Einstiegsqualifizierung: Sich in der Praxis beweisen

Einstiegsqualifikationen helfen Jugendlichen mit Vermittlungsschwierigkeiten und stärken die praxisnahe Berufsvorbereitung. Von Karin Birk

Dass Sandra Hrzenjak bei der Bäckerei Wiskandt in Pforzheim heute zum Stammpersonal gehört, hat sie einer Einstiegsqualifzierung zu verdanken. So konnte sie beweisen, was in ihr steckt, und bekam einen Lehrvertrag. Foto: Markus Bechtle

Einstiegsqualifizierung: Sich in der Praxis beweisen

Sandra Hrzenjak steht frühmorgens in der Backstube. Die 21 Jahre alte Pforzheimerin hat diesen Sommer ihre Lehre beendet und ist als Gesellin übernommen worden. "Ich bin sehr stolz, dass ich das so gepackt habe", erzählt sie. Als sich Hrzenjak vor vier Jahren mit einem Hauptschulabschluss für verschiedene Lehrstellen bewarb, bekam sie nur Absagen. Sie ließ sich nicht unterkriegen. Bei der Arbeitsagentur wurde ihr eine neunmonatige so genannte Einstiegsqualifizierung empfohlen. Über den gemeinnützigen Bildungsträger BBQ, der sie auch später weiter betreut hat, wurde sie für neun Monate in die Pforzheimer Bäckerei vermittelt.

Bald "Berufsfindungswerkzeug"

Bäckermeister Jörg Wiskandt erinnert sich noch gut. "Am Anfang war sie sehr zurückhaltend." Doch dann wurde sie zupackender und hat sich gut eingepasst. "Manchen Leuten muss man einfach mehr Zeit geben", sagt er. Nach ihrem Langzeitpraktikum bot er ihr eine Lehrstelle an. Heute ist sie aus seinem Team von 45 Mitarbeitern nicht mehr wegzudenken. "Ich kann mich hundertprozentig auf sie verlassen", sagt er.

Geschichten wie diese sind für Handwerkspräsident Otto Kentzler kein Einzelfall: "Die betriebliche Einstiegsqualifizierung hat sich bewährt", sagt er. Die Handwerksbetriebe wollten Jugendlichen Möglichkeiten bieten, sich in der Praxis zu beweisen. Allerdings müssten auch die allgemein bildenden Schulen für das nötige Rüstzeug der Jugendlichen und eine frühzeitige, umfassende Berufsorientierung sorgen. Da aber die meisten immer noch nicht wissen, wie viele unterschiedliche Berufe es im Handwerk gibt, sollen bald alle im Internet über das "Berufsfindungswerkzeug" zu finden sein.

Weniger Warteschleifen

Darüber hinaus sollten nach Ansicht von Kentzler die wenig ergiebigen "Warteschleifen" beim Übergang in die berufliche Ausbildung reduziert und die praxisnahe Berufsvorbereitung sollte gestärkt werden. Ähnlich sieht es Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Die finanzielle Förderung sollte künftig stärker bei der Ausbildungsbegleitung für schwierige Jugendliche und weniger bei der schulischen Berufsvorbereitung liegen.

Auch Ursula Lange, Abeilungsleiterin für berufliche Bildung in der Handwerkskammer Kassel, hält Einstiegsqualifizierungen für sinnvoll. Betriebe könnten so Bewerbern mit Vermittlungsschwierigkeiten eine Chance geben. Dabei seien die Lerninhalte während der Einstiegsqualifikation an die Ausbildungsverordnung angelehnt. "Werden sie erfolgreich vermittelt, können sie bei der Ausbildung angerechnet werden", ergänzt sie.

Julian Messerschmidt konnte so seine Lehrzeit bei der Fließenverlegungs GmbH Schmidt SLE im hessischen Breitenbach verkürzen. Schon während seiner Einstiegsqualifikation konnte der 19-Jährige verschiedene Qualifizierungsbausteine erfolgreich abschließen. "Dies wurde ihm dann auf das erste Lehrjahr angerechnet", sagt Betriebsinhaber Heinrich Schmidt. Heute ist Messerschmidt im zweiten Lehrjahr.

Hilfen in Mathe oder Deutsch

Bei anderen Jugendlichen geht es darum, sie im Praktikum erst richtig fit für die Ausbildung zu machen. Unter dem Stichwort "EQ Plus" gibt es neuerdings neben den Betriebspraktika ausbildungsbegleitende Hilfen in Mathe oder Deutsch oder sozialpädagogische Betreuung. Sie werden von der Arbeitsagentur vermittelt und gefördert.

Ursprünglich wurde die Einstiegsqualifikation im Rahmen des Ausbildungspaktes als betriebliches Langzeitpraktikum von sechs bis maximal zwölf Monaten entwickelt. Heute bekommen Betriebe für einen solchen Praktikanten einen Vergütungszuschuss von 216 Euro im Monat zuzüglich eines pauschalierten Anteils am durchschnittlichen Sozialversicherungsbeitrag. Derzeit sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit in der ganzen Wirtschaft rund 21.000 Jugendliche in Einstiegsqualifikationen. Von ihnen werden zwischen 60 und 70 Prozent in eine Lehre übernommen.

Jörg Scholz, Inhaber eines Sanitär- und Heizungsbetriebes in Leipzig mit vier Mitarbeitern, hat auch schon schlechte Erfahrungen gemacht: "Einmal hat es geklappt, zweimal bin ich auf die Schnauze gefallen", sagt er. "Einer hat bei mir als Praktikant angefangen und sich dann doch für eine Kfz-Lehre entschieden, ein anderer war unpünktlich und unverschämt." Beim Dritten hat es hingehauen. "Der arbeitet gut und ist heute im zweiten Lehrjahr", sagt Scholz. Trotz der Rückschläge würde Scholz es wieder probieren. Auch Bäcker Wiskandt sieht es so. "Man muss doch wenigstens versuchen, die Leute in Arbeit zu bringen", sagt er. Und noch etwas ist für ihn entscheidend: "In der Backstube brauchen wir nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer."

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter zdh.de (Stichwort Bildung/Ausbildungspakt).