Als der Film "Easy Rider“ 1969 in die Kinos kam, wurden selbst die Produzenten vom Erfolg überrascht, denn die Harley-Roadstory mit Peter Fonda und Dennis Hopper kickte sogar den neuesten James Bond von Platz eins. Spätestens seit dieser Zeit träumen Motorradfahrer von einer Harley-Tour durch den mittleren Westen der USA.
Michael Juhran
Einmal Asphaltcowboy sein
Los Angeles in der Nähe des Flughafens: Laura und Mike prüfen die Leihverträge, streifen die Motorradjacken über und checken die Harleys auf Kratzer. Eine Routinehandlung, die sich täglich viele Male in der Eagle-Rider-Station, dem größten Harley-Verleih der USA, wiederholt.
Und dennoch ist sie für viele Biker der erregende Auftakt zu einer Tour, von der sie seit vielen Jahren geträumt haben. Einmal im Leben wie Wyatt und Billy, die beiden Protagonisten des Films, völlig unbeschwert von LA aus durch die endlosen Weiten und grandiosen Naturschönheiten der Wüstenregionen des Westens zu röhren, den Alltag abzustreifen und das Gefühl der Freiheit mit dem Fahrtwind zu inhalieren. Ein Druck auf den Starter, ein Kick auf die Gangschaltung und schon setzt sich die 1,6-l-Maschine mit dumpfem Knattern in Bewegung.
Die Fahrer könnten unterschiedlicher kaum sein: Die junge Frau mit frechem Zopf neben dem Rauschebart, der erfahrene Biker neben dem Wiederanfänger, der mehr als 20 Jahre kein Motorrad angerührt hat. Routinierte Fahrer starten auf eigene Faust, gesellige Typen vertrauen sich einer geführten Tour an.
Laura und Mike sind Tour-Guides bei Eagle Rider. Sie begleiten Gruppen durch die Nationalparks und Wüstenregionen Kaliforniens, Nevadas, Arizonas und Utahs und tun alles, damit sich jeder Biker ihrer "Gang auf Zeit“ rundum wohlfühlt. Vom Nachtanken bis zum Einchecken im Hotel kümmern sie sich um jedes Detail, so dass man sich auf der Tour voll auf den Fahrgenuss konzentrieren kann.
Route 66 zum Grand Canyon
Auf der ersten Tagesetappe macht sich jeder Teilnehmer mit seiner Maschine vertraut. Nachdem am Abend auf über 300 km die unterschiedlichsten Fahrbedingungen von der Großstadt über den Highway bis zur verkehrsarmen Landstraße gemeistert sind, steigen die Asphaltcowboys in Palm Springs aus den Sätteln, klopfen ihre staubigen Jeans ab und genehmigen sich einen Drink aus der eisgekühlten Bier-Thermobox.
Schon auf der zweiten Tagesetappe entwickelt sich aus der zufällig zusammen gewürfelten Motorradgruppe eine verschworene "Bikergang“. Kippt mal beim Parken im losen Sand eine der schweren Maschinen um, so richten helfende Hände das 368-kg-Paket sofort wieder auf. Vor der bizarren Kulisse des "Joshua Tree National Parks“ fotografiert man sich gegenseitig, teilt Sonnencreme und kaltes Wasser. Gemeinsamer Jubel wird unterwegs beim Erreichen der Route 66 in Amboy laut.
Weiter geht es am Folgetag auf der einst wichtigsten Ost-West-Verbindungsstraße der USA. Beim Sonnenuntergang an der 30 km breiten Schlucht des Grand Canyon können sich selbst die hartgesottensten Biker nur schwer romantischer Gefühle erwehren.
Das Etappenziel des nächsten Tages heißt "Lake Powell Resort und Marina“, wo die Gruppe inmitten der Wüsten ein Abend auf einem Hausboot erwartet. Der durch den Glen-Canyon-Damm angestaute Colorado ließ hier den zweitgrößten Stausee der USA entstehen.
Mit spektakulären Aussichten wird die Gruppe auf der nächsten Etappe verwöhnt. Von der Navajo-Brücke über den Colorado lassen sich winzig kleine Boote ausmachen, die auf einer Raftingtour unterwegs sind. Dann kurven die Biker durch die gelb und rot strahlenden Sandsteinmonolithen des Red Canyon bis zum „Bryce Canyon Nationalpark“. Nach jeder Biegung wartet Mutter Natur mit neuen Überraschungen auf. Das durch ockerfarbene Türme und Schluchten führende bizarre Labyrinth kleiner Wanderpfade im Bryce Canyon führt zum Tabu-Bruch.
Erstmals werden die Harleys am Rande der Schlucht zurückgelassen und es geht zu Fuß auf Erkundung. Am nächsten Morgen markiert eine kurze Tour durch den "Zion National Park“ den Abschied von der außerordentlichen Schönheit der Berg- und Canyonwelt des mittleren Westens. Auf der Interstate geht es nach Las Vegas, wo die Tour mit einer Fahrt über den Strip ein Ende findet. Manche Träume muss man sich einfach erfüllen.