Der Zentralverband Elektro- und Informationstechnische Handwerke (ZVEH) hält die Energieinfrastruktur für die Achillesferse einer modernen Gesellschaft. Der Anschlag auf das Stromnetz in Berlin habe gezeigt, wie leicht angreifbar es sei. Energie- und Wasserwirtschaft drängt auf Investition und rückt die Frage der Wiederherstellung nach vorn.
Der ZVEH hält es für geboten, die Netze und die gesamte Energieinfrastruktur resilienter zu machen. Der Anschlag auf das Stromnetz in Berlin sollte eine Warnung sein, mehr auf die kritische Infrastruktur zu achten. Eines habe der Vorfall gezeigt: Die Energieinfrastruktur ist die Achillesferse einer modernen Gesellschaft und relativ leicht angreifbar, so der ZVEH wörtlich.
Angesichts einer angespannten weltpolitischen Lage und multipler Bedrohungen sollte der Vorfall eine Warnung sein, der kritischen Infrastruktur hierzulande mehr Augenmerk zu widmen. Deutschland müsse sich stärker auf das Worst-Case-Szenario eines Angriffs vorbereiten.
Stärkeres Arbeiten mit Ringleitungen
"Wir müssen uns auch für den Ernstfall wappnen und unsere Stromnetze resilienter machen", rät Thomas Bürkle, Vizepräsident des ZVEH. Dazu zählten Notfallpläne, aber auch eine engmaschigere Planung von Netzen sowie ein verstärkter Einsatz von Transformatoren und ein stärkeres Arbeiten mit Ringleitungen. Das sorge dafür, dass im Notfall nur Teilbereiche betroffen seien.
Der ZVEH empfiehlt aber auch eine dezentralere Stromversorgung. Wer in einem Ein- und Mehrfamilienhaus wohne, könne jedoch noch mehr tun und sich mithilfe einer Photovoltaik-Anlage (PV) und eines Speichers unabhängiger vom Versorgernetz machen. Denn über eine PV-Anlage erzeugter und im Speicher eingelagerter Strom stehe dem Haus auch bei einem Netz-Blackout zur Verfügung. Bei der PV-Anlage sollte die Nutzer jedoch auf eine Notstromfunktion achten, die es ermöglicht, die Anlage vom Netz zu trennen. Für Mieter biete sich das bidirektionale Laden an. Elektrofahrzeuge könnten dann als Speicher dienen. Der zuvor aus dem Netz geladene Strom könne wieder zurück ins Hausnetz eingespeist werden.
Rechtzeitig mit Absicherung auseinandersetzen
Thomas Bürkle unterstreicht noch einmal, wie verwundbar unsere Gesellschaft durch die zunehmende Abhängigkeit von Strom werde. Er empfiehlt Netzbetreibern und Verbrauchern daher, sich rechtzeitig mit dem Thema Absicherung auseinanderzusetzen und sich dafür an einen der 50.000 handwerklichen Elektrobetriebe zu wenden.
Wenn es um Schutz der Netze geht, verweist der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) auf eine Vielzahl eigener Maßnahmen der Netzbetreiber. Diese reichten von der Absicherung der IT-Systeme bis hin zum Objektschutz, der Sicherheitsprüfung von Personal oder dem Business Continuity Management. Sicherheitskonzepte würden kontinuierlich weiter entwickelt.
Auch der Schutz hat Grenzen
Angesichts der Größe der Energienetze habe der Schutz aber auch seine Grenzen, so der BDEW. Hunderttausende Kilometer von Energienetzen ließen sich nicht rund um die Uhr lückenlos schützen. Eine entscheidende Rolle beim Schutz kritischer Infrastruktur spiele daher die Prävention und eine schnelle Gefahrenabwehr.
Dafür bräuchten die Betreiber aber, so der BDEW, Informationen der Strafermittlungsbehörden und der Nachrichtendienste. Es sei eine ureigenste Aufgabe des deutschen Rechtsstaates, bei Gefahren und Bedrohungslagen zu ermitteln. Diese Pflicht dürfe nicht auf die Netzbetreiber abgewälzt werden.
Der BDEW macht aber auch Vorschläge für konkrete Maßnahmen. Physischer Schutz der Anlagen lasse sich zum Beispiel durch spezielle Zäune, den Einsatz von Überwachungstechnik, Sensorik und Leittechnik zur frühzeitigen Entdeckung von Störungen erreichen. Sicherungsmaßnehmen für die Informations- und die Betriebstechnologie können die Netzsteuerung schützen. Mobile Ersatztechnik und Notfallkonzepte könnten die Versorgung nach Störungen schnell wieder herstellen.
Wiederherstellung rückt nach vorn
Da keine vollständige Sicherheit garantiert werden könne, müsse, so der Verband, die Wiederherstellung in den Mittelpunkt der Aktivitäten rücken. Dem Business Continuity Management komme dabei neben der Wiederherstellungsstrategie mit einer vorausschauenden Risikoanalyse sowie regelmäßigen Übungen eine hohe Bedeutung zu.
Der Politik müsse nun festlegen, welche Investitionen sie in die Versorgungssicherheit tätigen wolle. Zusätzliche Schutzmaßnahmen kosteten erheblich mehr. Abzuwägen bleibe zuletzt zwischen zielführenden Schutzmaßnahmen auf der einen und einer vielleicht manchmal sinnvolleren schnellerer Wiederherstellung auf der anderen Seite, so der BDEW.
