Deutschland hat viel Arbeit, aber zu wenige, die diese Arbeit tun. In anderen Weltregionen ist es umgekehrt. Welche Erfahrungen Handwerksbetriebe mit der Ausbildung von Azubis aus dem Ausland machen.

Thu Trang Nguyen steht hinter der Fleischertheke. Ohne Scheu geht sie auf die Kunden zu. "Ich freue mich, dass ich mit Menschen zu tun habe. Es ist wichtig, miteinander zu sprechen, auch wenn ich mal Fehler mache", sagt die 23-jährige Vietnamesin.
Ihr Weg in die Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin bei der Fleisch- und Wurstwaren Schmalkalden begann in Hanoi. Die Südthüringer Wirtschaftskammern akquirieren seit 2016 über ein Partnerunternehmen junge Vietnamesen für eine Ausbildung in Deutschland. 162 Teilnehmer sind bisher gekommen, davon allein 24 in dem Schmalkaldener Betrieb.
"Wir müssen diesen Weg gehen", erklärt Tina Sauerbrey, Personalleiterin in dem fast 360 Mitarbeiter zählenden Handwerksunternehmen. "Hier in unserer Region haben wir immer weniger junge Menschen, die unsere Berufe erlernen möchten. Die Fleischer müssen zum Teil um vier Uhr früh aufstehen, die Verkäufer auch samstags arbeiten", verdeutlicht sie.
Von Vietnam nach Schmalkalden
Bevor die Vietnamesen nach Thüringen kommen, pauken sie ein Jahr lang Deutsch. Die Kosten für das Anwerben und den Sprachkurs streckt der ausbildende Betrieb vor; einen Teil davon, bis zu 5.000 Euro, kann er aber aus einem Förderprogramm zurückbekommen, aus der "Richtlinie des Freitstaates Thüringen zur Förderung von Thüringer Unternehmen bei der Gewinnung von Auszubildenden für eine qualifizierte, berufliche Ausbildung des Freistaats Thüringen". "Das reicht allerdings im Normalfall nicht aus, um alle Kosten zu decken", sagt Astrid Friedrich, Referatsleiterin Internationales der Handwerkskammer Südthüringen.
Die Fleisch- und Wurstwaren Schmalkalden beispielsweise bieten ihren vietnamesischen Azubis günstige Zimmer im unternehmenseigenen Wohnheim. So haben sie nicht nur eine gute Unterkunft, sondern gleichzeitig auch ein soziales Netz. Außerdem bekommen sie eine etwas erhöhte Ausbildungsvergütung. "Denn sie müssen sich damit ihr komplettes Leben selbst finanzieren", erklärt Sauerbrey.
Dieses Wohnheim ist Vor- und Nachteil zugleich. Einerseits hat der Betrieb damit keine Sorgen, die Azubis gut unterzubringen und die jungen Menschen bieten sich gegenseitig ein soziales Netz. Andererseits beobachte sie immer wieder, dass die jungen Leute mit gutem Deutschniveau ankommen, davon aber einiges vergessen, weil sie untereinander überwiegend Vietnamesisch sprechen.
Vietnamesische Führungskräfte
Die Investition in die Azubis lohne sich. Ihre Firma habe mittlerweile Vietnamesen in Führungspositionen, als Filialleiter oder Abteilungsleiter; manche hätten ihre Familie nachgeholt. Aber natürlich gebe es auch Beispiele, wo jemand nach der Ausbildung den Betrieb verlassen hat, so wie bei der Ausbildung deutscher Jugendlicher auch.
Die Betreuung der ausländischen Auszubildenden sei etwas aufwendiger als bei Deutschen. Die Sprachbarriere sei da, man brauche mehr Geduld zum Erklären und sie investiere auch mehr private Zeit. "Wir sind ihre Ansprechpartner, auch wenn sie mal Hilfe bei Behördengängen brauchen", nennt Sauerbrey ein Beispiel.
Von El Salvador nach Weiden
Dieselbe Erfahrung macht Siegfried Janner. Der Elektrotechnikermeister und Geschäftsführer der Janner Waagen GmbH in Weiden bildet seit vergangenem Herbst Ana Moran und Kevin Alvarez aus El Salvador aus. "Wir sind für sie wie eine zweite Familie. Da kümmert man sich um viele Dinge, die man in einer klassischen Ausbildung nicht hat", sagt Janner. Als die beiden vergangenen Sommer in Deutschland ankamen, zeigte er ihnen, wo sie einkaufen können, wie deutsche Mülltrennung funktioniert, er führte sie in örtliche Vereine ein, selbst seine Frau und seine Töchter wurden Ansprechpartnerinnen für die beiden.

Vor allem aber richtete auch er eine Betriebswohnung für die Azubis ein. "Wir haben hier Wohnungsnot", benennt er das größte Problem am El-Salvador-Projekt der Arbeitsagentur Weiden. Ana und Kevin sowie drei weitere Azubis aus dem Projekt sind dank Janners Betriebswohnung gut versorgt. Doch im kommenden Herbst würde der Unternehmer gerne vier weitere Azubis aus Mittelamerika aufnehmen und weiß nicht, wo sie wohnen sollen. "Ich kann sie ja nicht irgendwohin stecken, wir müssen sie in die Gesellschaft integrieren. Wenn sie sich nicht heimisch fühlen, sind sie wieder weg."
Die Wohnungseinrichtung, den Sprachkurs, den Flug von El Salvador nach Deutschland, jetzt auch einen Führerschein, all das finanziert Janner selbst. "Da sind schon ein paar Tausender weg", sagt er trocken. Die salvadorianischen Azubis hätten diese Summen nicht zusammenbekommen, denn in El Salvador lebt die Hälfte der Bevölkerung am Existenzminimum. Einige aus der 16-köpfigen Gruppe seien mit nur einem einzigen Koffer in Deutschland angekommen, erinnert sich Janner.
Er ist froh, dass er trotz anfänglicher Skepsis dem Projekt beigetreten ist, bisher als einziger Handwerker. Denn Ana und Kevin haben eine gute Vorbildung, zwölf Jahre Schule, davon zwei Jahre mit dem Schwerpunkt Elektro, außerdem einen Deutschkurs am Goetheinstitut mit B1-Niveau. Und sie bewähren sich. "Meine Azubis sind willig und haben eine sehr hohe Bereitschaft, zu lernen. Man erklärt ihnen etwas und sie setzen es um", freut er sich. Angesichts dieses Lerneifers und der Freundlichkeit von Ana und Kevin arbeite auch sein Team sehr gern mit den Salvadorianern zusammen.
Von Indien nach Renchen-Ulm
Auch Dieter Baier ist froh, dass er seit 2023 zwei Azubis aus der Ferne hat. Omkar Ghag und Shantanu Thorat stammen aus Indien. Sie kamen über ein Programm der Handwerkskammer Freiburg und der Fleischer-Innung-Lörrach in den auf architektonischen Sonnenschutz spezialisierten Betrieb in Renchen-Ulm. "Es macht richtig Spaß, sie auszubilden", lobt Metallbaumeister Baier.
Der Chef von hundert Mitarbeitern hat seit Jahren Probleme, gute Nachwuchskräfte in Deutschland zu finden. Er habe viele schlechte Erfahrungen gemacht. Seine beiden indischen Azubis dagegen seien intelligent und leistungswillig. Zwar hätten die beiden trotz ihres B1-Deutsch-Niveaus anfangs noch Verständnisprobleme gehabt. Doch sie lernten zügig und im Notfall könne man immer auf Englisch ausweichen.

"Unser Hauptproblem war tatsächlich die Unterbringung", sagt auch Baier. Das gelte allgemein für das Anwerben von Mitarbeitern. Also hat auch er in eine Immobilie investiert und eine Wohngemeinschaft in einer Dachgeschosswohnung eingerichtet. Fünf Personen können hier unterkommen. Zu seinen beiden Mechatroniker-Lehrlingen sollen im Herbst drei weitere Inder einziehen, die dann die Lehre zum Metallbauer beginnen. "Mit diesem ersten Jahrgang geben wir uns viel Mühe. Wir führen sie an unsere Kultur heran und nehmen sie auch privat mit, um sie zu integrieren. Aber das dürfte mit jedem Jahrgang leichter werden, weil die Älteren die Neuen einführen können", hofft Baier.
Nach seinen bisherigen Erfahrungen ist er optimistisch, dass seine indischen Azubis ihre Ausbildung erfolgreich bei ihm abschließen. Abbruch sei für sie keine Option, sie stünden bei ihren Familien in der Schuld. Shantanu hat sogar einen Kredit aufgenommen, um sich die Ausbildung in Deutschland zu ermöglichen, und stottert ihn jetzt langsam von seiner Azubivergütung ab. "In Indien könnten wir nicht gleichzeitig theoretisch und praktisch lernen und dabei schon Geld verdienen", erklärt der 22-Jährige, warum es ihm das wert war. Ihm gefalle auch die deutsche Arbeitskultur mit ihren geregelten Arbeitstagen und freien Wochenenden. Er will in Deutschland bleiben.
Von Pakistan nach Gerolstein
Unterdessen ist in Gerolstein Christian Pohs guter Dinge für den Ausbildungsstart. Zwei junge Männer aus Pakistan haben im August ihre Ausbildung zum Bäcker bei der Landbäckerei Roden gestartet. Der Weg zu deren Ausbildungsvertrag war unkonventionell. "Wir hatten für eine Filiale Minijobber gesucht", berichtet Pohs. Eine junge Frau bewarb sich, die sich neben ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau etwas hinzuverdienen wollte. "Sie stammt aus Pakistan, ist sehr aufgeschlossen, kann annähernd perfekt Deutsch und arbeitet wie aus dem Bilderbuch", schwärmt Pohs. Er habe sie gefragt, ob sie nicht Freunde in ihrer Heimat habe, die im Betrieb lernen wollen. So kam der Kontakt zu Muhammad Shahzad Zia zustande, der schon die junge Frau nach Deutschland vermittelt hatte.
Zia ist selbst Pakistaner und arbeitete 18 Jahre lang für die deutsche Botschaft in Islamabad. Dann machte er sich mit einer Deutschschule selbstständig. Er unterrichtet die Schüler bis zum B1-Niveau, lässt sie am Goethe-Institut die Prüfung ablegen und zeigt ihnen, wie sie sich in Deutschland für Ausbildungen bewerben können. "In Pakistan haben sie keine Zukunft", erklärt Zia. Sein Traum sei, eine Win-win-Situation für beide Seiten herzustellen.
Eine Vermittlungsgebühr nimmt Zia nach eigenen Aussagen nicht. Pohs führte die Vorstellungsgespräche per Videotelefonie und hatte ansonsten wenig Aufwand und keine Vorabkosten. "Damit das Visum erteilt wird, gibt es aber Vorgaben zum Verdienst", ergänzt er. Die Bäckerei wird also eine etwas höhere Ausbildungsvergütung bezahlen und außerdem das Deutschlandticket, damit die Azubis nachweislich ihren Lebensunterhalt bestreiten können.
"Aus unserer Runde vom Bäckerverband und auch bei der Handwerkskammer habe ich skeptische Äußerungen gehört", gibt Pohs zu. Doch seit fünf Jahren habe der Betrieb keinen Azubi mehr für die Backstube gefunden. Jetzt hofft er auf die Pakistani. Zwei Wochen nach Ausbildungsbeginn ist er erleichtert: "Hat alles so funktioniert wie angekündigt und der erste Eindruck nach zwei Wochen ist durchweg positiv", freut sich der Prokurist der Bäckerei.