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TV-Kritik zur neuen Friseur-Dokusoap "Einfach Hairlich – Die Friseure": Wie RTL2 das Handwerk zeigt

Liebeskummer, Spirelli-Locken und unschön gefärbte Haare – im Friseursalon geht es oft um mehr als den perfekten Haarschnitt. Eine neue TV-Serie bei RTL2 gibt nun Einblicke in den Alltag der Friseure in Deutschland. Doch leider geraten die handwerklichen Fähigkeiten dabei in den Hintergrund.

Ein erfolgreicher Besuch beim Friseur sollte immer auf die gleiche Weise enden: Ein fixierter Blick in den Spiegel. Der Kopf dreht leicht nach links, dann leicht nach rechts, die Lippen werden leicht zur Schnute (neudeutsch: Duckface) angespannt. Dann folgt das Urteil: “Wow!”, “Super!”, “Genauso, wie ich es wollte!” War das Makeover doch etwas größer, dürfen auch ein paar Tränen fließen. Es ist eine Szene, die sich in deutschen Haarsalons wohl täglich tausende Male abspielt und die jetzt in einer eigenen Fernseh-Show entsprechend gewürdigt werden soll.

Ob Extension, Ombré oder Pixie-Cut: Bei "Einfach Hairlich - Die Friseure" (wochentags, 16:00 Uhr, RTL2) wird gewaschen, gefärbt und geschnitten, bis die Kundin mit eben jenem Blick in den Spiegel ihre neue Haarpracht erblickt. Die Fernseh-Show porträtiert jeden Tag vier Haareschneider in deutschen Großstädten, die besonders knifflige Fälle zwischen die Klingen ihrer Schere bekommen: Im Berliner Salon ‘Hairtie’ soll Friseurin Sheila mit einer Regenbogenfrisur den “Liebeskummer ihrer Kundin wegzaubern”, im Frankfurter ‘Haarwerk’ muss Hatice die “Todsünde selbstgefärbte Haare” retten und bei den ‘Bergmann Friseuren’ in Leipzig wünscht sich die Kundin “Spirelli statt Spaghetti” auf dem Kopf.

Die Doku-Soap verlangt den Friseuren einiges ab. Diese sollen - so verspricht es der Sprecher aus dem Off - nicht nur künstlerisch und handwerklich überzeugen, sondern auch als “Seelentröster” den Kundenkummer in Selbstbewusstsein umwandeln.

Eher Seelentröster als handwerkliche Künstler

Leider fallen die handwerklichen Fähigkeiten der Haarkünstler bei RTL2 wie abgeschnittenes Haar direkt ins Kehrblech. Der Seelentröster-Aspekt hingegen wird mit breiten Pinselstrichen aufgetragen wird, bis es tropft. Einstimmig beschwören die porträtierten Haarstylisten das Mantra, das Färben (ob Ansatz oder Ganzhaar) immer dem Profi zu überlassen, statt im heimischen Badezimmer die Coloration aus dem Drogeriemarkt zusammenzumischen. Doch als dann die Kiez-Friseurin Machere Castanier aus Hamburg in ihre selbsternannte “Hexenküche” schreitet, um mit ihrer 20-jährigen Erfahrung die richtigen Komponenten für ein leicht schimmerndes Rot zusammenzurühren, bleibt die Kamera neben der Kundin stehen und lässt sie über ihre Tochter plaudern.

Im Hamburger Salon Pompadur setzt Andreas Hintz mit fein austarierter Hand gerade zum “Schneiden der Grundlinie” an, da springt das Bild auf den Co-Inhaber Sebastian Hintz, der die Kundin gerade darüber aufklärt, wie sie am Ende doch noch ihren Traummann findet. Am sträflichsten vernachlässigt RTL2 die handwerklichen Fähigkeiten des schneidenden Gewerbes jedoch in Leipzig. Hier schwingt Beatrice Bergmann (28) im 100-Jahre-alten Familienbetrieb das Messer. Vor neun Jahren wurde sie mit 19 (!) die jüngste Friseurmeisterin Deutschlands. Das Ausnahmetalent hat sich die höchstanspruchsvolle Schneidetechnik des Calligraphy-Cut angeeignet und darf vor der Kamera dann doch nur Lockenwickler eindrehen. Dass das Haareschneiden auch Kunst ist, bekommt der Zuschauer hier nicht gezeigt.

Viele Fragen bleiben offen

Immerhin: Die Doku-Soap bemüht sich darum zu zeigen, in welch unterschiedlichem Ambiente die Deutschen einem Friseur ihre Kopfhaut anvertrauen. Im Frankfurter Hochglanzsalon von Hatice Nizan lässt sich Kundin Deniz den neuen Look (inklusive Extensions) stattliche 500 Euro kosten. Beim stylischen Hipsterfriseur Kings & Queens in München verlangt Inhaberin Julia Fleps (37) 65 Euro für Zopf-Abschneiden und Pixie-Cut. Und im Hamburger Wohlfühlstübchen Pompadur werkeln zwei Haardoktoren sieben Stunden lang für 350 Euro an kaputt gefärbtem Haar. Warum der Bob-Schnitt bei Tobias Kabirschke in München aber mit 69 Euro zu Buche schlägt, während der neue Look beim Berliner Billigfriseur ‘Hairtie’ schon ab 4,95 Euro zu haben ist, erfährt der Zuschauer nicht. Dabei wäre es ein leichtes zu erklären, warum eine spezialisierte Meisterin in Frankfurt andere Preise verlangen kann, als eine Auszubildende in Berlin.

Doch geht es am Ende nicht einfach nur um die Zufriedenheit der Kundin mit dem neuen Look? Nicht bei “Einfach Hairlich - Die Friseure”. Ob in Hamburg, Köln, Leipzig, München, Frankfurt oder Berlin: Einziger Gradmesser des erfolgreichen Schnitts ist der Mann, der durch seine Abwesenheit besticht. Hatice in Frankfurt verspricht: “Auf blond schaut jeder Mann.” Julia in München fordert: “Schick ein Foto an deinen Freund.” Andreas in Hamburg prophezeit: “Die Haare werden dir doch noch helfen, deinen Traummann zu finden.” Geht eine Frau zum Haarstylisten ihres Vertrauens, nur um einem Mann zu gefallen? Wäre dies der Rat eines jeden Friseurs in Deutschland, dann ist er oder sie als Seelentröster sicherlich durchgefallen. Geht es nach dem Münchner Coiffeur Tobias Kabirschke, ist das Ganze nämlich viel einfacher: “Haare abschneiden ist immer toll!”

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