Tierschutz und Handwerk Eine ungewöhnliche Freundschaft: Holzbau mit Storch

Im schwäbischen Kirchheim wird auf zwei Stockwerken gebaut. Unten entstehen Holzhäuser, oben bauen auf einem stillgelegten Baukran Störche ihre Nester. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Symbiose.

Storchennester auf einem umgebauten Baukran
Hoch über den Dächern der Firma Holzheu residieren die Störche auf dem eigens für sie umgebauten Kran. - © Conny Kurz

Alles fing mit einem altersschwachen Kran an. Er stand schon lange still und sollte abgebaut werden. Doch als sich ein Storch auf dem ausgedienten Baugerät niederließ, verschoben Markus und Karin Holzheu den Abbau. Erst einmal abwarten, dachten sich die Vogelfreunde – der Beginn ganz neuer Bautätigkeiten auf dem Gelände der Holzheu GmbH im schwäbischen Kirchheim.

Störche waren vom Aussterben bedroht

Karin Holzheu beugt sich über ihr Storchenalbum. Seit den Anfängen im Jahr 2005 sammelt sie alles, was mit "ihren" Störchen zu tun hat, Zeitungsartikel, Urkunden und viele, viele Fotos.

"Damals waren Störche eine absolute Rarität", erinnert sich die Unternehmerfrau. Der Storchenbestand in Deutschland war seit Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen, das Tier galt als vom Aussterben bedroht. Um so überraschter war das seit Jahren im Vogelschutzbund (LBV) engagierte Handwerkerehepaar über den neuen Bewohner des Baukrans.

Zimmerei und Bauunternehmen im Zeichen des Storchs

Karin und Markus Holzheu vor der Storchen-Informationstafel
Seit 16 Jahren bieten Karin und Markus Holzheu Störchen ein Zuhause. Ein neu eingerichteter Storchenradweg führt hinter ihr Betriebsgelände, wo eine Schautafel und ein fest installiertes Fernglas Vogelfreunde anlocken. - © Conny Kurz

Die Betriebsamkeit unten im Hof, wo in der Zimmerei Wände für Holzhäuser vorgefertigt werden und Lastwagen ständig ein- und ausfahren, störte das Tier oben auf dem Kran nicht. Nach dem ersten Winter kam es zurück und brachte einen Partner mit. "Sie fingen an, ein Nest zu bauen und wir dachten, jetzt brüten sie. Aber nach einem starken Gewitter waren sie wieder weg", erinnert sich Karin Holzheu.

Im Folgejahr baute das Storchenpaar weiter am Nest und fing an zu brüten. "Und dann standen sie plötzlich ganz still und starrten vor sich hin", beschreibt Holzheu. Mittlerweile weiß sie, was das bedeutet: Mit dem Nachwuchs stimmt etwas nicht.

Immer mehr Störche in Kirchheim

Erst im dritten Jahr war die Brut erfolgreich. Ab dann kamen immer mehr Störche. "Sie errichteten überall auf dem Kran ihre Nester, selbst ganz oben auf der Spitze. In guten Jahren hatten wir zwölf Nester mit bis zu 30 Tieren da oben", berichtet die "Storchenmutter".

Doch je mehr Leben auf dem Kran war, desto unruhiger wurden die Holzheus. Ein Storchennest wiegt 500 Kilogramm und mehr. "Einmal fiel eines herunter auf einen Con­tainer. Der war ganz schön eingedrückt." Und auch andere Dinge ließen die Storche auf das Betriebsgrundstück fallen: Zweige, Reste von nur halb verspeisten Beutetieren, auch tote Jungstörche und sehr viel Kot. "Wir mussten den Hof jeden Tag fegen und auch die Autos bekamen einiges ab. Für unsere 40 Mitarbeiter war das nicht mehr lustig", gibt Holzheu zu.

Störche in Deutschland

Störche im Nest
Störche lieben den Ausblick über weite Wiesen und Futtergründe. - © Conny Kurz

Eine Storchenfamilie braucht in der Brutzeit bis zu 4,5 Kilogramm Nahrung am Tag, bevorzugt Mäuse Eidechsen, Frösche, Würmer oder Insekten. Die Tiere bauen ihre Nester auf hoch gelegenen Posten, gerne in der Nähe des Menschen, brauchen aber den Blick über die umliegenden Wiesen und Flächen.

Intensive Landwirtschaft, Flurbereinigung und versiegelte Flächen haben die Storchenbestände in Deutschland bis weit in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts stark zurückgehen lassen.
Duch Artenschutzprogramme, aber auch aufgrund veränderter Zuggewohnheiten wegen der milderen Winter in Europa haben sich die Bestände in Deutschland wieder erholt.

Ursprünglich zogen die Tiere ab August ins Winterlager nach Afrika. Viele Störche fliegen aber nur noch bis Spanien oder bleiben in milden Wintern sogar ganz in Deutschland. Weltweit gibt es derzeit schätzungsweise 500.000 Weißstörche, in Deutschland sind es etwa 7.500 Brutpaare. bst

Alter Storchenkran drohte umzustürzen

Noch größere Bedenken hatten die Handwerker wegen des Krans selber. Um die geschützten Tiere nicht aufzuschrecken, musste der Kranarm still stehen. Um standfest zu sein, müssen Kräne sich aber mit dem Wind bewegen. Der fixierte Storchenkran wurde so zum unkalkulierbaren Risiko. Mit dem Vogelschutzbund suchte Markus Holzheu nach einer Lösung.

Der Storchenkran über den Dächern von Zimmerei und Baubetrieb.
Der Storchenkran über den Dächern von Zimmerei und Baubetrieb. - © Conny Kurz

Im Winter 2016, als die Störche nach Süden gezogen waren, ließ der Zimmerer und Bauingenieur den alten Kran Stück für Stück abbauen. Hinter dem Betriebsgelände goss er ein Fundament und errichtete darauf den 21 Meter hohen unteren Teil des Krans neu. Auf zwei eigens gefertigte Querträger setzte er neun Plattformen als Unterlage für die Storchennester. "Die alten Nester hatten wir mit dem Kran behutsam herabgehoben und das alte Nistmaterial auf die neuen Plattformen gesetzt", schildert Karin Holzheu. Trotzdem war es spannend, ob die Tiere den Umzug ihres Quartiers akzeptieren würden."Und als sie dann im Frühjahr kamen, gab es Streit, weil nur noch neun statt zwölf Nistplätze vorhanden waren", sagt Karin Holzheu lachend.

Störche klappern über Baufirma

Die Unternehmerfrau schaut nach oben. Auf dem Turm herrscht ein ständiges Kommen und Gehen und die Tiere machen ihrem Ruf alle Ehre: Sie klappern, was das Zeug hält. Holzheu blickt zwei Vögeln hinterher, die sich mit langsamen Flügelschlägen entfernen: "Das ist bestimmt eine Flugstunde. Wenn die Jungtiere flügge werden, zeigen ihnen die Alten, wie sie Kreise ziehen und wie sie das Nest wieder anfliegen können." Jeden Morgen gelte ihr erster Blick den Tieren; man entwickle einfach einen Bezug über die Jahre, sagt sie fast entschuldigend.

Viel Arbeit und Geld haben die Holzheus über die Jahre in die Störche gesteckt, immer finanziell und tatkräftig unterstützt durch den LBV und ehrenamtliche Helfer. Mit dem eigentlichen Geschäft, der Zimmerei und dem Bauunternehmen, hat das nichts zu tun. Oder doch? "Ob ich durch die Störche ein Haus mehr verkauft habe, kann ich nicht sagen. Aber wir bekommen viel Aufmerksamkeit und Anerkennung dadurch", sagt Karin Holzheu. Der Betrieb ist wegen des Storchenkrans bis weit über die Region hinaus bekannt, sie bekomme immer wieder Zuschriften aus ganz Deutschland deswegen.

Karin Holzheu am Fernglas
Karin Holzheu behält die Tiere immer im Blick. - © Conny Kurz

Positives Image dank Storchenkolonie

Für die Marktgemeinde Kirchheim sind die Störche ein zweites Wahr­zeichen neben dem berühmten Zedernsaal im Fuggerschloss geworden. Überall im Ort gibt es mittlerweile weitere Nester, das benachbarte Pfaffenhausen hat ebenfalls eine große Storchenkolonie. Im Rahmen der ländlichen Entwicklung haben das bayerische Landwirtschaftsministerium und der Vogelschutzbund einen Storchenradweg angelegt. Ein Höhepunkt auf den 40 Kilometern durch das Mindeltal: Die Holzheu-Störche mit einem eigens montierten Fernrohr mit Blick auf den Storchenkran.