität hat gewaltige Tücken

In Zeiten, da der Klimawandel zu einem der wichtigsten Themen im Land aufgestiegen ist, wird sie oft als Allheilmittel gefeiert: die Elektromobilität. Doch sind mit Strom betriebene Fahrzeuge wirklich so umwelt- und klimaschonend, wie viele glauben, und wie praxistauglich ist die E-Mobilität eigentlich, vor allem, was das Aufladen der Batterien angeht? Diese Fragen stellten sich zwei Reportagen der ARD - und lieferten Antworten, die eingeschliffene Schwarz-Weiß-Bilder von den guten Stromern und den bösen Verbrennern infrage stellten. Ein verdienstvolles Stück Journalismus.

Dieser Text handelt vom Unterschied zwischen Unannehmlichkeiten und ernsthaften Problemen. Ausgelöst werden beide von ein und derselben Sache: der Elektromobilität. Doch während hierzulande die Unannehmlichkeiten bei ihrer Einführung eher darin bestehen, dass zu wenig Ladesäulen vorhanden sind, sowohl im öffentlichen Raum als auch in privaten Garagen, und dass der Strompreis mehr als intransparent ist, geht es in weit entfernten Teilen der Welt darum, dass der Rohstoff-Abbau für die Batterien der E-Autos die Lebensräume von Menschen, Tieren und Pflanzen zerstört. Beides wurde dargestellt in Beiträgen der ARD, einmal im Wirtschaftsmagazin "Plusminus", und zum Zweiten in einer Dokumentation mit dem Namen "Kann das Elektro-Auto die Umwelt retten?" - und beide zusammengenommen lieferten Erkenntnisse, die auch die Apologeten der schönen neuen Strom-Welt zum Nachdenken bringen sollten.

Stromer fahren ist hierzulande kein Zuckerschlecken

In Deutschland ist das Fahren mit Elektroautos wahrlich noch kein Zuckerschlecken. Lademöglichkeiten gibt es nicht gerade an jeder Ecke, wenn sie vorhanden sind, dann oft mit Parkzeitbeschränkung, und die Preise stehen oftmals nicht einmal auf den Säulen. Diese und weitere Unannehmlichkeiten stellte das ARD-Wirtschaftsmagazin "Plusminus" in den Mittelpunkt eines Beitrags mit dem schönen Namen "Lade-Hemmung: Großbaustelle Elektromobilität". Dort wurden Menschen gezeigt, die schon seit Längerem mit strombetriebenen Autos unterwegs sind und ihre Probleme haben, wenn es darum geht, eine Ladesäule zu finden, das Auto in einem halbwegs annehmbaren Zeitraum zu laden, oder sich in die selbst genutzte Tiefgarage eine Ladesäule einzubauen.

"Wer elektrisch fährt, braucht gute Nerven", hieß es aus dem Off, als die Sendung Ingmar Kiesel aus Unterfranken vorstellte, der mit mehreren "Ladekarten" zum Bezahlen an den Säulen im Auto durch die Gegend fährt, und dennoch an der Ladesäule mitunter nicht einmal den Preis angezeigt bekommt, den der Strom kostet. Wartezeit auf die Ladung: eine geschlagene Stunde. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin springt dem geplagten Strom-Fahrer zur Seite und konstatiert, die Menschen, die in Deutschland schon jetzt mit Strom führen, stünden vor dem reinsten Chaos. Doch nicht nur an öffentlichen Ladestationen, auch in der heimischen Tiefgarage läuft bei Weitem nicht alles wie am Schnürchen. Thomas Degenfelder aus München darf keine Ladesäule an seinem Stellplatz errichten. Geld wäre da, Fördermittel gäbe es auch, doch das Plazet der Miteigentümer bekommt er nicht. Da bleibt nur, doch einmal die Woche an die öffentliche Ladesäule zu fahren - unschön. Und auch defekte Säulen kommen mitunter vor, und am Fall von Ingmar Kiesel zeigt sich an einer solchen, dass der Service der Betreiber oft mies ist, denn es fehlt einfach der Umsatz, sodass sich niemand so richtig für die Nöte der Kunden zuständig fühlt. Angesichts all dieser Probleme zeichnete sich beim jüngsten Autogipfel mit den Herstellern und der Bundesregierung ab, dass mittels eines "Masterplans" bis 2030 zehn Millionen Stromer auf die Straßen und dafür bis zu 300.000 neue Ladepunkte im ganzen Land ans Netz gebracht werden sollen. Der geneigte Wähler sollte merken: Da tut jemand etwas für die E-Mobilität und den Klimaschutz.

Der Abbau von Lithium kostet Lebensraum

Was indes aus Sicht der strombegeisterten Politik wohl besser nicht vor Augen der Menschen in Deutschland geschehen sollte, sind die Vorgänge, die sich etwa in Argentinien rund um den Abbau des für die Autobatterien unerlässlichen Metalls Lithium abspielen. Dort, in der Provinz Jujuy im Hochland der Anden, wo sich rund 60 Prozent der weltweiten Lithium-Vorkommen befinden, lassen zahlreiche Hersteller das Metall für die Batterien ihrer Stromer gewinnen. In der trockenen Gegend werden dafür künstlich angelegte Becken mit Salzwasser aus Salzseen gefüllt. In dem Wasser ist das Lithium gelöst. Wenn es nach mehreren Monaten an der Sonne verdunstet ist, bleibt in den Überresten etwa sechs Prozent Lithium übrig - und die gehen dann an die Hersteller der Batterien, mit denen die E-Autos auch hierzulande fahren.

Das Problem: Weil der Region durch das Abpumpen des Salzwassers und das dadurch einsickernde Süßwasser das lebenswichtige Elixier abhandenkommt, geht es für die dort lebende indigene Minderheit der Kolla um nichts weniger als das Überleben in ihrer angestammten Heimat. Landwirtschaft und Viehzucht, soviel ist sicher, wird es dort nicht mehr lange geben, wenn der Lithium-Abbau derart voranschreitet und durch den staatlich geförderten Ausbau der E-Mobilität im Westen sogar noch weiter angekurbelt wird - zumal die E-Autos immer größer werden, um größere Batterien tragen zu können und mehr Reichweite zu erhalten. Die Regierung in Argentinien vergibt indes munter weiter Lizenzen zum Lithium-Abbau, die viel Geld bringen. Vom Abbau von Seltenen Erden weltweit, der ein wahrhaft schmutziges Geschäft ist, ganz zu schweigen. Wer die Bilder von den Menschen gesehen hat, die um ihre Heimat bangen, und von den kilometerweiten Tagebau-Geländen, in denen die Seltenen Erden für die Batterien abgebaut werden, dürfte die Elektromobilität zumindest mit ein wenig anderen Augen sehen.

Denn auch die Herstellung der Batterien braucht, ganz unabhängig von der Menge an Lithium, so viel Energie, dass die CO2-Bilanz eines durchschnittlichen Stromers erst nach 100.000 gefahrenen Kilometern besser wird als die eines durchschnittlichen Verbrenners. Alles Probleme, die etwa der bekannte Physiker Harald Lesch ganz klar anprangert. Er zieht interessante Parallelen. Früher habe man beim Erdöl akzeptiert, dass es Umweltschäden gab, und heute sei es dasselbe beim Lithium. Das sitzt. Die Förderer der E-Mobilität als Umweltsünder? Tesla wird immer wieder genannt mit seiner gigantischen Batteriefabrik, auch BMW baut Batterien selbst. Der Zuschauer bekommt so eine ganz neue Perspektive, die den Horizont erweitert.

Keiner hält sich an die Standards

Zumal Henning Kagermann, Vertreter der "Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität", das vom Bundesverkehrsministerium gegründet wurde und unter anderem für E-Mobilität wirbt, klingt wie die Vertreter jeder anderen Branche, wenn sie auf Missstände bei der Herstellung ihrer "Waren" angesprochen werden. Die Abbaumethoden, heißt es zum Lithium, müssten "in etwa" den deutschen Standards entsprechen, "und dazu haben sich die Hersteller auch verpflichtet". Die wiederum beteuern ihr soziales Gewissen. Dumm nur, wenn sich, ähnlich wie bei den schlimmsten asiatischen Textilfabriken, keiner vor Ort an die deutschen Standards hält - wobei es bei der Textilwirtschaft regelmäßig einen öffentlichen Aufschrei und zumindest ein grundsätzliches Bewusstsein für die Probleme gibt.

Dabei gäbe es Lösungen, wie Städte auch ohne zu viele E-Autos, oder besser gesagt mit insgesamt deutlich weniger Autos auskämen: Die litauische Hauptstadt Vilnius etwa hat eine App entwickelt, die verschiedene emissionsarme Verkehrsträger miteinander verbindet und den Weg durch die Stadt weist. Auch hierzulande gibt es solche Projekte, etwa in Berlin. Die nachvollziehbare Schlussfolgerung der Film-Autoren: Das E-Auto alleine ist keine Lösung, weil es weder umwelt- noch klimafreundlich herzustellen ist. Beim Metallverbrauch sind die Verbrenner im Gegenteil sogar deutlich besser.

Wegschauen fürs gute Gewissen

Nicht immer bergen Dokumentationen im Fernsehen derart viel Erkenntnisgewinn in sich, wie sie in der Zusammenschau der beiden Sendungen, die auch noch beinahe parallel liefen, enthalten war, und dass E-Mobilität kritisch hinterfragt wird, kommt ohnehin medial kaum vor. Neben der Tatsache jedoch, dass die geförderten, "guten" Stromer eine menschlich und ökologisch schmutzige Seite besitzen, bleibt von der Dokumentation vor allem eines hängen: Die deutsche Öffentlichkeit macht offenbar einen Unterschied zwischen Missständen, die der vermeintlich guten Sache dienen, und solchen, die dies nicht tun. Bei ersteren ist sie jedenfalls viel eher geneigt, für ihr gutes Gewissen geflissentlich wegzusehen.

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